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LÜNEN Dominik macht den Schritt in einen neuen Lebensabschnitt. Vor zwei Wochen hat er sein Abitur gefeiert. Allerdings ohne seinen Freund Fabian. Der ist vor einem Jahr auf der Loveparade gestorben. Trotzdem hat Fabian im Jahrbuch, wie alle anderen Schüler, eine Seite. In Dominiks Handy steht er auch noch.
Dominik Schidlowski mit dem Jahrbuch seines Abitur-Jahrgangs. Er hat darin ein Gedicht über seinen toten Freund Fabian verfasst. (Foto: Nico Drimecker)
Dominik hat die Urne seines Freundes zu Grabe getragen. Er schrieb zur Erinnerung an Fabian ein Gedicht – es steht im Abi-Jahrbuch. Am 24. Juli 2010 hielt Dominik im Gedränge der Loveparade seinen Freund am Arm fest. „Er hat gesagt: Lasst mich los, sonst brech’ ich mir den Arm.“ Er ließ los. Fabian starb.
"Manchmal will ich Fabi anrufen"
Was Dominik und zwei weitere Freunde vor einem Jahr in Duisburg er- und überlebt haben, erzählt Dominik heute gefasst. Trotzdem schüttelt der 19-Jährige immer wieder den Kopf, als könne er es nicht glauben. Im Alltag taucht Fabian noch auf. „Manchmal will ich Fabi anrufen und merke erst, dass das nicht geht, wenn ich seinen Namen lese.“
Dominik, Dustin und Fabian waren 18, Dennis 19. Sie wollten Party machen. Sie entschlossen sich einen Tag zuvor, „man könnte ja mal hinfahren“. Die vier waren rechtzeitig da, sie haben gefeiert, getanzt, getrunken, haben „Party gemacht“. Während es viele nicht einmal auf das Veranstaltungsgelände schafften, waren die Teenager aus Lünen bereits auf dem Rückweg. Auf der großen Rampe am Gelände blieben sie stecken, zunächst keine Spur von Panik.
Die Kräfte hunderter Körper
So warteten Dominik und seine Freunde, ihnen gegenüber die Menschen, die an ihnen vorbei zu den Floats wollten. Auch von hinten nahm der Druck zu. Bis immer mehr Menschen „von allen Seiten“ kamen. „Alle wollten in entgegengesetzte Richtungen.“ Die Kräfte hunderter Körper, die sich durch ein Nadelöhr pressten, schoben die Freunde auseinander. Dominik und Dennis blieben zusammen. Einer ging mit dem Rücken voran, der andere dirigierte und schob. Ziel: „Rauskommen!“
Draußen trafen sie Dustin wieder, suchten Fabian, riefen dessen Vater an, der nach Duisburg fuhr. Zusammen suchten sie weiter, fragten Polizisten, Sanitäter. Fabian war auf keiner Liste der Toten, auf keiner Liste der Verletzten. „Da war die Wahrscheinlichkeit groß, dass er in der Menschentraube am Bahnhof steckt und bald nach Hause kommt.“ Also fuhren die Jungs mit Fabians Vater nach Hause, im Radio sprach man von 19 Toten. Erschöpft von der Tortur fiel Dominik ins Bett.
Der Weg zurück in den Alltag
Dennis klingelte am nächsten Morgen an der Tür. Es seien 20, nicht 19 Tote, sagte er. Dominik, Dustin und Dennis besuchten Fabians Eltern. „Er hat wirklich gesagt: ‚Lasst mich los?‘“, hat die Mutter gefragt. „Da weiß man erst mal nicht, was man sagen soll“, sagt Dominik – und schluckt. Wie es den Eltern von Fabian geht, weiß Dominik nicht genau.
Der Kontakt hat abgenommen, nachdem sie aus Lünen nach Dortmund gezogen sind. Dominik hat den Weg in den Alltag gefunden, nach dem Abitur wartet eine Ausbildung als Groß- und Außenhandelskaufmann auf ihn. Ein weiteres Jahr noch, und er wird seinen Freund Fabian vielleicht nicht mehr im Handy suchen.
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