Umwelt
Greenpeace-Umfrage: Deutsche sehen Kleidung als Wegwerfware

Die neueste Kollektion hängt in den Läden, aber der Kleiderschrank ist voll und das Schuhregal quillt über. Da bleibt nur: Weg damit in den Müll. Kleidung ist für immer mehr Menschen ein Wegwerfartikel, zeigt eine Umfrage.

Montag, 23.11.2015, 15:13 Uhr aktualisiert: 23.11.2015, 15:18 Uhr
Laut Greenpeace behandeln Deutsche Kleidung oft wie Wegwerfartikel. Von den rund 5,2 Milliarden Kleidungsstücken in den Schränken würden 40 Prozent sehr selten oder nie getragen.
Laut Greenpeace behandeln Deutsche Kleidung oft wie Wegwerfartikel. Von den rund 5,2 Milliarden Kleidungsstücken in den Schränken würden 40 Prozent sehr selten oder nie getragen. Foto: Maja Hitij

Hamburg (dpa) - Bekleidung ist einer Umfrage im Auftrag von Greenpeace zufolge zum Wegwerfartikel geworden. Von den 5,2 Milliarden Kleidungsstücken in deutschen Schränken würden 40 Prozent sehr selten oder nie getragen, teilte die Umweltschutzorganisation am Montag mit.

Jeder Achte trage seine Schuhe weniger als ein Jahr lang. Kaum jemand lasse Kleidung ausbessern. Mode sei zum Wegwerfartikel wie Einweggeschirr verkommen, kritisierte Greenpeace-Expertin Kirsten Brodde.

Für wichtig werde gehalten, den schnell wechselnden Trends zu folgen. Kleidungsstücke würden daher rasch aussortiert und landeten im Kleidercontainer oder im Müll, so Brodde. Mehr als Tausend Menschen zwischen 16 und 69 Jahren waren für die Analyse im September befragt worden.

Demnach besitzen Frauen im Durchschnitt 118 Kleidungsstücke (ohne Strümpfe und Unterwäsche), Männer 73 Teile. Frauen aus dem Westen Deutschlands haben am meisten Kleidung im Schrank. Mehr Bildung und mehr Einkommen gehe mit deutlich mehr Anziehsachen einher, teilte Greenpeace zu den Umfrageergebnissen mit.

Zum Bild der Wegwerfmentalität passt, dass die Hälfte der Befragten noch nie Kleidung zum Schneider gebracht hat. Mehr als die Hälfte der 18- bis 29-Jährigen war noch nie beim Schuster. Knapp zwei Drittel (64 Prozent) der Befragten sortieren Kleidung aus, weil sie ihnen nicht mehr gefällt. 83 Prozent der Befragten haben noch nie Kleidung getauscht, über die Hälfte noch nie welche verkauft.

Wenn die Befragten Kleidung aussortieren, wandere sie oft in den Müll, hieß es von Greenpeace weiter. Fast die Hälfte der Befragten hat demnach in den letzten sechs Monaten Kleidung weggeworfen. «Das geht zulasten der Umwelt und der Gesundheit, denn die Kleidung wird mit Hunderten giftiger Chemikalien produziert», sagte Brodde.

Bei der Frage nach Gütesiegeln klaffen Wunsch und Wirklichkeit der Verbraucher auseinander. Jeder zweite Befragte gab an, dass Siegel für nachhaltig, umweltverträglich und fair hergestellte Kleidung sehr hilfreich seien. Zugleich achtet aber nur jeder Vierte beim Kauf auf nachhaltige, umweltverträgliche oder faire Produktion.

«Wir können wirklich von einem Werteverfall sprechen», sagt auchClaudia Banz, die für das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe dieSchau «Fast Fashion» kuratiert hat. In der Ausstellung geht es um dieSchattenseiten der Mode. 90 Prozent der Kleidung für denamerikanischen und europäischen Markt wird danach inBilliglohnländern wie China, Indien oder Vietnam produziert.

Entwicklungshelfer beobachten die Folgen: Landwirtschaftliche Flächenwerden für Baumwolle genutzt, nicht mehr für Lebensmittel. TraurigeSchlagzeilen machte 2013 ein verheerender Brand in einer marodenTextilfabrik in Bangladesch. Vielen Käufern bei uns wurde da erstrichtig bewusst, was der westliche Konsum anrichten kann.

«Da muss ein neues Bewusstsein her», sagt Kuratorin Banz. «Wenn etwasgünstig ist, fühlen wir uns gut.» Da setze die Werbung sehr geschicktan. Schulen und Bildungseinrichtungen seien beim Thema Nachhaltigkeitgefragt. Doch Kleidertausch-Partys sieht Banz kritisch: Diese wecktenauch nur das Bedürfnis, mehr zu haben. Die Ausstellung «Fast Fashion»hat aus ihrer Sicht einen Nerv getroffen. «Man merkt, dass es dieMenschen berührt.»

Der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie sieht dasThema naturgemäß anders. «Die Leute kaufen viel und haben dieSchränke voll», sagt Sprecher Hartmut Spiesecke. Von einerWegwerfmentalität will er jedoch nicht sprechen. Seine persönlicheBeobachtung: «Wenn ich eine Socke mit einem Loch habe, stopfe ich sienicht.» Es gebe eine Gruppe von Leuten, die auf das Geld achte.Mancher, der billig einkauft, hat einfach nicht mehr zum Ausgeben.Wer mit der Mode gehe, sortiere eher mal etwas aus, urteiltSpiesecke.

Zu Gute kommt das Aussortieren gerade den Flüchtlingen inDeutschland. In den Kleiderkammern lagern Berge von Textilien, diemal mehr, mal weniger zu den Neu-Ankömmlingen passen. Es istauffällig viel Frauenkleidung darunter.

Kleidung nachhaltig auswählen

Second Hand: Für die einen ist das rote Blümchenkleid total out. Andere finden es aber noch super. Kleidung, die noch in Ordnung ist, findet im Second-Hand-Laden Verwendung. Also - besser dort hinbringen als wegschmeißen. Gleichzeitig finden Kunden dort das eine oder andere Schmuckstück. «Die Läden achten selbst drauf, dass die Sachen, die sie annehmen, noch gut erhalten sind», sagt Alexandra Borchard-Becker vom Bundesverband Die Verbraucherinitiative. Auch Tauschpartys mit Freunden sind eine gute Idee.

Qualität: Borchard-Becker empfiehlt, beim Kauf auf hochwertige Verarbeitung zu achten. «Stabile Nähte sind ein Hinweis auf eine gute Verarbeitung», sagt sie. Die Naht sollte nicht schief sein oder ungleichmäßig verlaufen. Denn wenn der Faden unterschiedlich stark gespannt ist, kann leicht die ganze Naht auftrennen. «Wichtig sind auch haltbar angenähte Knöpfe und sorgfältig eingenähte, gut funktionierende Reißverschlüsse.» Geht ein Kleidungsstück trotzdem mal kaputt, lohnt sich der Gang zum Schneider oder Schuster.

Preis: «Teuer bedeutet nicht automatisch gute Qualität», sagt Borchard-Becker. Aber natürlich ist der Preis ein erster Hinweis auf Qualität und Nachhaltigkeit der Kleidung. Deshalb lohnt es sich oft, in ein teureres Stück zu investieren, von dem der Träger länger etwas hat. Wer viel billig kauft, kommt wahrscheinlich auf den gleichen Preis. «Außerdem sollte man sich immer de Frage stellen: "Brauche ich das wirklich?"», rät Becker-Borchard.

Gütesiegel: Ob Kleidung wirklich unter menschenwürdigen Bedingungen und ohne giftige Chemikalien produziert wurde, darüber geben Gütesiegel Auskunft. Dazu zählen etwa das «GOTS Label» der International Working Group on Global Organic Textile Standard oder das «IVN-Best-Siegel» des internationalen Verbands der Naturtextilindustrie, erklärt Borchard-Becker.

Basics: Basics wie der schwarze Blazer oder die weiße Bluse sind zeitlos. «Hier lohnt es sich, in hochwertige Kleidung zu investieren», sagt Borchard-Becker. Denn in der Regel trägt man die Kleidung einige Jahre. Weniger ist mehr. Modische Teile für eine Saison müssen nicht ganz so hochwertig sein. «Oder man kauft sie im Second-Hand-Laden.»

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