Zeremonie im Friedenssaal: Helmut Schmidt warnt vor einem Scheitern Europas

MÜNSTER Tausende Menschen drängten sich am Samstag auf dem Prinzipalmarkt, um einen Blick auf Helmut Schmidt zu erhaschen. Der Altbundeskanzler nutzte die Verleihung des Preises des Westfälischen Friedens derweil als Gelegenheit für eine überraschend deutliche Kritik an der Bundesregierung.

  • Preisträger unter sich: Emma-Luisa Werz (10) und Helmut Schmidt (93).

    Preisträger unter sich: Emma-Luisa Werz (10) und Helmut Schmidt (93). Heiner Witte

Damit hatten nur die wenigsten gerechnet - mit überraschend deutlicher Kritik Richtung Bundesregierung nahm Helmut Schmidt am Samstag den Preis des Westfälischen Friedens in Münster entgegen. "Das deutsche Bundesverfassungsgericht, die Bundesbank und vorher schon Bundeskanzlerin Merkel gerieren sich als das Zentrum Europas." Zudem könne "die Europäische Union scheitern". Zwar habe sie immer mehr Mitglieder aufgenommen, institutionell vorangekommen sei Europa jedoch nicht.

Auf dem Prinzipalmarkt versammelten sich anschließend mehrere Tausend Menschen, um den Altkanzler in Münster willkommen zu heißen. "Die Deutschen werden noch viele Opfer für Europa bringen müssen", erklärte Schmidt der jubelnden Traube.



Verfolgen Sie hier die Ereignisse der letzten Stunden:

Letzte Aktualisierung:

13.12 Uhr: So voll war der Prinzipalmarkt noch nie! Schmidt sagte: "Ich bin gerührt, dass so viele Menschen gekommen sind. Aber denken Sie doch auch an Ihr Mittagessen! Es wird Zeit. Ich sage Ihnen: Deutschland muss noch viele Opfer bringen dür Europa. Viele Opfer." Die Menschen applaudieren begeistert.

13.00 Uhr: Ende des Festaktes. Eine so spannende Preisverleihung haben wir hier in Münster selten erlebt. Wir sind gespannt, wie voll der Prinzipalmarkt gleich ist.

12.54 Uhr: Der Festakt endet wie er begonnen hat, mit Mozart. Gleich wird Helmut Schmidt auf dem Balkon des Stadtweinhauses zu sehen sein. Danach folgt ein Empfang im Rathaus.

12.50 Uhr: Der Saal lacht laut: Moderatorin Scholt fragt Helmut Schmidt, "warum wir noch an Europa glauben sollten". Helmut Schmidt kontert sehr trocken: "Das habe ich doch in den vergangenen zehn Minuten erzählt". Ganz klar: Auf Interviews mit Helmut Schmidt muss man sich gründlich vorbereiten. Doch die zweite Frage sitzt: "Was wünschen Sie sich von jungen Leuten?" Schmidt: "Geschichtskenntnisse".

12.44 Uhr: Helmut Schmidt fordert Deutschland auf, für Europa proaktiv zu handeln zu agieren. Das Land müsse sich endlich bedanken bei England, Frankreich und Amerika. Deren Staatsmänner hätten Deutschland geholfen. "Wir müssen uns endlich revanchieren!" forderte Schmidt. Dies werde viel Geld kosten. Doch Deutschland dürfe "nie und nimmer Ursache werden für Stillstand, für Verfall oder gar für Zerfall des großen Projektes der Europäischen Union".

Langer Applaus nach der Rede!

12.41 Uhr: Zum ersten Mal Zwischenapplaus bei Schmidt Rede. Er hat gesagt: "Atomare Waffen sind Macht- und Rangabzeichen, sie sind Werkzeuge zur Drohung und zum Kriege. Ökonomisch und sozial sind sie eine Vergeudung der Produktivität."

12.39 Uhr: Helmut Schmidt überrascht in seiner Rede mit überraschend klarer Kritik an der aktuellen Bundesregierung. Hält er sich normalerweise aus der Tagespolitik raus, so kritisierte er soeben im münsterschen Rathaus das Verhalten der aktuellen Bundesregierung in der derzeitigen Finanz- und Griechenlandkrise. Die Bundesrepublik sei die ökonomisch stärkste Macht des Kontinents, und sie lasse das die anderen Mitgliedsstaaten dies auch spüren. "Das deutsche Bundesverfassungsgericht, die Bundesbank und vorher schon Bundeskanzlerin Merkel gerieren sich als das Zentrum Europas." Die öffenltiche Meinung in Deutschland sei von national-egoistischer Sichtweise geprägt.

12.14 Uhr: Das Publikum klatscht begeistert und erhebt sich von den Plätzen. Schmidt ist das etwas peinlich. Er winkt ab. Reinhard Zinkann verleiht nun den Preis.

12.13 Uhr: Während eines Filmbeitrage über sein Leben wird Helmut Schmidt in seinem Rollstuhl auf die Bühne geschoben. "Noch habe ich das Recht hier zu reden", blafft er im Film den Deutschen Bundestag an. Als Schmidt dies hörte, muss er leise lachen. Schmidt sitzt nun hinter seinem Podium. Er setzt sich einen Kopfhörer auf. Im Film geht es gerade um die Geiselnahme des Flugzeuges "Landshut" mit der Befreiung der Geiseln in Mogadischu. Zinkann will bei Schmidt den Sitz der Kopfhörer korrigieren. Der winkt ab.

12.05 Uhr: Dr. Reinhard Zinkann würdigte Helmut Schmidt als einen wesentlichen Wegbereiter der europäischen Einigung. Bereits 1966, als Schmidt noch kein Bundeskanzler war, habe er im SPD-Vorstand drei Ziele propagiert: Frieden, Freiheit und friedliche Durchsetzung für das Selbstbestimmungsrechtes für das deutsche Volk. Doch die Voraussetzung sei die Wiederherstellung Europas. Sonst werde das Projekt nicht gelingen. Der umstrittene Nato-Doppelbeschluss sei letztlich "ein entscheidender Beitrag zur Beendigung des Kalten Krieges sowie zur Überwindung der Teilung und Europas."

Helmut Schmidt sei Umfragen zufolge der größte lebende Vorbild der Deutschen, in Zeitungen werde er als das "politische Gewissen der Deutschen" genannt. "Wir ehren Sie heute gerne aus vollem Herzen für Ihr friedensstiftendes Lebenswerk", sagt Zinkann. Wenn heute militärische Konflikte in Europa nicht mehr denkbar seien, dann verdanke man dies Menschen wie Helmut Schmidt. "Wir fühlen uns gesondert geehrt von Ihnen, dadurch, dass Sie nach Münster gekommen sind, um ihn entgegenzunehmen", so der Vorsitzende der Wirtschaftlichen Gesellschaft.

11.50 Uhr: Gerade hat die Moderatorin Frau Scholt zum zweiten Mal "Helmut Schmitz" gesagt. Wir hoffen, es ist nur ihre Nervosität und dass sie eigentlich weiß, das der Bundeskanzler Helmut Schmidt wirklich Schmidt heißt. Ohne z am Ende.

11.38 Uhr: In einem bewegenden Filmporträt wurde die Arbeit von "Children for a better World" vorgestellt. Die Mitglieder der Organisation mit Sitz in München entscheiden selbst darüber, wer Hilfsgelder bekommt. Sie unterstützen Projekte in Kinderhospizen ebenso wie die Theateraufführung von Kindern in Seniorenheim. Das Geld, das sie ausgeben, werben sie zuvor ein. Unter dem Applaus der Gäste nehmen die Kinder den mit 50.000 Euro dotierten Preis entgegen. Dr. Reinhard Zinkann: "Die Kinder lernen, selbst Verantwortung zu tragen. Dafür bekommen sie diesen Preis".

11.30 Uhr: Der Kabarettist und Moderator und Mediziner Dr. Eckhard von Hirschhausen hält die Laudatio für den Jugendpreisträger. Die Organisation "Children for a better World" bekommt in den 18 Jahren ihres Bestehens zum ersten Mal einen Preis. "Und das zurecht", so Hirschhausen. "Warum soll ich auf Entscheidungen von Euch alten Säcken warten, deren Folgen Ihr dann gar nicht mehr erlebt", habe ein Kind in einer seiner Sendungen einmal gesagt.

Kinder müssten in Entscheidungsprozesse eingebunden werden, Kinderrechte müssten weltweit anerkannt werden. In seiner humorvollen Art stellt Hirschhauses einzelne Projekte des Preisträgers vor. 2,5 Millionen Kinder in Deutschland leben in Armut, so Hirschhausen. Weltweit stirbt alle fünf Sekunden ein Kind. "Jedes Kind, das heute stirbt, wird sterben gelassen. Und das ist desaströs", so der Kinder-Psychologe. Denn die Welt könne 12 Milliarden Menschen ernähren, doch nur 7 Milliadren leben zurzeit auf ihr."

11.15 Uhr: Ministerpräsident Hannelore Kraft lobt den Friedenspreis. Er habe innerhalb weniger Jahre ein "hohes Ansehen" erlangt. Zeichen für den Frieden seien immer noch nötig. "Aus Erfahrung und Einsicht wissen wir, es gibt nichts wichtigeres, als den Frieden in Europa und der Welt zu erhalten. Ich freue mich, dass der Preis an einen großen Architekten des europäischen Friedens geht. An einen wirklichen Staatsmann. Lieber Helmut Schmidt, mit ihrer Geradlinigkeit und Glaubwürdigkeit und Ihrer Integrität sind Sie uns allen ein Vorbild!"

11.09 Uhr: Oberbürgermeister Markus Lewe spricht in seiner Begrüßung über die Bedeutung des Westfälischen Friedens in der Geschichte der Welt. Zum ersten Mal sei es gelungen, eine militärische Auseinandersetzung auf dem Verhandlungsweg mit dem Abschluss völkerrechtlicher Verträge zu beenden. Doch Frieden sei keine Selbstverständlichkeit, und das "Westfälische System" des Friedens deshalb eine "fortwährende Mahnung", sich in Toleranz und Dialog und Offenheit für den Frieden einzusetzen.

10.59 Uhr: Die Spannung im Festsaal wächst. Bald beginnt die Live-Übertragung. Ein Ensemble des Sinfonieorchesters Münster spielt Mozart. Im Saal sind alle, die in und um Münster herum Prominenz haben. Dazu NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, Frank-Walter Steinmeier, Wirtschaftsführer, Unternehmer, Politiker. Das Preisgeld wird alle zwei Jahre von den Mitgliedsunternehmen der Wirtschaftlichen Gesellschaft aufgebracht.

10.55 Uhr: Dr. Reinhard Zinkann, Vorsitzender der Wirtschaflichen Vereinigung für Westfalen und Lippe, begrüßt die Gäste. Er betont, dass der Westfälische Friedenspreis mit 100.000 Preisgeld die höchst dotierte Auszeichnung ihrer Art in Deutschland. Mit seiner Vergabe verfolge die Gesellschaft ihr überparteiliches Ziel, die freiheitliche soziale Marktwirtschaft in einem föderalen Europa zu stärken.

10.45 Uhr: Helmut Schmidt, Dr. Reinhard Zinkann und die anderen prominenten Ehrengäste kommen unter großem Applaus in den Saal. Sabine Scholt begrüßt die Gäste. Gleich startet der WDR seine Live-Übertragung. Münsteraner auf Einkaufstour können die Preisverleihung live in der Halle des Rathauses sowie auf Leinwänden in der Innenstadt verfolgen.

10.20 Uhr: Die Gäste haben ihren Sitzplätze im Festssaal des Rathauses eingenommen. Beim Empfang im Friedenssaal hat sich ein gut gelaunter Helmut Schmidt dem Publikum gezeigt. Beim Eintrag in das Goldene Buch der Stadt scherzte er: "Hoffentlich runiniere ich Ihnen nicht den Füller". Oberbürgermeister Markus Lewe hatte den Altkanzler mit den Worten begrüßt: "Ich bin stolz und froh, Sie, den Bundeskanzler meiner Jugend einmal treffen zu dürfen. Sie haben in dunklen Tagen immer zu Deutschland gestanden." Frank-Walter Steinmeier hatte am Abend zuvor, bei einem Festessen auf Schloss Wikinghege, gesagt: "Dieser Preisträger ehrt den Preis."

Vorbericht: Seit Monaten schon plant die Wirtschaftliche Gesellschaft für Westfalen die große Preisverleihung. In den vergangenen Jahren waren es stets würdige und glanzvolle Veranstaltungen. Und so soll es auch in diesem Jahr wieder werden. Am Abend dann laufenie Bilder aus Münster meist in allen wichtigen Nachrichtensendern der Republik.

Die Verleihung des Preises an Helmut Schmidt und die Organisation „Children for a better World“ ist eine geschlossene Veranstaltung im Rathaus-Festsaal. Die Einladungen sind längst verteilt. Ehrengäste sind unter anderem NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft sowie der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion und Mitglied der Friedenspreis-Jury, Frank-Walter Steinmeier.

Für die Münsteraner wird die Stadt Münster ein "Public Viewing" von der Preisverleihung anbieten: Ab 11 Uhr wird die 100-minütige WDR-Live-Sendung auf einer Videowand an der Stubengasse gezeigt.

Balkon-Auftritt um 13 Uhr

Es gibt aber auch für alle, die nicht im Rathaus dabei sein können, die Möglichkeit, Helmut Schmidt für ein paar Minuten live erleben. Um 13 Uhr wird er mit den Ehrengästen auf den Balkon am Rathaus zu sehen sein.Von anderen Preisträgern – Kofi Annan, Daniel Barenboim – ist überliefert, dass die Kulisse des Prinzipalmarktes mit jubelnden Menschen für sie der schönste Augenblick der ganzen Preisverleihung war.

Programm ist minutiös geplant

Die Veranstaltung im Rathaus ist indes minutiös geplant. Um 10.30 Uhr werden die Plätze eingenommen, es folgen:
 

  • Begrüßung durch den Vorsitzenden der Wirtschaftlichen Vereinigung für Westfalen, Dr. Reinhard Zinkann
  • Musik von Mozart
  • Grußworte von Oberbürgermeister Markus Lewe und NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft
  • Laudation auf „Children for a better World“ von Dr. Eckhart von Hirschhausen mit filmischen Szenen aus dem Wirken der Jugendpreisträger
  • Übergabe des Jugendpreises
  • Laudatio auf Helmut Schmidt mit filmischen Szenen
  • Übergabe des Preises an Helmut Schmidt

Danach will Helmut Schmidt eine Rede halten, die allgemein mit Spannung erwartet wird, weil sie sich mit aktuellen politischen Problemen in Deutschland und Europa beschäftigen soll.

Nach erneuter Mozart-Musik und einem Schlusswort lädt die Stadt dann zum Empfang im Rathausfoyer ein.
 

Preisgeld:
Der Friedenspreis ist in diesem Jahr zum ersten Mal mit 100 000 Euro dotiert. Die Finanziers des Preises, Unternehmen aus Westfalen, hatten das Preisgeld zum Jahr 2012 verdoppelt.
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