Interview
Kein Schwimmen ohne Wasser

Greven -

Gisela Junkerkalefeld ist in Aktion. Gerade will sich der Ehemann einer Grevenerin aus dem Kosovo zum Sprachkurs anmelden. Es geht um Gebühren, Selbstbeteiligung, Unterstützung. Die stellvertretende Leiterin der Volkshochschule Emsdetten / Greven / Saerbeck ist für das Deutschangebot des Weiterbildungsinstituts zuständig. Mit ihr sprach unser Redaktionsmitglied Günter Benning.

Montag, 28.08.2017, 14:39 Uhr
Gisela Junkerkalefeld im Gespräch mit einem jungen Ehepaar, bei dem die Frau in Deutschland geboren wurde, der Mann aber aus dem Kosovo kommt und erst einmal einen Integrationskurs machen muss.
Gisela Junkerkalefeld im Gespräch mit einem jungen Ehepaar, bei dem die Frau in Deutschland geboren wurde, der Mann aber aus dem Kosovo kommt und erst einmal einen Integrationskurs machen muss. Foto: Günter Benning

Sprachkurse sind ein dicker Brocken im Angebot der VHS.

Junkerkalefeld: Wir haben seit 2016 60 bis 70 Prozent der VHS-Angebote, die den Bereich Deutsch als Fremdsprache umfassen. Das ist anders als das, was viele Leute mit Volkshochschule verbinden. Wir machen hier professionellen Intensivunterricht, der die Voraussetzung für die Migranten ist, hier Fuß zu fassen.

Wie viele Leute sind in Ihren Kursen?

Junkerkalefeld: Rund 250 Personen. Wir konnten dafür auch einige neue Lehrkräfte gewinnen. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingsbewegung haben sich einige Leute gemeldet, uns zu helfen. Sie müssen allerdings auch gewisse Qualitätsvoraussetzungen erfüllen.

Der Schlüssel der Integration ist die Sprache. Aber wie gut muss man die beherrschen?

Junkerkalefeld: Das ist unterschiedlich. Je höher qualifiziert ein Job ist, desto mehr Sprachkenntnisse werden verlangt. Im IT-Bereich wird man sicherlich viel mit Englisch machen können. Wir haben als Standard und Ziel der Integrationskurse das Level B1. Das sind gute Grundkenntnisse für alle Alltagsbelange. Wenn man eine Ausbildung anstrebt, reicht oft B1 nicht, dann sollte man B2 haben.

B2 braucht man für eine Ausbildung, C1 für ein Studium?

Junkerkalefeld: B2 reicht für eine Ausbildung. An Universitäten gibt es formale Standards, die man erfüllen muss. Die liegen bei B2 oder C1.

Jeder von uns hat in der Schule festgestellt, dass Fremdsprachen schnell vergessen werden, wenn man sie nicht benutzt. Was heißt das für Migranten?

Junkerkalefeld: Natürlich, darin unterscheiden sich auch die Leute. Es spielt eine große Rolle, wie oft und wie viel die Menschen die Sprache anwenden können. Schwimmen ohne Wasser geht auch nicht.

Also sollte man jedem Flüchtling empfehlen, in irgendeinen Verein einzutreten?

Junkerkalefeld: Ja, ich glaube, das wäre auch gut, um hier anzukommen. Vereine haben ja die Funktion, eine Gemeinschaft möglich zu machen. Das dient der Sprachentwicklung.

In jeder Grundschule weiß man, alle Kinder sind auf dem gleichen Level. Bei Ihnen ist das anders. Das macht es schwer?

Junkerkalefeld: In der Grundschule fangen auch nicht alle bei null an. Unsere Kurse sind heterogen. Wir machen Einstufungen, wir gucken, dass sie in etwa den gleichen Level haben, wenn sie starten. Wir müssen sehr binnendifferenziert arbeiten in den Kursen.

Manchmal machen sich Flüchtlinge große Hoffnung. Die Hürde des Spracherwerbs ist aber schwer zu nehmen. Erleben Sie viel Frust?

Junkerkalefeld: Manchmal. Ich finde, wir haben viel Freude in den Kursen. Das liegt an den engagierten Lehrern und Lehrerinnen. Auch die Teilnehmer lernen mit Freude. Nichtsdestotrotz ist es anstrengend. Es schaffen nicht alle auf Anhieb, das hohe Tempo mitzuhalten. Und das kann dann schon mal frustrierend sein. Es gibt auch manche unterschiedlichen Vorstellungen, was Pünktlichkeit angeht, was Regelmäßigkeit angeht, da müssen die Menschen lernen, wie die Gepflogenheiten bei uns sind.

Noch nie hat es eine derart gebündelte Integrationsarbeit gegeben. Wie sehen Sie die Perspektive? Werden die Menschen schneller als bisher in die Gesellschaft hereinwachsen?

Junkerkalefeld: Da kann ich keine Prognose abgeben. Ich glaube, dass die staatlichen Instrumente heute sehr anders sind als vor einigen Jahren. Das Zuwanderungsgesetz, die Integrationskurse, die Sprachvermittlung – da ist ganz viel Geld in die Hand genommen worden. Das lässt mich hoffen, dass eine Integration gut vonstatten gehen kann.

Gab es, bei den vielen Leuten, die Sie durch die VHS gelenkt haben, einen Moment, wo sie gedacht haben, das lohnt sich echt?

Junkerkalefeld: Ich habe so viele positive Erlebnisse gehabt. Zum Beispiel ein Teilnehmer, der am letzten Schultag zu mir kommt und sich herzlich dafür bedankt, dass wir es ihm ermöglichen, die Sprache zu lernen. Das sind viele Momente, wo wirklich eine große Dankbarkeit rüberkommt. Wir arbeiten schon in einem besonderen Bereich, der viel positives Feedback bringt.

Die Neuzuwanderung lässt schon etwas nach. Wird der gegenwärtige Boom irgendwann einmal vorbei sein?

Junkerkalefeld: Das ist Kaffeesatzleserei. Wir hatten neulich eine Konferenz im Kreis Steinfurt. Da sagte ein Experte, er gehe davon aus, dass die Anzahl der Menschen, die zu uns kommen, hoch bleiben wird. Jede Anstrengung, die wir investieren in Sprache, Schule, Bildung werde sich doppelt und dreifach auszahlen.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5108949?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686824%2F
Nachrichten-Ticker