Baron Josef „Jupp“ Kerckerinck zur Borg beobachtet die großen Jäger
Der mit dem Hai schwimmt

Greven -

Haie sind gefährlich? überhaupt nicht, sagt Baron Josef „Jupp“ Kerckerinck zur Borg. Der Guntruper schwimmt seit Jahren mit Haien und liebt die bedrohten Tiere.

Samstag, 29.07.2017, 07:00 Uhr
 
  Foto: Mike Ellis /Onaia Photo

Baron Josef „Jupp“ Kerckerinck zur Borg schwärmt. Ihm ist, wenn er erzählt, deutlich anzumerken, dass er verliebt ist. Anmutig, perfekt gebaut, wunderschön – er findet viele Worte für seinen Liebling und erzählt, dass er sogar von ihm träumt. Das muss Liebe sein. Vor 18 Jahren ist es passiert – beim ersten Mal.

Wenn der Mann, der gerade 78 Jahre alt geworden ist und seit einiger Zeit auf einem alten Bauernhof in Guntrup lebt, von seiner großen Liebe erzählt, leuchten die Augen. Aber: In den meisten Fällen stößt er zunächst auf Unverständnis. Denn: Wer findet schon Haie toll? Haie rangieren in der Beliebtheitsskala noch weit hinter Geiern oder – um im Wasser zu bleiben – sogar noch hinter Quallen. Aber das kann Kerckerinck zur Borg absolut nicht verstehen.

Begonnen hat seine Liebesgeschichte, über die er auch ein Buch geschrieben hat, als er 60 Jahre alt war. Bis dahin kannte der Baron das Wasser nur als Schwimmer. Aber seine Tochter Philipa überredete ihn, das Tauchen zu lernen. Damals lebte Kerckerinck zu Borg mit seinen vier Töchtern noch in den USA. Dort hatte er sich, nachdem sein allein erbender Bruder das Haus Borg in Rinkerode verkauft hatte, eine Ranch gekauft und züchtete Damwild.

Wie gesagt: Seine Tochter hatte ihn animiert, und er ließ sich nicht lange bitten. „Mir war damals natürlich überhaupt nicht klar, wie sich mein Leben von da an verändern würde“, erinnert sich Kerckerinck zur Borg. „Philipa hat mir eine Tür in diese unbekannte und unglaublich schöne Welt geöffnet.“

Nach ein paar Jahren mit Tauchen auf den Bahamas buchte er für sich und seine Tochter ein ganz besonders Taucherlebnis: In einem Käfig, der ins Wasser gelassen wurde, konnte man Haie beobachten. „Das war der Anfang meiner großen Begeisterung für Haie, diese Reise hat meine Welt vollkommen auf den Kopf gestellt. Irgendetwas ist an den Haien, das einem wirklich unter die Haut geht“, schwärmt der Baron.

Nach dem Käfig-Erlebnis kaufte er sich alles an Literatur über Haie, was er bekommen konnte. Er meldete sich für eine Hai-Schulung an und nahm das erste Mal an einem Tauchgang teil, bei dem er 15 bis 20 Riffhaien ohne Schutz durch einen Käfig begegnete. „Mir war damals schon ein wenig mulmig“, gesteht Kerckerinck zur Borg. Aber er ist dann doch ins Wasser gesprungen. Und hat es nicht bereut. „Die Haie haben uns zwar beobachtet, waren aber nicht im geringsten aggressiv“, erzählt er. Und wenn man den Tieren zu nah kam, schubsten sie den Menschen einfach weg. „Haie können sehr verspielt sein und sind keineswegs die gehirnlosen Killermaschinen und Menschenfresser, als die sie immer wieder dargestellt werden“, verdeutlicht Kerckerinck zur Borg. „Im Gegenteil. Als Topräuber der Ozeane spielen sie eine sehr wichtige Rolle in den Meeren, denn sie bewahren das biologische Gleichgewicht und erhalten damit das komplizierteste und größte Ökosystem der Welt.“

Überhaupt: Menschen stehen nicht auf dem Speiseplan der Haie. „Sie beißen, wenn man sich falsch benimmt, wenn man um sich schlägt und versucht wegzuschwimmen“, erklärt der Experte. Denn für die Haie ist alles, was flieht, Beute. „Und alles, was auf der Wasseroberfläche schwimmt, ist für die Haie tot und damit ebenfalls Beute.“

Kerckerinck zur Borgs Ratschlag, wenn man einem Hai begegnet: „Nicht herumhampeln, nicht schwimmen, sondern aufrecht stehen, das kennt der Hai nicht und wird vorsichtig. Und man sollte versuchen, den Haien in die Augen zu schauen.“

Der Baron hat Zahlen, dass die Furcht vor Haien, die von Filmen wie „der weiße Hai“ geschürt worden ist, völlig übertrieben ist. „3,5 Milliarden Menschen springen ein Mal im Jahr ins Meer, 50 bis 100 werden pro Jahr von Haien gebissen, und davon sterben nur zehn Prozent an den Folgen“, verdeutlicht Kerckerinck zur Borg. Haie und Wölfe seien die Tiere, die am wenigsten Menschen umbringen. Dagegen würden Haie zu Hunderttausenden abgeschlachtet. „Schonungslose Flossenhändler verdienen viel Geld, indem sie den Haien bei lebendigem Leib die Flossen abschneiden und die Tiere dann hilflos wieder ins Wasser werfen“, erzählt Kerckerinck zur Borg.

Er selbst hat bereits 17 Tauchgänge mit vielen Haien hinter sich, der nächste steht bevor. „Angst habe ich nicht die geringste“, erzählt er. Jedes Jahr fährt er mit Freunden zum Tiger Beach (Bahamas), um mit Tigerhaien und Zitronenhaien zu schwimmen.

Unter den Haien ist ein Tiger-Hai, den sie Emma nennen (Bild oben). „Emma sehe ich seit zwölf Jahren immer wieder in dieser Bucht“, berichtet Kerckerinck zur Borg. Die Geschichte, die er von der ersten Begegnung erzählt, lässt einen aber schon erschaudern. Der Tigerhai schoss nach oben, nahm einen Schnorchler ins Maul und tauchte wieder ab. „Wie ich schon sagte, alles was auf der Wasseroberfläche treibt, ist Beute für die Haie.“

Aber: Die ganze Sache ging gut. Der Hai .hat den Schnorchler ausgespukt. Als man ihn an Bord zurück holte, zählten die Kameraden 14 Löcher im Tauchanzug, der Mann selbst hatte keinen Kratzer abbekommen. Kerckerinck zur Borg hat eine einfache Erklärung. „Das war ein sogenannter Probebiss. Haie haben keine Zunge, die Geschmacksnerven liegen unter dem Gaumen, und deshalb müssen sie alles in den Mund nehmen.“ Augenscheinlich hat der Schnorchler mit seiner Gummipelle nicht geschmeckt.

Baron Josef Kerckerinck zur Borg setzt sich jedenfalls wo es geht für seine große Liebe ein, will verhindern, dass die Tiere weiterhin so grausam bejagt werden. Denn manche der rund 500 Arten wurden in den vergangenen 100 Jahren auf nur noch zehn Prozent der ursprünglichen Population reduziert. „Deswegen gehe ich gerne in Kindergärten und Schulen, um die Menschen, die in der Zukunft das Sagen haben, zu sensibilisieren“, sagt er. Wenn er den Kindern von seiner großen Liebe erzählt, hängen sie an seinen Lippen. Denn sie merken, dass sein Herz an den Tieren hängt.

► Jupp Kerckerinck zur Borg: Haie – eine Liebesgeschichte“, 2012

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