Medienhaus Lensing
17.10.2008 18:11 Uhr
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Verschleppt und gefoltert: Autobiografie des chinesischen Regimekritikers Gao Zhisheng

FRANKFURT/MAIN Am 22. September 2007 wurde der chinesische Menschenrechtsanwalt Gao Zhisheng vor seinem Haus in Peking von Beamten in Zivil festgenommen und verschleppt. Vor sechs Wochen meldete sich ein Informant bei einem im Ausland tätigen chinesischen Radiosender und berichtete, Zhisheng sei an einem geheimen Ort südlich von Peking versteckt und werde dort massiv gefoltert.Sabine Müller

Der münstersche Agenda-Verlag hat nur einen kleinen Stand auf der Buchmesse, mit einem schwarzen Regal, auf dem recht unscheinbar Exemplare des Buches „Chinas Hoffnung“ liegt. Auf dem Titelbild ist Gao Zhisheng zu sehen. Die Unterzeile verrät mehr: „Mein Leben und Kampf als Anwalt im größten kommunistischen Staat“.

Mordanschlag

Zhisheng berichtet auf fast 400 Seiten, wie er aus ärmlichen Verhältnissen zum beachteten Anwalt aufstieg, der sich offen gegen das Regime stellte, für Gerechtigkeit und Rechte in seiner Heimat kämpfte – und wie er, seine Frau und seine beiden Kinder dafür bezahlen mussten. Er schreibt von ständiger Verfolgung, offenen Drohungen, Angriffen und Gewalttaten, von einem Mordanschlag.

In China erscheint sein Bericht im Jahr 2006. Er wird in die USA geschmuggelt, dort ins Englische übersetzt. Die deutsche Übersetzung übernehmen Ursula Schwede und Zhihong Zheng für den münsterschen Agenda-Verlag, in nur vier Wochen. Eine Mammutleistung. Doch so erscheint „Chinas Hoffnung“, herausgegeben von Thomas Kalmud, noch während der Olympischen Spiele 2008, deren Austragung Zhisheng heftig kritisiert hatte.

Am 12. September 2007 wendet er sich in einem offenen Brief an den Kongress der Vereinigten Staaten und erklärt, dass China die Menschrechte im Zuge der Olympischen Spiele noch massiver verletze als sonst. Zehn Tage später wird Gao Zhisheng verschleppt.

Psychischer Druck

Die Übersetzerin Zhihong Zheng ist auf der Buchmesse. Sie ist Journalistin bei der „einzigen chinesischsprachigen Zeitung, die unabhängig ist“, wie sie selbst sagt. Die Bestürzung über die Berichte des Informanten sind ihr und Verleger Bernhard Schneeberger anzumerken. Der Informant habe von schlimmsten Folterpraktiken gesprochen, auch die Familie sei gefoltert worden, der psychische Zustand von Zhishengs Frau und seiner 13-jährigen Tochter sei desaströs.

Zheng hofft auf Forderungen der internationalen Gemeinschaft zur Freilassung. China brauche Gao Zhisheng. „Er ist gefährlich für das Regime, weil seine moralische Kraft so groß ist“, sagt die Journalistin. Stolz ist in ihrer Stimme. Und Angst.

Zhisheng war einer der wahrscheinlichsten Kandidaten für den gerade verliehenen Friedensnobelpreis. Er hat ihn nicht bekommen. Die Auszeichnung wäre vielleicht ein Signal gewesen. Und hätte vielleicht seine Freilassung bewirkt.

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