„Halber-Apfel-Theater“ im Ballenlager
Herr Öztürk liebt Almanya

Greven -

Türken und Deutsche, Döner und Sauerbraten: Der Aufeinanderprall zweier Kulturen bietet Raum für viele Missverständnisse. Das „Halber-Apfel-Theater“ macht daraus herrliche Komödien. Bereits zum zweiten Mal war die Lüdenscheider Truppe zu Gast in Greven.

Sonntag, 28.05.2017, 15:00 Uhr
Temporeiche Komödie statt erhobenem Zeigefinger: Das Theater „Halber Apfel“ hat wieder einmal die Tücken und Fallstricke der deutsch-türkischen Beziehungen mit viel Witz und einem Hauch Melancholie auf die Bühne gebracht..
Temporeiche Komödie statt erhobenem Zeigefinger: Das Theater „Halber Apfel“ hat wieder einmal die Tücken und Fallstricke der deutsch-türkischen Beziehungen mit viel Witz und einem Hauch Melancholie auf die Bühne gebracht.. Foto: Jannis Beckermann

Es ist ja nicht so, dass man gerade nicht darüber reden würde. Die türkische Community und die Deutschen? Dank Erdogan war das zuletzt ein heiß diskutiertes, aber eben kein wirklich heiteres Thema. Dass es anders geht, bewies am Freitagabend das erneute Greven-Gastspiel des Comedy-Theaters „Halber Apfel“.

Das deutsch-türkische Ensemble um seinen Gründer Murat Isboga hat sich seit Jahren die humoristische Aufarbeitung des Seit‘ an Seit‘ von Döner und Sauerbraten auf die Fahnen geschrieben und zeigte das an diesem Wochenende zum zweiten Mal in Greven. Witzig, unterhaltsam, aber zugleich melancholisch – die Kombination des Stücks „Almanya, ich liebe dich“ konnte sich mehr als sehen lassen.

Eingeladen hatte der Verein „Westfälisches Bildungs- und Kulturzentrum“, der in der Brockkötter-Passage seit geraumer Zeit Sprachkurse für Flüchtlinge und weitere Bildungsangebote auf die Beine stellt. „Theater gehört bei uns auch dazu. Das ist Sprachbildung hautnah“, so Geschäftsführer Erol Kaplan.

Bereits vor einem Jahr hatte der Verein daher die Lüdenscheider Theatertruppe eingeladen. Damals gelang im Ballenlager ein ausverkaufter Hit. Die Fortsetzung am Wochenende stand dem trotz bestem Sommerwetter in nichts nach.

Das Thema: Integration und Zusammenleben von Deutschen und Türken beziehungsweise solchen, die mittlerweile beides sind. Eben genau wie die fiktive Öztürk-Familie, um die sich dieses Komödien-Stück dreht. Vor Klischees hat das Ensemble dabei keine Angst. Die Aldi-Tüten tragende türkische Hausfrau hat im Stück schon in der ersten Szene ihren Platz. In einem klassisch deutschen Theater wäre das wohl ein fragwürdiges Stereotyp. Beim „Halben Apfel“ ist es ein gekonnter Kunstgriff zur Überzeichnung der Rollenbilder.

Der Ehegatte, der im weiteren Verlauf mit der Nachbarin, einer pedantisch-deutschen Arbeitsvermittlerin, in Konflikt gerät, steht dem in nichts nach. Lästert über die Gattin, schwärmt vom nahen Urlaub daheim in der Türkei und rät der Tochter zur Heirat statt zum Studium. Denn: „Geht eben schneller.“ Da lacht selbst der Darsteller.

Eben der ist Gründer Murat Isboga höchstselbst. Vor allem von seiner professionellen, mitreißenden Performance lebt diese kurzweilige und irgendwie andersartige Inszenierung. Da spricht Isboga etwa direkt ins Publikum und holt die Leute aus der hintersten Reihe in bester Kabarett-Manier nach vorne. Es ist ein Stühle-Rücken mit und ohne Kopftuch, vor Grevenern mit und ohne Migrationshintergrund. Ein buntes Bild, das wunderbar zum Stück passt. In dessen weiteren Szenen bekommt man als Deutscher wie als Türke den sprichwörtlichen Spiegel vorgehalten, allerdings nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit jederzeit spürbarem Respekt.

Nachdenklich stimmt indes das Ende, als die Familie per Telefon vom Tod des (Groß-)Vaters in der Türkei erfährt. Es verdeutlicht die Zerrissenheit zwischen der alten und der neuen Heimat. Und dennoch gibt‘s ein finales Bekenntnis: „Herr Öztürk liebt Almanya.“ Und die Deutschen? Natürlich auch.

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