Am Tag nach der Wahl: Freudentaumel, Wechselbad und Wunden lecken
Start in ein neues Zeitalter

Heek/Nienborg -

Die Stimme von des alten und neuen Bürgermeisters von Heek und Nienborg klingt am Morgen danach noch etwas krächzig. „Ich musste mich ja gestern Abend noch bei allen bedanken, die mir so super geholfen haben“, erklärt Franz-Josef Weilinghoff den Zustand seiner Stimmbänder.

Montag, 14.09.2020, 17:10 Uhr aktualisiert: 18.09.2020, 17:05 Uhr
Am Tag nach der Wahl: Freudentaumel, Wechselbad und Wunden lecken: Start in ein neues Zeitalter
Foto: Grafik: chr

Erst war er bei der SPD in Nienborg, die Sozis hatten ihn schließlich ganz offiziell unterstützt. Später machte er dann noch einen kleinen Abstecher zur Wahlparty der Überraschungssieger. „Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zum Dinkelbündnis. Ich kenne viele von denen und bin da immer gut aufgenommen worden“, macht er keinen Hehl daraus, dass er mit dem Ausgang der Gemeinderatswahl alles andere als unzufrieden ist.

Nicht immer ganz einfach

Mit der CDU sei es in den vergangenen fünf Jahren nicht immer ganz einfach gewesen. „Die Fraktion hat immer sehr deutlich gemacht, wer im Rat die Mehrheit hat.“ Auch im Verhältnis zum Bürgermeister. „Ich habe oft eine Zusammenarbeit angeboten, das wurde aber nie angenommen. Mehr als die Hand reichen kann ich nicht.“ Der Bürgermeister vermutet, dass genau dieses Selbstverständnis nun dazu geführt hat, dass die Union ihre Mehrheit verloren hat. „Sie ist ein Stück weit abgestraft worden.“

Ab jetzt werde die Ratsarbeit komplett anders sein, auch für ihn selbst und für die Verwaltung. „Ich hoffe weiter auf viele einstimmige Beschlüsse, dann gibt‘s auch kein Sperrfeuer.“ Das könnte zum Beispiel bei Themen entstehen, die es unter der CDU-Mehrheit nicht aus der Schublade geschafft haben. „Ein paar Sachen sind noch in der Pipeline, die werden wir jetzt wieder rausholen.“

Danach sagt er einen Satz wie in Stein gemeißelt: „Ich glaube, wir werden in den nächsten fünf Jahren ein gutes Zeitalter erleben.“

Ich glaube, wir werden in den nächsten fünf Jahren ein gutes Zeitalter erleben.

Bürgermeister Franz-Josef Weilinghoff

Von einem guten Zeitalter ist die CDU weit entfernt. Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg keine absolute Mehrheit in Heek, da zerbröselt eine generationenalte Tradition. „Das ist eine herbe Niederlage, da kann man nichts schön reden“, macht Fraktionschef Walter Niemeyer erst gar keine Anstalten, irgendetwas Positives am Wahlausgang zu suchen. „Dass wir was verlieren würden, war uns klar. Aber dieses Ausmaß hätten wir nicht erwartet.“ Für eine Analyse der Ursachen sei es am Tag nach der Wahl noch zu früh. Man muss jetzt erstmal seine Wunden lecken.“

Früher schon Anträge der SPD unterstützt

Den Vorwurf der Selbstherrlichkeit mag er nicht gelten lassen. „Manche Leute haben gemeint, wir würden alles bestimmen. Dabei haben wir auch früher schon Anträge der SPD unterstützt, wir hatten zu 95 Prozent einstimmige Entscheidungen im Rat.“ Das solle auch in Zukunft so bleiben.

Ein Wechselbad der Gefühle habe die SPD erlebt, sagt deren Fraktionsvorsitzender Herbert Lösing. Die erste Reaktion am Sonntagabend sei Enttäuschung gewesen. Dann habe sich immer mehr die Erkenntnis breit gemacht, dass man im neuen Rat trotz weniger Sitze mehr Möglichkeiten hat. „Wenn man am zweiten Tag darüber nachdenkt, ist das eigentlich eine schöne Situation: Wir können mitgestalten und gucken, wer thematisch näher an uns liegt.“

Die CDU hat unsere Sachen oft boykottiert.

SPD-Fraktionsvorsitzender Herbert Lösing

Die Friede-Freude-Eierkuchen-Sichtweise der CDU auf das Verhältnis im Rat kann er genau wie der Bürgermeister nicht unterschreiben. „Die CDU hat unsere Sachen oft boykottiert“, ist seine Einschätzung der vergangenen Jahre.

In die Zusammenarbeit mit dem Dünkelbündnis setzt er größere Hoffnungen. „Wir sind gerne bereit, die neuen Ratsmitglieder zu unterstützen. Wir haben in unseren Reihen ja ein paar erfahrene Leute“, soll sich möglichst von Anfang an ein gutes Verhältnis entwickeln.

Die Unterstützung kommt wahrscheinlich nicht ganz ungelegen. „Wir müssen uns jetzt alle erstmal die Lektüre ‚Ratsmitglied – was jetzt?‘ besorgen“, scherzt Prof. Dr. Berthold Wigger. Noch in dieser Woche wolle man sich zusammensetzen und Aufgaben verteilen, sagt der Vorsitzende des Dinkelbündnisses. „Alles ist für uns neu. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir da schnell reinkommen.“

Wir gehen nicht in den Rat, um alles abzunicken.

Prof. Dr. Berthold Wigger, Dinkelbündnis

Gerade am Anfang müsse vieles noch situativ entschieden. „Das musste es im Wahlkampf ja auch. Und da haben wir ja offensichtlich auch meist die richtige Entscheidung getroffen“, verweist er auf das auch für ihn und seine Mitstreiter selbst überraschende Ergebnis. „Man kann durchaus sagen: Wir haben da etwas Besonderes geschafft.“

Im Rat wolle man mit allen Fraktionen gut zusammenarbeiten. „Aber wir werden bestimmt auch unsere Akzente in allen Bereichen setze. Wir gehen nicht in den Rat, um alles abzunicken.“

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