Theater-Retter am Rhein
Promi-Geburtstag am 26. Mai 2017: Wilfried Schulz

Er hat in Düsseldorf ein Theaterwunder vollbracht. Das Schauspielhaus ist geschlossen, und trotzdem wird es bejubelt. Am Rhein ist der Theatermacher jetzt «der gute Mensch aus Brandenburg».

Freitag, 26.05.2017, 00:01 Uhr
ARCHIV - Der Intendant des Schauspielhauses Düsseldorf, Wilfried Schulz, wird am 26. Mai 65 Jahre alt.
ARCHIV - Der Intendant des Schauspielhauses Düsseldorf, Wilfried Schulz, wird am 26. Mai 65 Jahre alt. Foto: Federico Gambarini

Düsseldorf (dpa) - Warum tut er sich das an? Wilfred Schulz hat in der Theaterszene eigentlich alles geschafft. Er hat zwei Häuser, Hannover und Dresden, nach vorn gebracht. Der Mann der leisen Töne ist bestens vernetzt und Dauergast bei den wichtigsten Festivals. Dann kam die Düsseldorfer Baugrube.

In der größten Krise kam der erfolgreiche Theatermacher von Dresden an den Rhein. Sein Auftrag: Das Düsseldorfer Schauspielhaus wieder zu einer erstklassigen Bühne zu machen. Wie aber soll das funktionieren, wenn ein Theater plötzlich für Jahre wegen Sanierungen geschlossen wird? Schulz ist ein Intendant ohne Haus. Seine Truppe vagabundiert durch Düsseldorf. Das Schauspielhaus, ohnehin seit langem in der künstlerischen Krise, wird wohl erst zum Jahreswechsel 2019/2020 wieder komplett bespielbar sein. Eine riesige Baustelle umgibt das weiße Gebäude.

Am 26. Mai wird Schulz 65 Jahre alt - und der «gute Mensch aus Brandenburg» («Neue Zürcher Zeitung») hat ein Theaterwunder in Düsseldorf vollbracht. Er hat das Schauspiel in der absurden Situation wieder zu einem Publikumsmagneten mit bundesweitem Ruf gemacht.

Zur Spielzeit 2016/17 trat Schulz in Düsseldorf an. Die NRW-Landeshauptstadt hatte ihn aus Dresden abgeworben, wo er sich kämpferisch gegen Pegida gestellt hatte. Nur scheibchenweise wurde Schulz am Rhein die Wahrheit über die Großbaustelle offenbart. Schulz warf das Handtuch nicht. Auch als Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) eine Debatte vom Zaun brach, ob man das Schauspielhaus überhaupt noch brauche, kämpfte Schulz weiter. Immer gemäß seinem Credo: «Subventioniert werden wir nicht für das Einfache, sondern für das Komplizierte.»

Schulz sagt über sich: «Ich bin kein Kurzstreckenläufer.» Er ist in der Stadt präsent, macht Theater mit großen Namen, spielt in Zelten und Hallen, und das nicht einfache Düsseldorfer Publikum liebt den Intendanten. Nur drei Beschwerdebriefe habe er bisher bekommen. Normal seien 20 pro Monat.

Der 1952 in Falkensee bei Berlin geborene Schulz hat in den 70er Jahren an der FU Berlin und an der Sorbonne in Paris Theaterwissenschaft, Politik und Germanistik studiert. Seine künstlerisch beste Zeit habe er am Hamburger Schauspielhaus erlebt. Sieben Jahre war Schulz dort von 1993 bis 2000 Chefdramaturg bei Frank Baumbauer. Schulz traf auf viele bekannte Regisseure - Frank Castorf, Jossi Wieler, Karin Beier, später Andreas Kriegenburg, René Pollesch, Rimini Protokoll - sein heutiges Netzwerk.

Obwohl es nur eine kleine Ersatzspielbühne gibt, kommen die großen Regisseure nach Düsseldorf. «Die trauen sich nicht abzusagen», sagt Schulz verschmitzt. Man habe ja eine Geschichte zusammen. Sein bisher größter Coup: Für den «Sandmann» von US-Starregisseur Robert Wilson setzte Schulz durch, dass das Stammhaus vorübergehend wieder geöffnet werden darf. Als Wilson (75) das erste Mal ins Foyer kam, fragte er: «Hat hier eine Bombe eingeschlagen?»

Das Inszenieren überlässt der gelernte Dramaturg den Regisseuren, Schulz schafft die Rahmenbedingungen. Der Lohn: Wo er auch wirkte, ob Hamburg, Hannover (2000-2009) oder Dresden (2009-2016), immer wurden die Inszenierungen seiner Häuser zum Berliner Theatertreffen und maßgeblichen Festivals eingeladen oder mit Preisen bedacht.

Bis 2021 läuft Schulz' Vertrag in Düsseldorf. Immer mal wieder wird über einen Wechsel an das Wiener Burgtheater oder das Schauspielhaus Zürich spekuliert. «Warum soll ich an ein anderes Haus wechseln?», sagt Schulz. «Ich muss keine Karriere mehr machen, ich möchte sinnvolle Aufgaben lösen.» Er will sein gerade erst begonnenes Werk am Rhein ordentlich zu Ende bringen: ein modernes Stadttheater schaffen mit einer Bürgerbühne. Und dann? «Ich habe nicht vor, mich in zwei oder drei Jahren irgendwo auf eine Insel zu setzen.»

Privat ist Schulz in Düsseldorf heimisch geworden. Der Umzug von Dresden ins Rheinland war für ihn und seine Familie ein «Wechsel in eine sehr offene Gesellschaft». Auch Schulz wurde offener: Zum ersten Mal in seinem Leben zog er in eine Neubauwohnung.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4875098?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686138%2F2686278%2F
Nachrichten-Ticker