Organisierte Schwarzarbeit: Geflügel-Mafia steht vor Gericht

MÜNSTER Nach dem Ende der Prozesse gegen die Gerüstbau-Mafia hofft Münsters Staatsanwaltschaft auf den nächsten Schlag gegen die organisierte Schwarzarbeit. Ab Montag muss sich vor dem Landgericht der Chef eines münsterschen Fleischzerlege-Betriebs verantworten. Es geht um die Hinterziehung von Millionenbeträgen.

Insgesamt sechs Angeklagte treten übermorgen vor die Wirtschaftsstrafkammer des Gerichts. Neben dem Münsteraner stehen dann fünf seiner Helfer – meist Geschäftsführer verschiedener Firmen eines weit verzweigten Geflechts, das nur eine Aufgabe hatte: ein in der bundesweiten Fleischbranche seit Jahren laufendes System von Schwarzarbeit im großen Stil zu kaschieren.

Seit November 2009 wird ermittelt

So zumindest sehen es die Experten für Wirtschaftskriminalität bei der Staatsanwaltschaft, die den Prozess seit Monaten vorbereiten. Gut 150 Seiten stark ist die Anklageschrift, die Staatsanwalt Klaus Kaptur vorliegt, Akten und Beweismittel füllen Bände. Seit das Sextett im November 2009 verhaftet wurde, haben er und seine Kollegen versucht, Licht ins Dunkel zu bringen – unterstützt von Steuerfahndern und dem Team der „Finanzkontrolle Schwarzarbeit“, angesiedelt beim Hauptzollamt.

Gleich um die Ecke von der Gievenbecker Filiale der Zollfahndung lag demnach das Zentrum der Schwarzarbeiter. Von einer Etagenwohnung am Toppheideweg aus lenkte der Hauptangeklagte Trupps von zeitweise 800 Arbeitern – oft Vietnamesen und Palästinenser, aber auch viele Deutsche. Die lieh er als Subunternehmer unter ständig wechselnden Firmennamen an Geflügel verarbeitende Betriebe aus, um Ausbein- und Zerlegearbeiten zu verrichten. Seine Kunden waren auch zwei der größten Geflügelfleisch-Produzenten in Deutschland: die Firmen Heidemark und Wiesenhof mit Sitz im Oldenburger Münsterland.

Scheinfirmen erstellten Scheinrechnungen

„Die Arbeiter hatten alle gute Papiere, inklusive Gesundheitszeugnis und Lohnsteuerkarte“, sagt Kaptur. Legal bezogen sie allerdings nur ein Grundgehalt von 800 bis 1000 Euro monatlich: „Alles darüber hinaus wurde bar ausgezahlt.“ Dieses Bargeld beschaffte sich die „Geflügel-Mafia“ über Scheinfirmen, die Rechnungen über nie erbrachte Leistungen ausstellten. Dadurch hielten die Drahtzieher ihre Kosten niedrig, prellten den Staat um Lohnsteuer und Sozialabgaben und machten sich selbst die Taschen voll – so der Vorwurf der Anklage.

Vor Gericht macht Staatsanwalt Kaptur einen Betrag von 14,2 Millionen Euro geltend. „Der Gesamtschaden wird größer sein“, räumt er ein, das Firmengeflecht sei zu dicht, um alles durchzuermitteln. Der Prozess ist auf zunächst 15 Verhandlungstage angesetzt. Da fünf der sechs Angeklagten geständig sind, „könnte es schnell gehen“, so Kaptur. Absprachen mit den Anwälten über milde Urteile werde es nicht geben, betont der Leiter der Wirtschaftsabteilung, Oberstaatsanwalt Rainer Neuschmelting: „Wir haben eine erhebliche Straferwartung.“

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