Susanne Neumann auf dem Marktplatz
Das zornige Gewissen der Sozialdemokratie

Greven -

Die kleine Frau mit ihren unverblümten Sätzen ist so etwas wie das zornige Gewissen der Sozialdemokratie. Und die nimmt es überhaupt nicht übel, wenn ihr Susanne Neumann mit harschen Sätzen auf die Füße tritt. Im Gegenteil: Die Rede der Putzfrau aus Gelsenkirchen scheint die Genossen zu beflügeln.

Donnerstag, 06.07.2017, 07:00 Uhr
Volles Haus im Mandala:  Susanne Neumann im Gespräch mit Bürgermeister Vennemeyer (links) und dem Bundestagsabgeordneten Jürgen Coße.
Volles Haus im Mandala:  Susanne Neumann im Gespräch mit Bürgermeister Vennemeyer (links) und dem Bundestagsabgeordneten Jürgen Coße. Foto: meg

Das Gewissen der SPD ist klein, resolut, hat kurzes Stoppelhaar und ungemein wache braune Augen. Es sitzt auf einem roten Sofa mitten auf dem Grevener Marktplatz und bringt mit zwei, drei Sätzen die Augen eines ganzen Ortsverbands zum Leuchten. So, genau so ist sie in ihrem innersten Kern, die Sozialdemokratie, scheinen die Genossen zu denken, während sie unter bunten Sonnenschirmen sitzen und der Gelsenkirchener Putzfrau zuhören. „Wir im Niedriglohnsektor“ ist deren Lieblingssatz – und die Zuhörer, die meisten SPD-Mitglieder oder doch Sympathisanten, hören das viel lieber als den Spruch vom „Genossen der Bosse“, der einmal so aktuell schien.

Susanne „Susie“ Neumann ist ein Phänomen. Die Putzfrau und Gewerkschafterin aus Gelsenkirchen hat die obersten Genossen, allen voran Siegmar Gabriel, öffentlich zusammengefaltet, wenn sie große Reden schwangen über Gerechtigkeit, aber vergaßen, sie in wirksame Gesetze zu gießen. „Die Befristung der Arbeitsverträge ist mein ärgster Feind“, sagte sie auf dem roten Sofa, einer Leihgabe der Freilichtbühne, dabei grimmige Rauchwolken ausstoßend. Ihre Botschaft ist ganz einfach: Es ist nicht recht, wenn ein alter Mensch seine Wohnung verliert, weil nach dem Tod des Partners die Rente nicht mehr reicht. Es ist in einer reichen Gesellschaft ein Skandal, wenn eine 76-Jährige noch putzen gehen muss und hofft, dass ihr der Koch in der Kantine ein Mittagessen spendiert. Punkt. Aber wenn der Koalitionspartner nicht so will, wie man selbst, was tun? „Warum bleibt ihr dann bei den Schwatten?“ Sagt sie vor laufender Kamera. Dem Gabriel ins Gesicht. Seither ist sie ein Medienstar. Was ihr ein bisschen unheimlich ist. Aber die Susie hat Krebs. Vielleicht gibt ihr die Krankheit eine innere Unabhängigkeit, die selten geworden ist.

Jedenfalls, die Susie ist nach Greven gekommen. Bürgermeister Peter Vennemeyer, ein bekennender Fan, hat sie über Facebook kontaktiert. Und am Dienstag saß sie also mit ihm auf dem Marktplatz, er im großen Ohrensessel, sie, mit dem Bundestagsabgeordneten Jürgen Coße als Moderator, auf dem Sofa. Die Geschichten, die sie, ganz undramatisch, erzählt, gehen unter die Haut. Sie erzählt von einem Zeit-Kongress in Hamburg, bei dem sie dabei war. „Jungs und Mädels, da zahlst du 6000 Euro Eintritt, nur damit du dein Popöchen da hinsetzen darfst.“ Und dann beobachtet sie, wie keiner der Toilettenfrau auch nur einen Cent Trinkgeld gibt – und knallt den Herrschaften anschließend diese Arroganz vor den Kopf. Ein bisschen Anstand, das ist es, was die Susie will, ein bisschen Respekt „für uns im Niedriglohnsektor“.

Es ist mit Händen zu greifen, wie der Funke überspringt. Für das, was Susie sagt, ist die Sozialdemokratie einmal angetreten. „Das ist auf der Strecke geblieben“, gesteht der Bürgermeister. Fast ist es, als erinnerten sich nun, aufgeweckt durch die Sätze einer Putzfrau, reife Menschen ihrer Jugendträume. So muss sie sein, die Sozialdemokratie. Und wenn ihr Anliegen mit den Schwarzen nicht verwirklicht werden kann? Dann muss sie in die Opposition. „Es nützt Euch nichts, wenn Ihr Eure Pöstchen retten wollt“, schreibt Susie ihren Genossen ins Stammbuch. Der Bürgermeister nickt – Seele ist wichtiger als Karriere. Aber natürlich braucht es auch den Verstand – Gerechtigkeit kommt nicht von allein, wenn nur die Absichten gut sind. „Ich bin mittlerweile für ein bedingungsloses Grundeinkommen ab einem bestimmten Alter“, sagt Vennemeyer. Wahrscheinlich sei das nicht viel teurer als das gegenwärtige komplizierte Sozialsystem mit seinen vielen Behörden – und es erspart den Bürgern Demütigungen. „Heute musst du dich doch nackelig machen auf dem Amt“, sagt Susie. „Würdelos ist das.“

Mehr als zwei Stunden hat die Gewerkschafterin geredet, und man hätte ihr noch stundenlang zuhören können, dieser Putzfrau, die, oft zornig, oft mit einem Augenzwinkern, vom Leben erzählt, sich aufregt, auch über die eigene Partei. „Wie die den Schröder gefeiert haben! Ich hab nicht geklatscht“, sagt die entschiedene Gegnerin der Agenda 2010, die auch einen Abstecher zu den Linken hinter sich hat. „Dem Martin“ drückt sie jetzt die Daumen, dass er es schafft. Und den Schlüssel dazu haben „wir vom Niedriglohnsektor“ in der Hand, da ist sie sich mit dem Bürgermeister und dem Bundestagsabgeordneten einig. Denn das sind die Leute, die in den vergangenen Jahren oft zu Hause geblieben sind bei Wahlen. Die sich aus der Politik raushalten statt sich einzumischen, obwohl gerade sie doch ein sicheres Gespür für Gerechtigkeit hätten. Darum ist Susanne Neumanns Devise: „Auf der Couch sitzen bleiben, das ist vorbei.“ Das Gewissen macht Dampf.

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