Prinzessinnendenken ablegen
Wie Frauen Vorurteilen im Job begegnen

In den Führungsetagen vieler Unternehmen sind Männer oftmals noch in der Überzahl. Einer von vielen Gründen sind die Vorbehalte, denen Frauen im Beruf tagtäglich begegnen. Wie können sie dagegen am besten ankämpfen?

Donnerstag, 07.03.2019, 11:41 Uhr aktualisiert: 08.03.2019, 09:42 Uhr
Schwangere Frauen stoßen im Job immer wieder auf Vorurteile: Dagegen hilft Schlagfertigkeit - oder auch das direkte Gespräch mit Vorgesetzten zu suchen.
Schwangere Frauen stoßen im Job immer wieder auf Vorurteile: Dagegen hilft Schlagfertigkeit - oder auch das direkte Gespräch mit Vorgesetzten zu suchen. Foto: Andrea Warnecke

Berlin (dpa/tmn) - Hat der Kollege die Verantwortung für das Projekt bekommen, weil er ein Mann ist? Und denkt der Chef, weil man schwanger ist, muss man vor Herausforderungen geschont werden? Vielfach ist die Berufswelt immer noch geprägt von Vorurteilen. Doch wie geht man damit am besten um?

«Die meisten Frauen denken, es gibt gar keine Vorurteile», sagt Brigitte Witzer , die in Berlin als Coach und Autorin arbeitet. «Aber das ist Prinzessinnendenken.» Dass es im Unternehmen keine Vorbehalte gegen Frauen gebe, sei nämlich «in etwa so realistisch, als dass ein Prinz auf dem weißen Pferd vorbeikommt».

«Mit Vorurteilen rechnen und dafür gewappnet sein»

Viele Frauen würden ihre Energie darauf verwenden, sich über diese Vorurteile zu ärgern. «Aber wer sich empört, der ändert erstmal nichts», so Witzer. Anstatt seine Kräfte in den Orbit zu senden, sollte man erst einmal anerkennen, dass es Vorurteile gibt und sich davon nicht abschrecken lassen. «Das Gebot der Stunde lautet: Mit Vorurteilen rechnen und dafür gewappnet sein.»

Das kann zum Beispiel gelingen, indem man bestimmte Sätze oder Erwiderungen auf zu erwartende Kommentare vorbereitet. Behandeln die Kollegen eine schwangere Mitarbeiterin so, als sei sie krank, könne sie mit Witz und Schlagfertigkeit reagieren. Etwa indem sie die männlichen Kollegen darauf hinweist, dass deren Mütter die Schwangerschaft mit ihnen wohl auch überlebt hätten. Wer sich für stereotypische Kommentare ein kleines Repertoire an Erwiderung zulegt, wird von Vorurteilen nicht so leicht aus der Bahn geworfen - und spart die Energie, sich darüber zu ärgern.

«Mini-Allianzen» bilden

Beim Kampf gegen Vorurteile im Unternehmen müssen Frauen nicht auf sich allein gestellt sein. Witzer empfiehlt, sich zwei oder drei Personen aus dem eigenen Team herauszuholen und «Mini-Allianzen» zu schaffen, wie sie es nennt. «Dabei sollte man darauf achten, dass man in der kleinen Gruppe Intimität und dadurch Ehrlichkeit und Verbindlichkeit schafft», erklärt sie.

Ab vier Leuten sei das schon nicht mehr gegeben. «Wenn ich vor zwanzig Leuten sage, «Eine Schwangerschaft ist ja beruflich kein Hindernis», werden die alle nicken und zustimmen, aber nichts mehr davon wissen, wenn es drauf ankommt», so Witzer. Förderlich sei es zudem, wenn man Meinungsführer im Unternehmen oder im Team für die wechselnden Mini-Allianzen gewinnen kann. So kann es gelingen, bestimmte Vorurteile in der Gruppe auszuhebeln.

Nicht unbedingt auf Konfrontation gehen

Wer gegen Vorurteile vorgehen will, muss dabei nicht immer den Konfrontationskurs suchen. Manchmal könne es schon helfen, andere auf ihre eigenen Erfahrungen aufmerksam zu machen - etwa als Partner einer schwangeren Frau. Oder sie schlicht um einen Gefallen in einer bestimmten Sache zu bitten.

Wenn Frauen das Gefühl haben, aufgrund von Vorurteilen immer die Projekte oder Aufgaben mit weniger Verantwortung oder Prestige zu bekommen, sollten sie sich klar machen: «Das hat mit der Realität zu tun. Das ist nicht nur ein Gefühl, sondern das Gefühl stimmt», so Witzer. Im zweiten Schritt gelte es zu überlegen: Wie kann ich Gleichheit herstellen? Witzer rät für derartige Situationen, einen Mentor im Unternehmen zu haben. «Diese Person kann ich dann einschalten, und das Problem über sie spielen», sagt sie.

Klare Worte sprechen

Oder man geht zu der Person im Unternehmen gehen, die die Entscheidung veranlasst hat und sucht das Gespräch. «Wenn eine Frau zum Beispiel hört, dass ein Kollege befördert werden soll, obwohl sie eigentlich schon länger dabei ist und bessere Ergebnisse erzielt, sollte sie den Vorgesetzten gezielt darauf ansprechen», sagt Witzer. Und sich am besten erklären lassen, wie die Entscheidung zustande gekommen ist und die eigene Kompetenz in klaren Worten ebenfalls benennen.

Wichtig sei es, sich ins Gedächtnis zu rufen, dass Frauen und Männer gleichermaßen Vorurteile haben. «Und die Männer sind ja auch nicht dumm», so Witzer. «Oft fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen, wenn sie erstmal offen darauf angesprochen werden.»

Auch sind Vorurteile oft eine Leitplanke, die Frauen wie Männern Orientierungshilfe im beruflichen Alltag bieten können. «Wenn Frauen im Unternehmen etwas werden wollen, sollten sie die Leitplanken aber möglichst bald hinter sich lassen. Dann müssen sie eher Motocross fahren», sagt Witzer.

Literatur:

Brigitte Witzer: Die Fleißlüge: Warum Frauen im Hamsterrad landen und Männer im Vorstand, Ariston. 288 S., 16,99 Euro, ISBN: 9783424201215.

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