Halle Münsterland: David Garrett beschwört die großen Gefühle
MÜNSTER Der Auftritt des Stargeigers David Garrett in der Halle Münsterland am Dienstagabend (26. Januar) wurde vom Publikum groß gefeiert. Auf seiner "Classic Romance"-Tour entführte er 3200 Menschen in eine rosarote Traumwelt.
Artikel aus diesem Ressort
Die Geschichten, die David Garrett erzählt, kommen ein bisschen ungelenk daher. Garrett will unterhalten. Schüchtern, bescheiden gar erzählt er, als ob er sich nicht recht traut, etwas von sich preiszugeben. Nur die Show eines Mannes, der weiß, wie eine gute Show funktioniert?
Zumindest ein Gebaren, das perfekt zu seinem Image passt. Zu dem sanften Beau mit Zopf, Hütchen und Dreitagebart, der mit der Geige die Welt bezirzt. Seit er vier ist, spielt er sie. Mit 14 unterschrieb er einen Exklusiv-Plattenvertrag. Ein Höhenflug. Man erkennt den jungen, ernst dreinblickenden Mann mit dem kurzen Haar kaum wieder, wenn man sich die Plattencover von damals anschaut – auch wenn er schon schön, lasziv und mit nackten Armen posiert.
Musik ist seine Droge
Der Höhenflug ist schnell vorbei. Die Gesundheit des Wunderkindes macht nicht mehr mit. Seine Karriere knickte. Er sei „durch den Dreck gegangen“, sagt er einmal in einem Interview. Um wieder nach oben zu kommen, habe er Klinken putzen müssen. Heute drückt er seine Lebensphilosophie in einem einzigen Satz aus: „Meine einzige Droge ist die Musik“, sagt er in Münster.
28 Jahre alt ist er jetzt, steht an der Spitze der Verkaufsränge, und die Welt liegt ihm zu Füßen. Weil er den Hummelflug so schnell spielt wie kein zweiter. Weil er AC/DC genauso gut kann wie Bach. Weil er so aussieht wie er aussieht.
"Classic Romance" heißt das Album
Das neue Album mit dem belanglosen Kuschelklassik-Titel „Classic Romance“ enthält im Gegensatz zu seinen Crossover-Platten reine Klassikeinspielungen. Und auch in der ausverkauften Halle Münsterland, vor 3200 begeisterten Fans, genehmigt er sich mit der Staatskapelle Weimar im Rücken und Dirigent George Pehlivanian an der Seite nur einen Mini-Ausflug in moderne Gefilde: Er spielt „He’s a Pirate“, aus dem Film „Fluch der Karibik“. Und überzeugt. Mit Druck, Kraft und Piratencharme. So will man ihn spielen sehen. Dafür gibt es dann auch den lautstärksten Zwischenapplaus.
David Garrett beherrscht sein Instrument virtuos, keine Frage. Allerdings motzt er auch fast alles mit starkem Vibrato auf, jede Note in ein dickes Schmalzkostüm gehüllt. Bei Pablo Sarasates „Zigeunerweisen“ weinen und wimmern die Seiten, Sergej Rachmaninoffs „Vocalise“ schluchzt und trieft, Peter Tschaikowskis „None but the lonely heart“ zerreißt es fast, und die jungen Frauen im Publikum haben Tränen in den Augen. Es ist die Beschwörung großer Gefühle.
Neu ist das nicht. Mit ein bisschen Kitsch und Rüschchen, leicht, aber üppig verpackt, verkauft sich Klassik ziemlich gut. Seine Musik beeindruckt vor allem Klassik-Neulinge. Garetts Anspruch ist es, jungen Leuten „seine“ Musik ans Herz zu legen. Der erste Teil der Show ist denn auch eine Art „Best of Schmuseklassik“. Mit ein paar flinken Ausreißern wie Brahms Ungarischem Tanz Nr. 5, bei dem Garrett musikalische Mätzchen macht.
Kein Häppchen mehr
Seine Fans, die es mögen, wenn er Songs von Queen und Michael Jackson auf seiner Stradivari spielt, müssen im zweiten Teil Geduld beweisen. Das dreisätzige Mendelssohn-Violinkonzert ist weder Crossover noch Häppchen. Dass hier zwischen den Sätzen geklatscht wird, quittiert Garrett mit einem verständnisvollen Lächeln. Ist die Angewohnheit, das Musikstück erst komplett anzuhören, gar spießig? Bei Beethoven wurde schließlich ebenfalls nach jedem Satz Beifall gespendet.
Bei Mendelssohn hält sich Garrett erfreulicherweise mit dem Überschwang an Pathos zurück. Dirigent Pehlivanian und er sehen sich fast die ganze Zeit in die Augen, das Orchester folgt beweglich und hält den Klang transparent – es klingt nicht so suppig wie noch vor der Pause.
Dann ist Garrett wieder zurück im Geschäft. Mit dem Zugaben-Ohrwurm „Der Hut, der hat drei Ecken“ (Niccolò Paganinis „Karneval in Venedig“) verlässt er die Bühne. Mit einem scheuen Lächeln. Nach zwei Stunden rosaroter romantischer Träumerei.












