Wort des Jahres
Wie das Wort des Jahres den Zeitgeist einfängt

Im Jahr 1971 kürte die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) erstmals das Wort des Jahres. Seit 1977 führt der Verein die Wahl jährlich durch. Dabei legt er sich auf einen Begriff fest, der das wichtigste Diskussionsthema des jeweiligen Jahres am besten auf den Punkt bringt. Kein Wunder also, dass das Coronavirus der Topfavorit auf die Wahl 2020 ist.

Freitag, 19.02.2021, 04:51 Uhr aktualisiert: 19.02.2021, 09:56 Uhr
Wort des Jahres: Wie das Wort des Jahres den Zeitgeist einfängt
Foto: Colourbox

Linkensprache und Begriffserweiterung

Das erste Wort des Jahres in Deutschland war 1971 das Adjektiv „aufmüpfig“. Für die GfdS stand dieser Begriff in besonderer Weise für die Sprache der politischen Linken, die zu dieser Zeit einen Aufschwung erlebten. Nach einer jahrelangen Pause wurde erst 1977 wieder ein Wort des Jahres gekürt, und zwar „Szene“. Zuvor stand es lange Zeit lediglich für die Kulisse im Theater, in den 1970er-Jahren erweiterte sich der Begriff aber um die heutige Bedeutung als Netzwerk von Menschen, die gemeinsame Interessen verfolgen.

Begriffe ihrer Zeit

Ein Blick auf die Liste der Wörter des Jahres gleicht einem überaus minimalistischen und extrem pointierten Geschichtsunterricht. So lautet das Wort des Jahres 1986 „Tschernobyl“, ein Jahr später teilten sich „Aids“ und „Kondom“ die Auszeichnung. Die politische Wende in Deutschland und die Wiedervereinigung von BRD und DDR fand gleich in drei Jahren Einzug in die Wahl zum Wort des Jahres: 1989 lautete es „Reisefreiheit“, 1990 „die neuen Bundesländer“ und 1991 „Besserwessi“. Zuletzt spielte der Klimawandel mehrfach eine Rolle bei der Entscheidung. 2007 war „Klimakatastrophe“ das Wort des Jahres, 2018 war es „Heißzeit“ als Zusammensetzung aus „heiß“ und „Eiszeit“. Ende 2019 machte die GfdS den Begriff „Respektrente“ zum Wort des Jahres. Gemeint ist damit die Rente, die ältere Menschen angesichts ihrer jahrzehntelangen Arbeit eigentlich verdient hätten, aufgrund der existierenden Bestimmungskriterien aber nur selten erhalten. Viele spannende Informationen zum Thema Sprache liefert übrigens auch die Webseite bedeutungonline . Sie befasst sich mit Phänomenen der Alltagssprache sowie den vielen verschiedenen deutschen Dialekten und erklärt auf anschauliche Weise interessante Begriffe. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch die Entscheidungen über das Wort, Unwort und Jugendwort des Jahres.

Coronavirus favorisiert

In Kürze verkündet die GfdS, wie das deutsche Wort des Jahres 2020 lautet. Es würde einer handfesten Überraschung gleichkommen, wenn es sich dabei nicht um einen Begriff handeln würde, der im Zusammenhang mit dem neuartigen Coronavirus steht. Neben der Bezeichnung für das Virus selbst gelten dabei Wörter wie COVID-19, Pandemie , Quarantäne und Lockdown als Favoriten. Der erdrückenden Konsequenzen, die das Coronavirus im Jahr 2020 mit sich gebracht hat, wird sich wohl auch die GfdS nicht verschließen.

Wenig Abwechslung in anderen Ländern

Auch in anderen Ländern wird regelmäßig das Wort des Jahres bestimmt. Wenig überraschend spielten bei den bisherigen Entscheidungen über den wichtigsten Begriff des Jahres 2020 auch dort das Coronavirus und die davon ausgelöste Pandemie eine herausragende Rolle. In Großbritannien machten etwa die Herausgeber des Collins-Wörterbuchs „Lockdown“ zum Wort des Jahres. In Australien wurde der Begriff „Iso“ gewählt, der eine Abkürzung für „self-isolation“, also für die Selbstisolation als Maßnahme gegen eine Ansteckung, darstellt. Das Australian National Dictionary Centre, das für die Entscheidung zuständig war, wollte damit zusätzlich die Liebe der Australier zu Abkürzungen zum Ausdruck bringen. Auch in Russland gehörte „Selbstisolation“ zu den beiden Begriffen des Jahres 2020. Der andere lautet „Nullstellung“ und bezeichnet die Möglichkeit, die sich Wladimir Putin selbst geschaffen hat, die Dauer seiner Amtszeit auf Null zu setzen. In Österreich steht die Entscheidung über das Wort des Jahres noch aus. Die Auswahlliste besteht aber auch dort vornehmlich aus Begriffen aus dem Dunstkreis des Coronavirus. Dazu gehört unter anderem „Babyelefant“, dessen Größe in der Alpenrepublik als Maßeinheit für den Abstand genannt wird, den die Bürger während der Pandemie zueinander halten sollten.

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