Neue Pop-Literatur: 30, ledig, verzweifelt
MÜNSTER Sie begegnen uns immer häufiger, diese Mittdreißiger, die weder Freunde, Partner noch Perspektiven haben. Die deutsche Pop-Literatur ist voll von ihnen. Ungezählte Autoren haben sich dort bereits am Typ „sympathischer Loser“ und seinem Alltagsgrau abgearbeitet.
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Kontrollfreak
Volkmanns Antiheld heißt Wilhelm Bitter, ein neurotischer Misanthrop, stiller Autist und spleeniger Kontrollfreak, dessen Tageshöhepunkt schon einmal darin bestehen kann, dass er von einem Nebenbuhler ein Veilchen verpasst bekommt. Als er einen betrunkenen Finnen bei sich übernachten lässt, gerät die selbst gewählte Isolation ins Wanken. Wilhelm schlittert von einer kleinen Katastrophe in die nächste. Das ist ganz amüsant, bietet aber außer bewährtem, solidem Material von der Loser-Front nicht viel Neues.
Der interessantere Teil der Doppellesung kam denn auch von Jens Friebe, der eine bunte Textkollektion mitgebracht hatte. Sein Tagebuch einer Reise in die Ukraine, die nach seinen Worten „alle bizarren Erwartungen übertraf“, ist eine amüsante Anekdotensammlung über Hochzeiten, Schweinepest und Trinkspruchkultur.
Die Dialektik des Katers
Höhepunkt der Lesung aber war Friebes essayistische Ausführung über „die Dialektik des Katers“. Hier schreibt Friebe über den „Fluchtpunkt allen ambitionierten Trinkens“, kurz gesagt: den Filmriss, sowie über die Taten des letzten Abends und darüber, wie man nach postalkoholischer Depression mit seinen Trinkkumpels am effektivsten den Restalkohol aktiviert, um sich so einen seligen „Sekundärrausch“ zu verschaffen.
Das alles ist in seiner drastischen Deutlichkeit gleichzeitig scharf beobachtet, komisch, poetisch und wahr. Und es passte perfekt zur sonntäglichen Katerstimmung im Spec-
Ops.
- Linus Volkmann: Endlich natürlich. Ventil Verlag. 174 Seiten. 12,90 Euro.
- Jens Friebe: 52 Wochenenden. Texte zum Durchmachen. Kiepenheuer & Witsch. 208 Seiten. 8,90 Euro.












