Macher der «Lindenstraße»
Promi-Geburtstag vom 6. April 2020: Hans W. Geißendörfer

Als die Privatsender in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckten, wagte Hans W. Geißendörfer ein Experiment im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Er etablierte eine sonntägliche Soap Opera, über die die halbe Nation auch montags noch sprach.

Montag, 06.04.2020, 00:01 Uhr aktualisiert: 06.04.2020, 05:03 Uhr
Hans W. Geißendörfer wird 79.
Hans W. Geißendörfer wird 79. Foto: Henning Kaiser

Berlin (dpa) - Es ist vorbei. Ende März hat das Erste mit Folge 1758 letztmalig die vermeintlich unendliche Serien-Geschichte der «Lindenstraße» ausgestrahlt. Ein Comeback gilt als ausgeschlossen. Damit ist eine Ära im deutschen Fernsehen unwiederbringlich passé.

Der vielfach preisgekrönte Filmemacher Hans W. Geißendörfer kann sich rühmen, Erfinder des TV-Dauerbrenners zu sein, der seit Ende 1985 immer wieder sonntags vom Alltag der Nachbarn in einem fiktiven Münchner Mehrfamilienhaus und ihren Befindlichkeiten erzählt hat.

Mit bewusst eingesetzten Tabu-Brüchen und immer auf der Höhe der Zeit hat er regelmäßig für gesellschaftlichen Zündstoff gesorgt und öffentliche Debatten befeuert.

Die ARD hatte schon im November 2018 die geplante Einstellung der WDR-Soap angekündigt. Zur Begründung hieß es, die schwindenden Einschaltquoten sowie Sparzwänge seien nicht mehr vereinbar mit den Produktionskosten.

Geißendörfer, der heute 79 Jahre alt wird, sagte dagegen vor kurzem der Deutschen Presse-Agentur, er sei wütend und habe «nach wie vor totales Unverständnis für die Entscheidung», die ihm «willkürlich» erscheine. Tatsächlich versammelten sich vorvergangenen Sonntag noch einmal 4,09 Millionen Zuschauer zum Abschied der Kultserie an den Bildschirmen. Zu Beginn der 90er Jahre waren es allerdings noch Woche für Woche weit über zehn Millionen gewesen. Doch das ist lange her.

Sein Name wird für immer mit der «Lindenstraße» verbunden bleiben, mag der umtriebige Filmproduzent, Autor und Regisseur auch mit etlichen anderen Projekten von sich reden gemacht haben. Geboren am 6. April 1941 in Augsburg und aufgewachsen in Franken, studierte er nach dem Abitur unter anderem Germanistik, Philosophie, Theaterwissenschaften und Psychologie, legte aber in keinem seiner Fächer ein Examen ab. Stattdessen begann er, die Welt zu erkunden und drehte erste Dokumentationen.

«Der Fall Lena Christ» über eine so gut wie vergessene bayerische Schriftstellerin (1881-1920) markiert dann 1968 seinen ersten größeren Spielfilm. Für seinen Vampir-Streifen «Jonathan» (1969) wurde er 1970 mit dem Bundesfilmpreis für die beste Nachwuchsregie geehrt.

Selbst Hollywood wurde auf Geißendörfer aufmerksam, als er 1977 mit «Die gläserne Zelle» (1977) nach Patricia Highsmith hervortrat: Die Literaturverfilmung wurde mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet sowie als bester fremdsprachiger Beitrag für einen Oscar aufgestellt. Am Ende ist es bei der Nominierung geblieben. Doch selbst das hatte kein anderer aus Deutschland stammendender Film in den 20 Jahren davor geschafft.

Es bleibt indes die «Lindenstraße», einst inspiriert von der britischen «Coronation Street», die im deutschen Fernsehen seit annähernd 35 Jahren eine feste Instanz gewesen ist und die Geißendörfer das größte Renommee sowie jede Menge Auszeichnungen eingebracht hat. Ein Bambi und eine Goldene Kamera sowie ein Adolf-Grimme-Preis in Gold gehören dazu. Verständlich also, wenn der Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande, der er seit fünf Jahren ist, jüngst der dpa sagte: «Das Ende der «Lindenstraße» erfüllt mich mit großer Trauer.» Viele Fans ging es sicherlich genauso.

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