Kinderfasching
Kein Karneval für zu kleine Kinder

Viele Kinder lieben Karneval, sich zu schminken, sich zu verkleiden - nur: zu klein dürfen sie nicht sein. Warum? Experten haben eine Antwort darauf.

Montag, 03.02.2020, 11:16 Uhr aktualisiert: 03.02.2020, 11:22 Uhr
Eine Erzieherin schminkt in einem Kindergarten einen Jungen.
Eine Erzieherin schminkt in einem Kindergarten einen Jungen. Foto: Alina Novopashina

Cappeln (dpa) - Kostüme sind erlaubt, aber eine große Feier gibt es nicht: Aus Rücksicht auf kleine Kinder im Alter bis zu drei Jahren verzichtet der katholische Kindergarten St. Marien im oldenburgischen Cappeln-Sevelten auf eine Karnevalsfeier.

Die Kinder dürften zwar verkleidet kommen, sollten sich aber nicht schminken. An Rosenmontag gebe es einen ganz normalen Kindergartenvormittag, sagt Leiterin Rita Latin. Kinder bis etwa drei Jahre kämen nicht damit zurecht, dass vertraute Personen auf einmal auf einmal anders aussehen. «Wir haben schon in den vergangenen Jahren die Erfahrung gemacht, dass die Kinder bei den Karnevalsfeiern völlig überfordert sind und den ganzen Tag über bei den Erzieherinnen sind», sagte Latin.

Die Entscheidung, komplett auf eine Karnevalsfeier zu verzichten, fiel nach einer Fortbildung, die der Psychologe Malte Mienert gehalten hatte. «Der Punkt ist nicht, dass sich Kinder nicht gern verkleiden, sondern dass sie andere nicht mehr wiedererkennen», erklärte der Experte für Entwicklungs- und Pädagogische Psychologie. Kinder im Krippenalter verspürten in dieser Situation eine tiefe Verunsicherung, etwa vergleichbar mit der, die sie spüren, wenn sie einer Gruppe von Fremden gegenüberstehen.

Diskussionen über den Sinn von Karnevalsfeiern kommen in Kindertagesstätten häufig vor, sagte Cornelia Kröger, Landesvorsitzende der Katholischen Erziehergemeinschaft Niedersachsen. Kinder bräuchten keinen Karneval für ihre Entwicklung. Aber in Regionen, in denen Karneval oder Fasching zur Tradition gehöre, machten sich die Erzieherinnen natürlich Gedanken darüber, ob und in welcher Form eine Feier Sinn macht. Dabei werde auch mit den Eltern gesprochen, um Rücksicht zu nehmen auf die jüngeren Kinder. «Generelles Ablehnen, nein, generelles Überlegen, ja, weil die Einrichtungen auch Kind- und situationsorientiert arbeiten sollen und müssen.»

«Dass junge Kinder mitunter Angst haben, wenn Leute verkleidet sind oder sehr fremd aussehen, und sie die vertrauten Personen nicht erkennen, das ist absolut nachvollziehbar», sagte auch Bettina Lamm, Geschäftsführerin des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung in Osnabrück. Die Freude am Verkleiden und am Rollenspiel erfordere bestimmte sozial-kognitive Voraussetzungen, die bei den ganz jungen Kindern noch nicht gegeben seien.

Einen generellen Verzicht auf Karneval in Kindertagesstätten finde sie aber auch schwierig, setzt Lamm hinzu. «Die Älteren haben schon Spaß daran, und für die ist es auch ein wichtiges Thema.» Karneval gehöre zur Kultur dazu.

Entwicklungspsychologe Mienert hingegen riet grundsätzlich, auf Karneval in Kinderkrippen zu verzichten. «Die Erwachsenen können ja feiern wie sie möchten», sagte er. «Die Kinder befinden sich aber in einer Situation, die sie sich nicht ausgesucht haben, deswegen finde ich da ein besonders sensibles Vorgehen sehr wichtig.» Eine Kindertagesstätte müsse sich nicht am Wohl der Erwachsenen orientieren, sondern am Wohl der Kinder. Karnevalsfeiern mit Kindern ab vier Jahren seien in Ordnung - wenn auch sie die Möglichkeit hätten, sich zurückzuziehen.

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