Vintage oder Retro
Zeitgenössisches Motorradzubehör als Risiko

Beim Motorrad gerät die Frage, ob Vintage oder Retro, beinahe zum Glaubenskrieg. Was beim Zubehör für die eine und was für die andere Option sprechen kann.

Dienstag, 04.08.2020, 03:59 Uhr aktualisiert: 04.08.2020, 05:04 Uhr
Egal, ob Sie auf originale Oldie-Motorräder (l.) oder aktuelle Maschinen im Retro-Stil stehen, sollten Sie bei Ausrüstung und Helmen keine Kompromisse eingehen.
Egal, ob Sie auf originale Oldie-Motorräder (l.) oder aktuelle Maschinen im Retro-Stil stehen, sollten Sie bei Ausrüstung und Helmen keine Kompromisse eingehen. Foto: Markus Jahn

Berlin (dpa/tmn) - Der Old-School-Look ist in, besonders bei Motorrädern. Kaum ein Hersteller, der nicht mindestens eine an alte Optik angelehnte Maschine mit moderner Technik im Programm führt. Andere Biker wiederum wollen ein Vintage-Modell, also einen Oldtimer. Das beeinflusst meist auch die Wahl der Kleidung, des Zubehörs sowie der Anbau- und Ersatzteile.

Kann alt und authentisch auch gefährlich werden?

Alte Helme - keine Sicherheit

«Der Vintage-Trend hat durchaus seine Tücken, alte Helme zum Beispiel sind ein Unding», sagt Michael Lenzen. Die Weichmacher seien über die Jahrzehnte längst aus dem Kunststoff entwichen, so dass ein solcher Helm heutige Sicherheitsstandards nicht erfülle und keinerlei Schutzfunktion aufweise. «Dann wird Vintage schlichtweg lebensgefährlich», so der 1. Vorsitzende des Bundesverbandes der Motorradfahrer. Er rät zu einem aktuellen Modell in alter Optik.

Obwohl er als Besitzer alter Motorräder selbst betroffen sei, pflichte er Lenzen unbedingt bei, sagt Hajo Ullrich. «Ein alter Berliner Polizeihelm mag zur entsprechenden Maschine passen, wie die Faust aufs Auge, wird aber zerspringen wie eine Bierflasche, wenn er auch nur aus geringer Höhe zu Boden fällt.»

Ähnliches gelte für Lederkombis, -jacken und -hosen. «Mein Kradmelder-Outfit ist zwar aus unzerstörbarem Leder und wiegt schon dank des über die Jahre regelmäßig zum Einsatz gekommenen Lederfettes satte 14 Kilo, dem heutigen Sicherheitsanspruch aber genügt er trotzdem in keiner Weise», so der Motorrad-Trainer beim Auto Club Europa (ACE). Er trage das gute Stück auf einem Motorradtreffen deshalb nur, wenn er von Stand zu Stand schlendere.

Besser auf die Suche nach dem alten Look gehen

«Problematisch ist, dass man bei alter Lederbekleidung meist keine Schutzprotektoren nachrüsten kann», ergänzt Lenzen. Er könne zwar verstehen, wenn man etwa bei einer historischen Ausfahrt möglichst stilecht in Erscheinung treten wolle und zugunsten der Authentizität auch einmal eine Ausnahme mache. «Grundsätzlich aber ist es ratsam, in den Retro-Kollektionen der Zubehör-Anbieter etwas Passendes zu suchen, das gewünschte Optik und optimalen Schutz zugleich garantiert», so der Motorrad-Funktionär.

Auch für Ullrich sind moderne Alternativen durchaus vorzeigbar: «Wer mit einem Scrambler stilecht unterwegs sein will, für den gibt es keinen guten Grund, sich in einer normalen Jeans auf die Maschine zu setzen». Eine ausgewiesene Motorrad-Jeans biete denselben coolen Look, in den Jeansstoff aber seien Kevlar-Fäden eingewebt, zudem sei - je nach Modell - auch eine Hitzeschutzmembran an besonders sturzgefährdeten Stellen eingearbeitet.

«Und dieser Materialmix erspart einem bei einem Sturz die stark schmerzenden Schürf- und Brandwunden, die man sich mit einer normalen Jeans wohl zuziehen würde», weiß Ullrich. «Auch wenn vieles Geschmacksache sein mag und sich über Geschmack bekanntlich nicht streiten lässt, sollte der Sicherheitsaspekt immer Vorrang haben», so Lenzens Fazit, wenn es in Sachen Authentizität um die Bekleidung geht.

Was ist beim Zubehör zu beachten?

Deutlich komplizierter gestaltet sich die Diskussion bei den Ersatz- und Anbau-Teilen sowie beim weiteren Zubehör, wie Koffer oder Taschen. «Will ich den kulturhistorischen Wert und damit das H-Kennzeichen für meine Maschine erhalten, muss ich sehr genau überlegen, was ich verbaue», sagt Ullrich. Sonst könne es sein, dass ein Prüfer bei der Begutachtung zum H-Kennzeichen dieses verweigert.

Aber auch die Praxistauglichkeit ist im Blick zu halten. «Der Originalhebel mag zu meiner Maschine ideal passen», merkt Lenzen an. «Wenn er aber ergonomisch nicht auch zu meiner Hand passt, ist die Frage zumindest berechtigt, ob ich nicht doch besser zu einem einstellbaren Hebel greife, der mir ein längeres und ermüdungsfreies Fahren ermöglicht». Für ihn jedenfalls sei Authentizität um jeden Preis der falsche Weg und ein LED-Blinker in einem alten Gehäuse gewiss kein Stilbruch.

© dpa-infocom, dpa:200803-99-20094/2

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