Bouldern und Co
Unfall beim Hallenklettern: Wer haftet?

Nicht nur an verregneten Sonntagen sind die Kletterhallen in Deutschland oft rappelvoll. Und wie bei jeder Sportart passieren auch Unfälle. Immer häufiger versuchen die Verletzten danach, von irgendjemandem Geld einzuklagen - teils mit, teils ohne Chancen.

Freitag, 10.01.2020, 04:42 Uhr aktualisiert: 10.01.2020, 05:02 Uhr
Der Hallenbetreiber hat nur die Pflicht, eine vernünftige Kletterwand samt Sicherungspunkten zur Verfügung zu stellen. Bei Unfällen haftet er in der Regel nicht.
Der Hallenbetreiber hat nur die Pflicht, eine vernünftige Kletterwand samt Sicherungspunkten zur Verfügung zu stellen. Bei Unfällen haftet er in der Regel nicht. Foto: arifoto UG

München (dpa) - Deutlich mehr als eine halbe Million Menschen inDeutschland klettern - die allermeisten davon in einer Halle. Rund500 solcher Sportstätten mit den bunten Griffen und Tritten sind inden vergangenen knapp 30 Jahren quer durch die Republik entstanden.

Zwar ist Hallenklettern eine vergleichsweise risikoarme Sportart,doch sind allein durch die rasante Zunahme der Ausübenden auch dieUnfallzahlen gestiegen. Das merken inzwischen auch die Gerichte, dennschnell steht dann die Frage im Raum: Wer ist schuld - und wer zahlt?

«Das ist grundsätzlich wie in anderen Lebensbereichen auch: DieFreudigkeit, solche Sachen gerichtlich nachzuverfolgen, hatzugenommen», erläutert der Bergführer und Rechtsanwalt Stefan Beulke.Gerade Menschen, die Klettern vorrangig als hippeFreizeitbeschäftigung wahrnehmen, wären oft regelrecht perplex, dassman sich bei einem Sturz auch verletzen könne.

Klettern auf eigene Gefahr?

«Wenn wir in die freie Natur gehen, ist es für uns völlig klar: Esist Klettern auf eigene Gefahr», sagte Christoph Ebert, LeitenderOberstaatsanwalt in Memmingen und Mitglied in der DachkommissionRecht im Deutschen Alpenverein (DAV), auf einer Juristentagung desBayerischen Kuratoriums für alpine Sicherheit in München. Ein nachalter Tradition sozialisierter Kletterer wäre kaum jemals auf dieIdee gekommen, seinen Seilpartner zu verklagen - doch in der Hallesieht das oftmals anders aus: «Unglück und Not werden heute nichtmehr als Schicksal hingenommen. Es herrscht die Vorstellung, es müssefür jedes Missgeschick einen Verantwortlichen geben», erläutertEbert.

Gerne wird dann auf eine vermeintliche Haftung durch denHallenbetreiber geschielt. Doch der hat juristisch betrachtet nur diePflicht, eine vernünftige Kletterwand samt Sicherungspunkten zurVerfügung zu stellen und die notwendigen und zumutbaren Vorkehrungenzu treffen, um eine Schädigung der Besucher zu verhindern. «Er mussaber nicht wie ein Adler durch den Raum schauen, ob da auch saubergeklettert wird und die Sicherungsgeräte richtig benutzt werden»,betont Ebert.

Hallenbetreiber meistens nicht haftbar

Letztlich ist es wie im Schwimmbad: Dort darf auch jeder Eintrittzahlen und reingehen, ob er schwimmen kann oder nicht. Solange derHallenbetreiber also alles beachtet, beispielsweise dieSicherungspunkte und Griffe regelmäßig wartet, ist er im Falle einesFalles nicht in der Haftung. In Bayern etwa, wo Schätzungen zufolgerund ein Drittel aller Kletterer in Deutschland lebt, gab es ersteinen einzigen Unfall, bei dem dem Hallenbetreiber eine Schuldnachgewiesen werden konnte.

Fahrlässiger Seilpartner

Kann ein Kletterer dann seinen Seilpartner verklagen, nach dem Motto:Du hättest mich doch halten müssen! Die Chance, das Gerichte das sosehen, ist durchaus gegeben. «Seilkletterer haften in der Regel fürleichte Fahrlässigkeit», betont Ursula Gernbeck von derStaatsanwaltschaft München I.

Zwar seien die Voraussetzungen dafür im Gesetz recht schwammigformuliert - für die «im Verkehr erforderliche Sorgfalt» seien die«anerkannten Regeln der jeweiligen Sportart» ausschlaggebend,sagt Gernbeck. Doch beim Hallenklettern gibt es kein modifiziertesRegelwerk. «Allein dass der DAV irgendwo eine Sicherheitsmeinungpubliziert hat, ist nicht ausreichend. Sondern entscheidend ist, obes sich zu einer Verkehrsnorm verdichtet hat, ob es wirklichpraktiziert wird.»

Aus dieser Argumentation heraus ist es Urteilen zufolgebeispielsweise fahrlässig, das Seilende nicht zu sichern, um einDurchrutschen zu verhindern. Auch der Partnercheck, bei dem beideKletterer gegenseitig überprüfen, ob der Gurt geschlossen und dasSeil richtig eingebunden ist, gilt als Standard. Ebenso muss derKletternde alle Sicherungspunkte einhängen.

Was jedoch völlig irrelevant ist: Ob jemand das Klettern oder dasSichern formal in einem Kurs gelernt hat. «Auch Selbstbeibringen istokay», betont Gernbeck. «Die Frage ist nur, ob man es richtig macht.»

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