Seit Samstag im Kunstturm: Miriam Jonas und ihre „Rapunzel“
Märchen für Hartgesottene

Greven -

Wer die Ems-Rapunzel von „hier“ – aus dem Kunstturm – retten könnte? Keine Ahnung, womöglich ein hübscher Guntruper Landwirt. Oder ein smarter Feuerwehrmann aus Schmedehausen. Abstruse Idee? Vielleicht. Am Samstagabend geht es aber ja gerade um Fantasie, um die etwas andere Interpretation, um den Bruch mit dem Klischee. In ein uraltes Märchen neu eintauchen – diese Möglichkeit bietet die neue „Rapunzel“-Ausstellung der Berliner Installationskünstlerin Miriam Jonas.

Sonntag, 01.10.2017, 15:21 Uhr aktualisiert: 01.10.2017, 15:30 Uhr
Ein pechschwarzes Kunststoffseil reicht über zwei Etagen bis nach draußen. Mit ihrer Ausstellung regt Miriam Jonas (links neben Maria Galen) die Fantasie der Kunstturm-Besucher auf besondere Weise an..
Ein pechschwarzes Kunststoffseil reicht über zwei Etagen bis nach draußen. Mit ihrer Ausstellung regt Miriam Jonas (links neben Maria Galen) die Fantasie der Kunstturm-Besucher auf besondere Weise an.. Foto: Stefan Bamberg

Eingesperrt im beschaulichen Greven? Nein, da hat es die Schöne mit dem langen Haar schlimmer getroffen. Ein abgelegener Turm mitten im Walde sei es gewesen, so die gängigste Überlieferung. Aber: „Wer weiß, vielleicht sah es da so ähnlich aus wie hier“, überlegt Kunstverein-Chefin Maria Galen.

„Unsere Märchenbuch-Vorstellungen erfüllen sich hier wahrscheinlich nicht“, vermutet Maria Galen. Rapunzel als unschuldiges Blondchen? Ihr ach so engelsgleicher Gesang, mit dem sie dem feschen Königssohn den Kopf verdreht? So haben wir die Gebrüder Grimm immer verstanden. Jonas‘ Rapunzel hingegen ist ein veritabler Brummer: eine gewaltige Abrissbirne, die in den zweiten Stock gehievt wurde und im Erdgeschoss sogar schon eine Wölbung in der Decke verursacht. Ihre liebliche Stimme? Ein dumpfer Sound, der durch alle Räume zu hören ist. Und die goldblonde Haarpracht? Ein pechschwarzes 150-Meter-Kunststoff-Seil, das – von Abrissbirne Rapunzel ausgehend – über zwei Etagen bis nach draußen reicht. „Wenn sich der Königssohn daran hochhangeln wollte, würde die Abrissbirne vermutlich das ganze Gebäude zum Einsturz bringen“, glaubt Miriam Jonas. Doch wozu all das Brachiale? „Auf den zweiten Blick“, findet Jonas, „haben viele Märchen auch etwas Unheimliches.“

Dass Rapunzels Traumprinz etwa erst brutal erblinden muss, ehe er von ihren Tränen geheilt wird – eigentlich nix für Zartbesaitete. Auch Rapunzels Teenager-Schwangerschaft – brisanter Stoff. „Das fehlt in manchen Erzählungen des Märchens, das ist sowas wie die Extended Version“, schmunzelt Jonas. Eher für Hartgesottene ist übrigens auch die Entstehungsgeschichte der Ausstellung: Sieben Tage verbrachte die Künstlerin im Kunstturm, rund um die Uhr: „In der Arbeit wohnen“, meint Miriam Jonas. „Das macht innovativ.“

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Die Ausstellung bleibt bis zum 22. Oktober im Kunstturm; samstags und sonntags 11 bis 17 Uhr.

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