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Medienhaus Lensing
27.12.2011 19:15 Uhr
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Interview-Serie zum Jahresende: Für schwulen Schützenkönig auf die Barrikaden

MÜNSTER Das Jahr 2011 geht dem Ende entgegen. In einer mehrteiligen Serie blicken wir auf Themen zurück, die dieses Jahr die Schlagzeilen bestimmt haben. Heute geht es um die Aufregung über einen schwulen Schützenkönig aus Münster, der den Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften gegen sich aufbrachte.Von Alexandra Heimken

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Schützenkönig Dirk Winter (r) und sein Lebensgefährte Oliver (l) (Foto: dpa)

Diese Geschichte hat ebenso viel empörte wie amüsierte Reaktionen hervorgerufen: Als im August bekannt wurde, dass der schwule König der münsterschen Schützenbruderschaft St. Wilhelmi-Kinderhaus seinen langjährigen Lebensgefährten zur „Königin“ machen wollte, wurde deutschlandweit über den Fall berichtet.
Die Emotionen kochten hoch, als der konservative Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften sich einmischte, der von der Idee eines schwulen Schützenkönigspaares wenig begeistert war. Alexandra Heimken sprach mit Gerd Göcking, Brudermeister der Schützenbruderschaft St. Wilhelmi, über die turbulenten Tage im Sommer 2011.

Die Geschichte vom „schwulen Schützenkönig aus Münster“ begann als kleine Meldung und hat dann riesige Wellen geschlagen. War Ihnen am Anfang klar, was alles auf Sie zukommen könnte?
  Gerd Göcking: Nein, überhaupt nicht. Dirk selbst wollte sich ja eigentlich auch eine Königin nehmen. Da haben wir gesagt: „Mensch, Du bist jetzt schon 15 Jahre mit dem Oliver zusammen, warum nimmst Du nicht ihn als Königsgemahl?“ Diese Entscheidung haben wir dann in einer kleinen Pressemitteilung verkündet.

  Und dann ging der ganze Wirbel los.
Gerd Göcking: Ja, nachdem die Zeitung darüber berichtet hatte, nahm alles seinen Lauf.

Hatten Sie mit der Reaktion des Bundes der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften (BHDS) gerechnet?
Gerd Göcking: Nein. Gut, wir sind eine eingetragene Schützenbruderschaft, und alles, was wir beginnen, fängt bei uns mit Kirche oder mit Messe an. Dass es aber solche Probleme geben könnte und der BHDS sich angegriffen fühlen könnte, daran hatte ich nicht gedacht.

Rückblickend betrachtet: War das naiv von Ihnen?
Gerd Göcking: Nein. Wir haben uns im Vorstand zusammengesetzt und gesagt: „Die Kirche muss sich sowieso mal rütteln.“ Wir wollen ja niemanden ausschließen. Das bedeutet Schützenbruderschaft ja – sich gegenseitig helfen und gegenseitig füreinander einstehen. Dass das so weite Kreise ziehen würde, war uns nicht klar.

Waren Sie enttäuscht? Oder wütend?
Gerd Göcking: Ja, am Anfang war mal Wut. Darüber, dass Dirk ausgeschlossen werden sollte vom Diözesankönigsschießen. Diese Geschichte lief ja so: Er hatte sich als Bezirkskönig qualifiziert. Uns war dann zur Auflage gemacht worden, dass – sobald der BHDS irgendetwas mit der Veranstaltung zu tun hat – die beiden hintereinander laufen beim Marsch. So weit, so gut. Als ich im Kroatien-Urlaub war, ging dann auf einmal mein Telefon. Dirk war dran. Da hieß es: „Wir machen das anders: Wir sind jetzt beim Landesbezirks-Königsschießen in Horstmar. Das Fernsehen ist auch da, und die wollen, dass wir nebeneinander laufen.“ Das wurde dann auch so gemacht. Ich war in Kroatien im guten Glauben, dass alles gut über die Bühne gegangen war.

War es aber nicht.
Gerd Göcking: Nein. Ich habe die Mitteilung erhalten, er würde vom Bundeskönigsschießen ausgeschlossen, weil Oliver und er nebeneinander gelaufen sind. Dann bin ich auf die Barrikaden gegangen.

Wie haben Sie versucht, den Konflikt zu lösen?
Gerd Göcking: Der Hochmeister des BHDS, Prinz zu Salm Salm, kam dann ins Pfarrhaus nach Kinderhaus. Er erklärte dann, es sei eine falsche Pressemitteilung vom Bund herausgegeben worden, und Dirk sollte gar nicht gesperrt werden. Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass er und Oliver bei allen Veranstaltungen, die vom BHDS organisiert werden, hintereinander laufen.

Gab es in Ihrer Bruderschaft Kritik an der Entscheidung, ein schwules Schützenkönigspaar zuzulassen?
Gerd Göcking: Nein. Wenn es wirklich dazu gekommen wäre, dass der BHDS uns noch größere Steine in den Weg gelegt hätte, wären wir ausgetreten. Dann wären wir keine Bruderschaft mehr, sondern ein Schützenverein gewesen.

Sie haben vorhin gesagt: „Die Kirche muss sich mal rütteln.“ Hat sich etwas geändert durch die Geschichte Ihrer Bruderschaft?
Gerd Göcking: Nein, den Eindruck habe ich nicht. Aber wer weiß: Unsere Bruderschaft war schon so ein kleiner Vorkämpfer. Wir hatten vor Jahren, 1975, die erste Schülerprinzessin. Die ist dann weitergekommen auf Bezirksebene, hat zehn Jungs geschlagen, wurde Bezirksschülerprinzessin. Dann wurde sie Diözesanschülerprinzessin, und weiter nach oben durfte sie nicht mehr schießen. Weil keine Frauen zugelassen waren. Da sind wir auf die Barrikaden gegangen und haben gekämpft. Das Resultat: Seit 1976 sind Frauen beim BHDS zugelassen. Das ist unser Verdienst.

Wie haben andere Schützenvereine im Sommer auf Ihr Vorpreschen reagiert?
Gerd Göcking: Sie glauben nicht, wie viele Mails und Briefe ich aus dem gesamten Bundesgebiet bekommen habe. Die haben uns alle Mut zugesprochen.

Böse Zuschriften haben Sie gar nicht bekommen?
Gerd Göcking: Nein. Natürlich gab es vereinzelt Stimmen, die gesagt haben: „Ich hab für solche Leute nichts übrig. Wer schwul ist, darf kein König werden.“ Das waren aber Einzelmeinungen.

Freuen Sie sich schon aufs nächste Jahr? Das wird wohl etwas unspektakulärer…
Gerd Göcking: Naja, Dirks großes Jahr ist ja 2012. Beim Schützenfest werden die beiden selbstverständlich nebeneinander durch Kinderhaus gehen. Das ist schon mal klar.
 


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