Betrug im Chat
Urteil: Sie weint – er knallt die Tür

Greven -

Zwei Jahre und sechs Monate Gefängnis ohne Bewährung: Zu dieser Strafe wurde eine Frau aus Rheine verurteilt, die einen Grevener nach allen Regeln der Kunst per Chat ausgenommen hatte. Ihr Freund kam mit einer Bewährungsstrafe davon.

Dienstag, 23.05.2017, 16:00 Uhr aktualisiert: 23.05.2017, 21:33 Uhr
Betrug im Chat : Urteil: Sie weint – er knallt die Tür
Foto: dpa

Fortgesetzt wurde nun der Prozess gegen ein Paar aus Rheine, beide etwas über 30, beim Schöffengericht in Rheine. Sie sollen laut Anklage gemeinsam zwischen November 2014 und Dezember 2015 einen 37-jährigen Mann aus Greven um sein gesamtes Hab und Gut (32 000 Euro) betrogen haben. Als er nicht mehr zahlen wollte, drohte die Frau ihm mit einer Anzeige wegen sexueller Belästigung (unsere Zeitung berichtete). Aus Angst vor einer Gerichtsverhandlung zahlte er weiter, bis er seine Wohnung verlor und nichts mehr zu essen und zu trinken hatte. Die Angeklagte machte trotz seiner Hilferufe weiter.

Nach Überzeugung von Staatsanwaltschaft und Gericht beteiligte sich ihr Partner an dem Druck. „Die Vorgehensweise war schamlos und egoistisch“, sagte die Staatsanwältin. Die Angeklagten gaben sich beide als Rechtsanwälte aus und forderten immer wieder neue Gebühren von ihrem Opfer für eine Einstellung des Verfahrens wegen sexueller Nötigung.

Der Grevener war hilflos, zahlte weiter mit Krediten und geliehenem Geld von Freunden und Verwandten, ohne den wahren Grund zu nennen. Fast täglich steckte er Bargeld in den Briefkasten des Paares in Rheine. Kurz vor Weihnachten offenbarte er sich in seiner Not einem Freund, der ihm dringend riet, zur Polizei zu gehen. Damit brachte er den Stein ins Rollen. Am zweiten Verhandlungstag wurde die Frau wegen Betrugs in 73 Fällen und Missbrauchs von Berufsbezeichnungen zu zwei Jahren und sechs Monaten ohne Bewährung verurteilt. Ihr Lebensgefährte bekam wegen Betruges in Tateinheit mit Titelmissbrauch und Erpressung sowie Nötigung ein Jahr und sechs Monate mit vier Jahren Bewährung.

Seine Tatbeteiligung konnte man ihm nur für die Erpressungsungen im Chat, wo er sich als Rechtsanwalt ausgegeben haben soll, nachweisen. Eine Identifizierung sei auf Grund seiner markanten fehlerhaften Schreibweise möglich gewesen. Während der vierjährigen Bewährungszeit muss er nun monatlich 30 Euro an den Geschädigten zahlen.

Die Angeklagte weinte bei der Urteilsverkündung. Ihr Partner reagierte zornig, kündigte Berufung an und knallte die schwere Tür des großen Gerichtssaales so laut zu, dass die Wände wackelten. Bis zum Schluss bestritt er, von den Taten seiner Freundin gewusst zu haben.

Die Frau hatte im Chat mit dem Opfer Mitleid erregt und über finanzielle Nöte für sich und ihre Tochter geklagt. Weil der Grevener auf eine Beziehung hoffte und helfen wollte, stolperte er in die Falle.

Das Paar aus Rheine, das von Sozialhilfe lebte, kaufte von den Einnahmen Laptops und Handys und finanzierte Kurzreisen, Konzert-Karten und Events. Der Mann aus Greven hat mit der Frau nie telefoniert, sie nicht einmal gesehen.

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