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Wo Car-Sharing noch seine Tücken hat

Irgendwo einsteigen, losfahren, irgendwo abstellen: Car-Sharing ohne feste Stationen ist praktisch und beliebt. Wer sein Leih-Auto allzu einsam parkt, bringt aber das ganze System ins Wanken.

Donnerstag, 03.01.2019, 15:13 Uhr aktualisiert: 03.01.2019, 15:22 Uhr
Fahrzeuge der «car2go»-Flotte.
Fahrzeuge der «car2go»-Flotte. Foto: Bernd Weissbrod

Stuttgart (dpa) - Randlage ist in Stuttgart eigentlich begehrt undteuer. Wer es sich leisten kann, meidet den engen Talkessel und wohntlieber etwas abseits - mit entsprechendem Aufpreis, versteht sich.

Bei Car2Go, Daimlers Car-Sharing-Dienst, ist es neuerdings umgekehrt:Wer in ein eher einsam am Stadtrand abgestelltes Fahrzeug einsteigt,zahlt nun oft weniger als bisher. Wer hingegen zur Hauptverkehrszeitin der verstopften Innenstadt ein Car2Go-Auto bucht, bekommt mehrberechnet. Randlagen-Rabatt gegen City-Zuschlag, und zwar nicht nurin Stuttgart, sondern überall in Deutschland.

Hinter der Änderung der Preispolitik steckt ein Problem, das es nichtnur hier und auch nicht nur bei Car2Go gibt. Es plagt alle, dieCar-Sharing nach dem sogenannten Free-Floating-Prinzip anbieten -also ohne feste Anmietstationen.

Ein Auto an der nächsten Ecke

Für die Nutzer ist dieses Konzept ausgesprochen praktisch, weil sichoft gleich um die Ecke ein Leih-Auto findet und es nahezu überallinnerhalb eines bestimmten Radius wieder abgestellt werden kann. Fürdie Anbieter aber hat das System einen Haken: Wird ein Fahrzeug ineiner wenig frequentierten Gegend, meist irgendwo am Rand desGeschäftsgebiets, abgestellt, steht es dort unter Umständenstundenlang ungenutzt herum. Und wie bei Flugzeugen, Schiffen, Last-und Lieferwagen gilt auch beim Car-Sharing: Stillstand kostet Geld.

«Die Standzeiten der Fahrzeuge zu verkürzen, ist eine grundsätzlicheHerausforderung des Free-Floating-Konzepts, je nach Stadt mal mehrund mal weniger», sagt ein Sprecher von Car2Go. Die Frage sei: «Wiebekommt man die inaktiven Fahrzeuge aus den Bereichen mit geringerNachfrage heraus - und in Bereiche mit höherer Nachfrage herein?»Denn steuere man nicht aktiv gegen, gebe es irgendwann zu vieleinaktive Autos in Randgebieten - und an den Hotspots der Innenstädte,wo sie gebraucht würden, nicht mehr genug.

Wechselnde Preise

Etwa 15 Mal am Tag wird jedes Car2Go-Auto im Wochendurchschnittgemietet, es können aber auch mal über 20 Anmietungen sein - zumBeispiel in Berlin, in den 24 Stunden ab Freitagnachmittag, wie dasUnternehmen vorrechnet.

Damit die Werte nicht deutlich darunter fallen, versucht es Car2Gonun mit den wechselnden Preisen, um Menschen zu animieren, in ein zulange ungenutztes Auto einzusteigen. In Stuttgart etwa wurde vor guteinem Jahr auch schonmal das Geschäftsgebiet deutlich verkleinert.Dadurch fielen Gegenden weg, in denen häufig Autos strandeten.

Zum Hotspot locken

Auch bei DriveNow von BMW, jetzt noch Konkurrenz, bald aber Partnervon Daimler in einem neuen Gemeinschaftsunternehmen, kennt man dasProblem. Komplett flexibel ist das Preissystem dort zwar nicht.Geringere Minutenpreise für Autos, die zu lange ungenutzt sind, gibtes aber auch, wie ein Sprecher erklärt. Oder, wie in Köln, kostenloseBonusminuten für Kunden, die ein Fahrzeug wieder zurück an einenHotspot fahren. Auch Anpassungen der Geschäftsgebiete gebe es je nachStadt immer wieder, sagt der Sprecher. Durchaus könnten die dadurchauch mal größer werden, zum Beispiel um eine gut frequentierteBahn-Station noch einzubinden.

Aber bringt das alles auch was? «Die Menschen sind schon sehrpreissensitiv», sagt Verkehrsforscher Martin Kagerbauer vomKarlsruher Institut für Technologie. Insofern könne die Taktik schonErfolg haben. Auch ein möglichst homogen gestaltetes Geschäftsgebietsei wichtig. Aber letztlich habe man es eben mit Menschen zu tun unddie verhielten sich nicht immer rational. «Man wird so nicht alleStandorte der Fahrzeuge ändern können. Aber es ist ein ersterSchritt, das zu steuern», sagt Kagerbauer.

Relocation-Fahrten und Service-Maßnahmen

Ansonsten müssten die Anbieter Mitarbeiter losschicken, um die Autoszurückzuholen - was die in manchen Fällen auch machen. «Aber man hatsehr schnell gesehen, dass sich das nicht lohnt», sagt Kagerbauer.«Es rechnet sich wirtschaftlich nicht.» Car2Go etwa versucht deshalb,solche manchmal unvermeidbaren Aktionen mit ohnehin notwendigenService-Maßnahmen an den Autos zu verbinden. Gesteuert wird das Ganzevon einem Algorithmus, der dem Mitarbeiter auch sagt, wo er dasFahrzeug am Ende wieder abstellen soll.

Im September etwa betraf dieses Prozedere in Berlin rund zwei Prozentaller Fahrten der dort stationierten Autos. Ein weiteres Prozentwaren reine sogenannte Relocation-Fahrten, also Touren, die alleindazu dienten, das jeweilige inaktive Fahrzeug wieder in einebelebtere Gegend zu bekommen.

Mögliche Lösung für die Zukuft: Autonomes Fahren

Ideal ist das alles nicht. Auch DriveNow spricht zwar von ehervereinzelt auftretenden Fällen - die seien dann aber mit hohemAufwand und entsprechenden Kosten verbunden.

Abhilfe könnten autonom fahrende Autos schaffen, wenn es sie dannirgendwann gibt. Die parken sich dann - gesteuert vom Computer -selbst immer genau da, wo sie gerade gebraucht werden. DieStandzeiten gingen dadurch praktisch gegen null, dafür würde sich dieVerfügbarkeit deutlich erhöhen, rechnet Car2Go vor. «Wir kalkulieren,dass wir in der autonomen Zukunft den heutigen Bedarf mit nur 50Prozent der Fahrzeuge abdecken könnten», sagt ein Sprecher.

Diese Reduzierung der Fahrzeugzahl wäre auch dringend notwendig.Sonst bestehe durchaus die Gefahr, dass ganze Flotten leer und alleinin der Gegend herumfahrender Car-Sharing-Autos wieder für mehrVerkehr sorgten, warnt Experte Kagerbauer. «Das wäre dannkontraproduktiv», sagt er. Denn eigentlich ist Car-Sharing ja genaufür das Gegenteil gedacht.

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