Improvisationsgenie
Promi-Geburtstag vom 7.. September: Sonny Rollins

Sonny Rollins gilt als Saxofon-Genie. Der Musiker spielte mit allen Jazz-Legenden und legte dann eine gefeierte Solo-Karriere hin. Krankheiten zwangen ihn in den Ruhestand - zum 90. Geburtstag bezeichnet sich Rollins aber als «so zufrieden wie nie zuvor».

Montag, 07.09.2020, 00:01 Uhr
Saxofon-Genie Sonny Rollins 2011 in Washington.
Saxofon-Genie Sonny Rollins 2011 in Washington. Foto: Ron Sachs / Consolidated News Ph

New York (dpa) - So richtig schien es zwischen den Rolling Stones und Sonny Rollins nie zu funken. «Ich glaube nicht, dass ich verstanden habe, was Mick Jagger macht, und ich glaube auch nicht, dass er verstanden hat, was ich mache», erinnerte sich Rollins vor kurzem in einem Interview der «New York Times». «Aber meine Frau hat mich überredet, etwas mit ihnen aufzunehmen.»

Einige Zeit später kauft der Saxofonist in einem New Yorker Supermarkt ein, es läuft Charts-Radio. «Ich habe dieses Lied gehört und dachte: Wer ist der Typ? Irgendwie spricht mich seine Musik an. Dann habe ich gesagt: "Moment mal, das bin ich!" Es war die Rolling Stones-Aufnahme mit mir am Saxofon.»

Wenn es um seine Musik geht, gilt der vielfach ausgezeichnete Rollins, der am Montag (7. September) 90 Jahre alt wird, schon immer als ehrgeizig, kompromisslos und perfektionistisch. Der Tenorsaxofonist sei «jeder vernünftigen Einschätzung nach ein Genie» und «der größte noch lebende Improvisationskünstler des Jazz», schrieb die «New York Times». Mit allen Großen seiner Szene hat Rollins zusammengearbeitet - ob Charlie Parker, Thelonious Monk oder John Coltrane. Die meisten von ihnen hat er lange überlebt.

Vor einigen Jahren zog Rollins noch durch die Konzerthallen der Welt und übte täglich stundenlang weiter an seinem Instrument. Inzwischen aber haben ihn Atemwegserkrankungen in den Ruhestand gezwungen. Das sei eine «traumatische» Erfahrung gewesen, sagte Rollins. «Aber ich habe realisiert, dass ich lieber dankbar sein sollte dafür, dass ich mein ganzes Leben lang Musik machen konnte, als mich zu beschweren und zu weinen.» Also habe er sein Schicksal akzeptiert und sein Saxofon zur Seite gestellt.

Schon nach dem Tod seiner Ehefrau Lucille Pearson 2004 nach rund 45 gemeinsamen Ehejahren hatte Rollins angefangen, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Sein Archiv hat er dem New Yorker Schomburg Center gespendet. Inzwischen lebt der Musiker nördlich der Metropole New York alleine und widmet sich nach eigenen Angaben hauptsächlich der Spiritualität. Einsam fühle er sich nur selten. Auch seinen 90. Geburtstag werde er zu Hause verbringen und vor allem nicht ans Telefon gehen, sagte sein Sprecher der Deutschen Presse-Agentur. «"Glücklich" ist nicht das richtige Wort», sagte Rollins der «New York Times». «Aber ich bin so zufrieden wie nie zuvor.»

Geboren wurde der Sohn karibischer Eltern 1930 im New Yorker Stadtteil Harlem. Seine Laufbahn begann er elfjährig am Klavier. Inspiriert von Coleman Hawkins entschied er sich 16-jährig für das Instrument, auf dem er zum Meister wurde. «Als meine Mutter mir ein Saxofon gab, das war damals die Great Depression», erinnerte sich Rollins gegenüber dem Radiosender NPR. «Es hat eine Weile gedauert, bis ich sie überzeugen konnte, dass ich wirklich spielen will. Sie hat dann ein gebrauchtes Saxofon von meinem Onkel bekommen. Ich hatte dieses Instrument - ging in mein Zimmer, habe die Tür zugemacht und war im Himmel.»

Thelonious Monk wurde sein Freund und Mentor. Miles Davis, den Rollins in seinen Anfangsjahren in verschiedenen Gruppen begleitete, nannte ihn später «den größten Tenorsaxofonisten aller Zeiten». In Chicago schloss sich Rollins dem Quintett des Schlagzeugers Max Roach und Trompeters Clifford Brown an. Nach Browns Tod 1956 begründete er seine Solokarriere und spielt seitdem immer wieder mit anderen Begleitern und komponierte. Von seinen Aufnahmen gehören unter anderem «Oleo», «Doxy» und «St. Thomas» zum Jazzstandard. Rollins' Ton ist unverwechselbar - voll, robust, rau, zugleich aber subtil und nuanciert.

Dabei waren die Anfänge alles andere als einfach. Drogensucht, ein Raubüberfall, für den er zehn Monate hinter Gittern saß, erneut Gefängnis wegen Verstoßes gegen die Bewährungsauflagen. Danach ging Rollins auf Heroinentzug - und legte dann ein erfolgreiches Comeback hin. In dieser Zeit spielte er oft auf der Williamsburg Bridge über New Yorks East River gegen den Verkehrslärm an. Seine Comeback-Platte hieß entsprechend «The Bridge». Inzwischen gibt es sogar Bestrebungen von Fans, die Brücke nach ihm zu benennen - was Rollins selbst für ein wenig übertrieben hält. «Ich habe doch nur nach einem Platz zum Üben gesucht. Ganz einfach. Punkt. Ende der Geschichte.»

Die Musik aber lässt Rollins auch im Ruhestand nicht los - und der Perfektionist ist nicht zufrieden. «Ich habe mein Leben der Musik gewidmet - und ich habe sie nie dahin bekommen, wo ich sie haben wollte.» Er könne die Musik einfach nicht aus dem Kopf bekommen und denke die ganze Zeit darüber nach. «Vielleicht finde ich ja noch einen anderen Weg, die Musik in meinem Kopf auszudrücken. Das Saxofon war so ein integraler Teil von allem, worüber ich nachgedacht habe - es ist schwer, dass auf einem anderen Instrument zu machen. Aber wer weiß - vielleicht fange ich ja noch mit dem Singen an?»

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