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Medienhaus Lensing
11.03.2010 18:24 Uhr
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Gastbeitrag von Ludwig Poullain: Wende durch Sparen

DORTMUND Die Rolle der Banken in der immer noch nicht ausgestandenen Wirtschaftskrise wird von vielen Seiten kritisiert. Nachfolgend veröffentlichen wir einen Beitrag von Ludwig Poullain, ehemaliger Vorstandschef der WestLB.Von Ludwig Poullain

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Ludwig Poullain, ehemaliger Vorstandschef der WestLB. (Foto: Dominik Asbach/laif)

Dieses wirtschaftspolitische Credo steht in keinem Parteiprogramm, es ist auch nicht das Ergebnis theoretischer Studien, es ist vielmehr der Saldo der Wahrnehmungen eines langen, in wirtschafts- und finanzpolitischen Räumen und Zentren verbrachten Lebens. In den vergangenen Jahren haben in der Bankenwelt Veränderungen stattgefunden, die aus Dienstleistern Fabriken gemacht haben.

Schon das Wort Finanzprodukt – ein Widerspruch in sich selbst – offenbart das Übel. Unter einem Produkt versteht man ein originär geschaffenes Gebilde. Finanzprodukte aber haben sich als nur in Hochglanz verpackte Konglomerate von zweifelhaften Forderungen gegen irgendwelche Dritte, angereichert durch einige Zertifikate oder/und Wertpapiere herausgestellt. Je differenzierter der Inhalt eines solchen Produktes, desto zweifelhafter ist sein Wert. Wie wenig das Wort, die Sprache gegen die Gier auszurichten vermögen, haben die Globalisten demonstriert. Sie zockten so lange weiter, bis die Märkte ob ihrer Vergewaltigung nicht mehr mitspielten und die Lehman Brothers in den River trieben.

An einem Sonntagabend flimmerte die Bundeskanzlerin über die Bildschirme, garantierte, was sie nicht kann, die Sicherheit der Sparguthaben und versprach, wozu sie als zweite Gewalt nicht befugt ist, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. In den siebziger Jahren galt es, unsere D-Mark vor der Gefahr einer importierten Inflation zu bewahren, die durch einen in Folge einer zu hohen Staatsverschuldung der USA ausgelösten Dollarverfall aufgetreten war. Jetzt erleben wir, dass die Epigonen der Hellenen, durch schrankenloses Schuldenmachen den Wert des Euro gefährden. Unsere Wirtschaft und vornehmlich unsere Industrie ist von der Finanzkrise nachhaltiger getroffen, als es der Augenschein vermittelt und sie wird längere Zeit benötigen, sich aus dem Tief zu befreien.

In dieser Phase des Ungewissen verändern sich die Märkte

Kaum ein Unternehmen wird nach einer Erholung wieder dort landen, wo es vor dem Einbruch gestanden hat. In dieser Phase des Ungewissen verändern sich die Märkte. Kein Unternehmer vermag heute abzuschätzen, wie er danach im Verhältnis zu seinem Konkurrenten dastehen wird.

Und selbst der gerissene Banker weiß heute nicht, wie die Bankenlandschaft nach der Finanzkrise aufgestellt sein wird, weder international noch im eigenen Land. Am Ende der Krise steht eine tiefgreifende Wende. Sie wird zwangsläufig eintreten und nicht durch die bessere Einsicht der uns Regierenden zu Stande kommen. Sie wird die wirtschaftlichen Verhältnisse in unserem Lande verändern, sie wird tief in die wirtschaftlichen Ressourcen unseres Staates eingreifen und damit - dies alles zwangsläufig - auch die sozialen Komponenten revidieren.

Nicht nur die Länder der Orangen und Oliven, Griechenland, Portugal, Spanien, Italien, auch die mitteleuropäischen Industriestaaten stehen vor der Alternative, entweder eine alles lähmende, eventuell bis zum Bankrott führende Überschuldung des Staates, hinzunehmen, oder eine mit drastischen Kürzungen durchsetzte Sparpolitik zu betreiben. Eine dritte Möglichkeit, dass der Staat sich seiner Schulden durch Inflation entledigen will, gibt es wohl nicht. Da eine Geldentwertung die Minderbemittelten am heftigsten trifft, würden die Verursacher vom Zorn des Volkes hinweggefegt werden. Es bleibt nur die Wende durch Sparen. Und sie wird alle Menschen unseres Volkes treffen. Werden staatliche Leistungen abgebaut – dies gilt für Unternehmen wie für Privatpersonen – wird sich erst einmal ein großes Geschrei erheben. Doch dies wird vor der Einsicht der Bürger, dass es notwendig ist, verstummen.

Wahrscheinlich wird von solchen Maßnahmen auch die Konjunktur belastet werden. Doch dies wird ein vorübergehender Effekt sein. Wir verdanken unseren Wohlstand der Tatsache, dass unser Land ein Industriestaat ist. Wenn seine Bürger auch weiterhin in Wohlfahrt leben wollen, muss er ein funktionierender Industriestaat bleiben.

Um dies zu gewährleisten, müssen die an den Staat gerichteten Ansprüche aller Bürger erheblich sinken. Parallel zu dem Zwang, den die herrschenden Verhältnisse ausüben werden, wird sich in der Gesellschaft ein Prozess des Überdrusses ausbreiten und die Wende beschleunigen. Dann sollte es den Wandel in das wundersame Parallelogramm von Wohlfahrt, Bescheidenheit und geistigem Anspruch wieder geben.


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