Ansteckungsgefahr
Coronavirus: «Deutlich infektiöser als angenommen»

Trotz beispielloser Maßnahmen verbreitet sich das Coronavirus in China immer weiter. Was ist das für ein Erreger, der die Welt so in Atem hält? Die wichtigsten Antworten.

Freitag, 07.02.2020, 10:40 Uhr aktualisiert: 07.02.2020, 10:46 Uhr
Trotz beispielloser Maßnahmen verbreitet sich das Coronavirus in China immer weiter.
Trotz beispielloser Maßnahmen verbreitet sich das Coronavirus in China immer weiter. Foto: Then Chi Wey

Berlin (dpa) - Seit seinem Auftauchen im Dezember wird das neue Coronavirus 2019-nCoV intensiv erforscht. In etlichen Studien sammeln Forscher Erkenntnisse etwa zu Ansteckungsgefahr und Genetik. Was bisher bekannt ist - und was nicht:

Wie ansteckend ist das neue Coronavirus?

Diese Frage lässt sich zurzeit nur schwer beantworten. Klar ist, dass sich das Virus durch Tröpfcheninfektion - etwa beim Husten und Sprechen - verbreitet. «Der Erreger ist deutlich infektiöser als ursprünglich angenommen», sagt der Infektionsepidemiologe Lars Schaade, Vizepräsident des Robert Koch-Instituts (RKI).

Viele Details der Infektion seien noch ungeklärt, sagt der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité. «Das lässt sich nicht genau rekonstruieren. Man bekommt das Virus vermutlich ähnlich, wie man sich eine Erkältung einfängt.» Dass auch symptomfreie Menschen infektiös sein können, wie vereinzelt berichtet, hält Drosten für eher unwahrscheinlich.

Nach Auskunft chinesischer Mediziner kann sich das Virus möglicherweise auch über das Verdauungssystem verbreiten. Sie hatten den Erreger in Stuhlproben gefunden, nachdem sie festgestellt hatten, dass einige Patienten Durchfall statt üblicherweise Fieber bekommen hatten. Nach RKI-Angaben ist jedoch noch nicht abschließend geklärt, ob man sich tatsächlich auf diese Weise anstecken kann. Auch von der Mutter auf das Neugeborene ist das Virus nach Erkenntnissen in China wahrscheinlich übertragbar.

Auffällig ist die Diskrepanz zwischen der schnellen Ausbreitung in China und der Tatsache, dass sich in anderen Ländern bisher nur wenige Menschen angesteckt haben. Der Virologe Thomas Schulz von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) erklärt das auch damit, dass der Erreger in China vermutlich schon Wochen zirkulierte, bevor die Behörden rigorose Maßnahmen ergriffen. «Hätte man das einen Monat früher gemacht, wäre die Situation vermutlich nicht so eskaliert», sagt Schulz.

Welche Symptome verursacht das neue Coronavirus?

Der Erreger infiziert vor allem Zellen der unteren Atemwege. Dadurch scheinen manche Symptome einer Erkältung wie etwa Fließschnupfen nicht aufzutreten. Generell sind die Symptome der neuen Lungenkrankheit unspezifisch. Fieber, trockener Husten und Atemprobleme können auch bei einer Grippe auftreten. «Es reicht nicht aus, nur fieberhafte Personen zu testen», sagt Drosten. «Manche Menschen haben nur eine leichte Erkältungssymptomatik mit Frösteln und Halsschmerzen.» Mitunter können Patienten auch Kopfschmerzen oder Durchfall haben.

Die Inkubationszeit - der Zeitraum zwischen Infektion und Beginn von Symptomen - beträgt 2 bis 14 Tage. Deshalb werden Verdachtsfälle zwei Wochen isoliert. Nachgewiesen wird eine Infektion meist durch den Nachweis von Erbgut des Coronavirus im Sputum, dem schleimigen Auswurf beim Husten.

Wie gefährlich ist der Erreger?

Das lässt sich momentan kaum beantworten. Der Anteil der Infizierten, der an der Lungenerkrankung stirbt, liegt nach derzeitigen Daten in China bei etwa 2 Prozent - höher als bei einer Grippe. Bei den Grippe-Pandemien 1957 und 1968 lag die Fallsterblichkeit nach Angaben von Drosten bei etwa 0,1 Prozent.

Den hohen Wert in China erklärt der Experte mit dem Umstand, dass dort vor allem schwere Fälle bekannt werden. «Viele Menschen melden sich in China erst dann, wenn sie wirklich krank sind. Diese Fälle sind nicht repräsentativ.»

«Wir kennen die tatsächlichen Fallzahlen nicht», sagt Schaade. Außerhalb Chinas ist die Fallsterblichkeit gegenwärtig geringer. Die geringe Todesrate sei zunächst ermutigend, «aber wir müssen das weiter beobachten», sagt Schaade.

Clemens Wendtner, der in der München Klinik Schwabing sieben Infizierte betreut, geht davon aus, dass «die Sterblichkeit deutlich unter einem Prozent liegt, eher sogar im Promillebereich». «Mit einer sehr, sehr gefährlichen Erkrankung hat das nicht viel zu tun», sagt er.

Wie lässt sich die neue Lungenkrankheit behandeln?

Eine spezielle Therapie für die Erkrankung gibt es nicht. Schwer erkrankte Patienten werden symptomatisch behandelt: mit fiebersenkenden Mitteln, der Therapie etwaiger bakterieller Zusatzinfektionen und mitunter mechanischer Beatmung.

Lässt sich die Epidemie mit den bestehenden Aktionen stoppen?

Die Coronavirus-Epidemie werde ihren Höhepunkt Mitte bis Ende nächster Woche erreichen, sagte der Chef des nationalen Expertenteams im Kampf gegen das Coronavirus, Zhong Nanshan, am Montag. Ob das realistisch ist, lässt sich deutschen Experten zufolge kaum abschätzen. «Ich kenne die Daten und Modelle der Chinesen nicht», sagt Schulz, er tendiert aber zu Skepsis. «Im Augenblick geht die Kurve noch steil nach oben.» Der Infektionsepidemiologe Schaade stimmt zu: «Ich wäre mit Prognosen sehr vorsichtig.»

Drosten ergänzt: «Entscheidend ist, ob China es schafft, die Übertragungen zu stoppen. Das kann ich mir schon vorstellen.» Hinzu komme jedoch eine zweite Frage, betont er: Nistet sich das Virus in Ländern mit schlechtem Gesundheitssystem etwa in Afrika oder Asien ein, wo es kaum noch zu kontrollieren wäre? Dann drohe dauerhaft eine neue Lungenkrankheit auf der Welt.

Schulz vermutet, dass die Krankheit in China mit Beginn der wärmeren Jahreszeit zurückgehen wird - ähnlich wie bei Grippe und Erkältungen. «Die Frage ist, ob sie nächstes Jahr wiederkommt.»

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