Serie „historischer Radweg“
Auf der Spur der Ur-Reckenfelder

Reckenfeld -

Ein Radweg mit 13 Stationen führt nicht nur durch Reckenfeld, sondern auch durch die Geschichte des Ortsteils. Auf den Spuren der Ur-Reckenfelder.

Dienstag, 08.08.2017, 20:00 Uhr aktualisiert: 09.08.2017, 14:30 Uhr
Das Dorf der Schuppen: In Reckenfeld gab es 208 Munitionsschuppen. Davon werden heute 80 Prozent bewohnt. „Das ist einmalig“, weiß Rudolf Wieskötter.
Das Dorf der Schuppen: In Reckenfeld gab es 208 Munitionsschuppen. Davon werden heute 80 Prozent bewohnt. „Das ist einmalig“, weiß Rudolf Wieskötter. Foto: Monika Gerharz

Schuppen zu Einfamilienhäusern: So könnte man kurz gefasst, den Ursprung Reckenfelds in den Jahren zwischen 1916 und 1930 zusammen fassen. Dahinter stecken tragische Geschichten, betrügerische Geschäfte und tapferer Pioniergeist. Von dieser Zeit, aber auch von anderen Marksteinen der Reckenfelder Geschichte erzählen Hildegard und Rudolf Wieskötter während ihrer historischen Radtour durch Reckenfeld, die Interessierte bei Greven Marketing buchen können. Die Reckenfelderin und der Herberner kennen den Ort wie ihre Westentasche. „Mein Opa musste Land hergeben für das Depot“, berichtet Rudolf Wieskötter. „Für 2,8 Hektar bekam er grade mal 350 Reichsmark.“

Die Tour beginnt am „Haus der Geschichte“ an der Lennestraße 17 – natürlich einem ehemaligen Schuppen. „Sie dürfen nicht schreiben, dass Munition hier lagerte“, mahnt Rudolf Wieskötter. „Das waren Nahkampfmittel.“ Die Besucher können dort Handgranaten jeder Bauart besichtigen, Erinnerungsstücke an den Ersten Weltkrieg, vor allem aber auch Fotos vom „Munitionsdepot Hembergen“, wie es damals hieß. Das waren vier Blöcke, 23 Kilometer Gleise, 33 Kilometer Entwässerungsgräben, eine Handvoll Verwaltungsgebäude, einige Funktionsbauten – und 208 Schuppen. „80 Prozent davon sind noch bewohnt“, berichtet Wieskötter. „Das ist einmalig.“ Die Lennestraße 17 beispielsweise, zehn Meter breit und sieben Meter tief, wurde bereits 1923 von einer Nordwalder Familie gekauft und zum Wohnhaus umgebaut. Erst 2016 hat der Reckenfelder Bürgerverein das Haus wieder – fast – in seinen ursprünglichen Zustand versetzt. Seither ist der ehemalige Schuppen als „Haus der Geschichte“ ein kleines Museum.

Am Anfang der Ortsgeschichte steht eine Tragödie – und offenbar massiver Betrug, berichten die Wieskötters. Nach dem Ersten Weltkrieg war ein Teil der deutschen Ostgebiete an Polen gefallen. Bürger, die deutsch bleiben wollten, mussten auswandern – und 14 Familien mit 64 Personen kamen nach Reckenfeld. Offenbar hatte die so genannte Eisenhandelsgesellschaft Ost, die das ehemalige Depot gekauft hatte, über verschlungene Wege politischen Einfluss ausgeübt und dafür gesorgt, dass die Familien nach Reckenfeld kamen, weil man den Ortsteil besiedeln wollte. Aber statt der erwarteten Musterhäuser – ein Beispiel dafür ist am Drosselweg 23 bis 27 zu besichtigen – und der versprochenen Arbeit erwarteten die Neuankömmlinge nur Notquartiere und Armut. Ähnlich ging es später Neusiedlern aus dem Ruhrgebiet, die für den propagierten Superpreis ebenfalls kein Musterhaus, sondern nur einen ausgeräumten Schuppen bekamen – von Infrastruktur ganz zu schweigen. „Es gab keine Straße, kein Licht, keine Lampe“, berichtet Hildegard Wieskötter bei der Führung. „Wenn es regnete, versanken die Anwohner im Matsch.“

Trotz dieses Elends: Die neue Siedlung am Rande Grevens wuchs rasch. Denn einen Vorteil hatten die Grundstücke, auch wenn die Häuser primitiv waren: Sie waren meist 2500 Quadratmeter groß – zur Selbstversorgung ideal und Grundlage für Reckenfelds heutigen Ruf als Gartenstadt.

Aber damals prägten natürlich nicht Dahlien und Lilien das Bild, sondern Bohnen und Kohl. Wie ein solcher Garten ausgesehen hat, lässt sich im Kleinformat hinter dem „Haus der Geschichte“ begutachten, wo allerlei Gemüse wächst. „Die Leute hielten sich Hühner und ein Schwein“, erinnert sich Hildegard Wieskötter. Und wer Überschüsse hat, hat sie verkauft. „Ich erinnere mich, dass die Reckenfelder bei meinem Opa Erdbeeren gekauft haben. Morgens um vier stand er gebückt im Garten und hat sie gepflückt.“

Zum Thema

Den Flyer zum historischen Radweg gibt es unter www.greven.net

...
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5064931?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686824%2F
Nachrichten-Ticker