Die Flagge des syrischen Widerstands weht vor dem Brandenburger Tor in Berlin - grün, weiß, schwarz mit roten Sternen. Regimegegner stürmen die Botschaft, rufen zu Mahnwachen auf, sprühen arabische Freiheitsparolen auf Mauern und Wände. Der Widerstand gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad erhebt sich längst auch in Deutschland. Die Szene hierzulande scheint von Oppositionellen geprägt - zumindest übertönt ihre Stimme die der Assad-Anhänger lautstark. Deutlich wird: Raushalten kann sich derzeit kaum ein Syrer - auch weit entfernt von der Heimat.
2634 Syrer suchten hierzulande Asyl
Mehr als 32 000 Menschen mit syrischem Pass leben laut Ausländerzentralregister in Deutschland. Im vergangenen Jahr - nach Eskalation der Gewalt in ihrer Heimat - suchten 2634 Syrer Asyl. Der größte Teil von ihnen hoffe auf den Sturz des Regimes, hat der Hamburger Politologe und Nahost-Experte André Bank beobachtet. „Es gibt aber durchaus einige - meist aus den Minderheiten der Christen und Aleviten -, die nicht direkt der Opposition zuzurechnen sind.“
Gerade in Berlin lebten auch Assad-Befürworter, sagt der Vorsitzende des deutsch-syrischen Vereins, Tarek Abdin-Bey. Es liege nahe, dass sie von der Botschaft bezahlt würden. So klagen Regime- Kritiker in Berlin immer wieder über Schikanen. Kurz nach Weihnachten wurde der syrischstämmige Grünen-Politiker Ferhad Ahma in seiner Wohnung überfallen und nach eigener Aussage mit Schlagstöcken attackiert. Am Dienstag dann wurden zwei mutmaßliche Spione festgenommen, die für den syrischen Geheimdienst in Deutschland lebende Oppositionelle beobachtet und ausgeforscht haben sollen.
Alevitische Mehrheit überproportional vertreten
Auch Studenten und Akademiker, die mit Stipendien der syrischen Regierung in Deutschland leben, stehen nach Ansicht der Politologin Katharina Lange vom Zentrum Moderner Orient eher dem Regime in Damaskus nahe. Hier seien Angehörige der alevitischen Minderheit, der auch die Familie Assad angehört, überproportional vertreten. „
Andere beteiligen sich aus Kosten-Nutzen-Erwägungen oder unter Druck an Pro-Assad-Demonstrationen.“
Vor allem bei syrischen Studenten beobachten Nahost-Experten aber auch einen Stimmungswandel. In Deutschland hätten sie einen ganz anderen Zugang zu Informationen als in der abgeschirmten Heimat. Dadurch habe sich das bisher weitgehend ausgeglichene Verhältnis zwischen Regimegegnern und Assad-Anhängern deutlich geändert, sagt die in Berlin lebende syrische Wissenschaftlerin Salam Said. „Inzwischen gibt es mehr Gegner, weil sie mitbekommen, was in ihrer Heimat passiert.“
Facebook-Seite gefällt mehr als 5000 Menschen
Die Opposition solidarisiert sich vor allem über soziale Netzwerke. Auf der Facebook-Seite „Die syrische Revolution“ ruft auch Abazid Aktham zu Mahnwachen und Protesten auf - mehr als 5500 Menschen lesen mit. „Es gibt viele von uns, die gern wieder zurückkehren und mitkämpfen würden“, sagt er. Einige wollten die freie syrische Armee unterstützen. „Sie warten nur auf den richtigen Moment.“ Derzeit sei die Einreise nach Syrien für Widerständler aber nicht möglich. „Wir haben fast die Hoffnung verloren.“
Besonders aktive und daher auch gefährdete Oppositionelle haben sich nach Ansicht des Politologen Bank ohnehin eher in die Türkei als nach Deutschland abgesetzt. Aktuell kämen kaum Flüchtlinge nach, sagt auch Abdin-Bey. „Die meisten von uns leben schon seit 20 Jahren hier.“ Unpolitisch könne derzeit kaum einer von ihnen sein - „es geht schließlich um Menschenrechte“.
Kleiner Teil sieht große Gefahr
Ein kleinerer Teil der Syrer in Deutschland sehe aber auch die große Gefahr, die ein Regime-Wandel mit sich bringen kann, sagt Bank. „Ein plötzlicher Sturz könnte eine Eskalation der Gewalt bedeuten.“ Groß sei die Angst vor einer massiven Verfolgung von religiösen Minderheiten, die unter der Herrschaft der Assad-Familie einen vergleichsweise guten Status hatten.
Doch auch die „deutlich Assad-kritische Haltung“ in der deutschen Öffentlichkeit beeinflusse die Szene. Vielfach werde die Gewalt der Opposition verharmlost, sagt Bank. Das führe dazu, dass insbesondere Exil-Syrer mit Verwandten in der Heimat inzwischen eine neue Verbundenheit mit ihrem Land fühlten.