Interview mit Pastor Jörn Witthinrich
„Wir ziehen an einem Strang“

500 Jahre Reformation – das Jubiläumsjahr hat die Christen in Greven beschäftigt. Eine Woche vor dem Reformationstag sprach unser Redakteur Günter Benning mit Pfarrer Jörn Witthinrich über den Einfluss von Luther, die Reformation und die Lage der Kirche vor Ort.

Sonntag, 22.10.2017, 10:00 Uhr
Björn Witthinrich ist evangelischer Pfarrer in Greven.
Björn Witthinrich ist evangelischer Pfarrer in Greven. Foto: Günter Benning

500 Jahre Reformation. Hat das Jubiläum Ihr Leben verändert?

Witthinrich: Nicht richtig. Aber es war ein spannendes und tolles Jahr, das mir Spaß gemacht hat. Es haben viele Leute mitgezogen, sie hatten Ideen, haben sich eingebracht.

Waren auch neue Leute dabei, die Sie sonst in der Kirchengemeinde nicht so sehen?

Witthinrich: Unter den Besuchern auf jeden Fall. Da hatten wir Veranstaltungen, die neue Leute angesprochen haben. Und es haben auch Leute mitgearbeitet, die vorher nicht so unbedingt aktiv gewesen sind.

Sie haben mit der Lutherfigur, die hier vor der Kirche und an anderen Stellen steht, sehr plakativ gearbeitet. Ich habe da neulich gelesen: „Lieber Martin, Danke, dass wir keinen Ablass mehr zahlen müssen.“ Ein Kind hatte darunter geschrieben: „Danke, keine Atlanten mehr.“ Wie geläufig ist den Menschen der Kern der Reformation?

Witthinrich: Das ist sehr unterschiedlich. Die einen wissen sehr viel. Die meisten wissen nicht viel mehr, als dass Luther ein Mönch gewesen ist, der mal ein Papier an eine Kirchentür angeschlagen hat.

Nehmen wir doch die Ablassfrage. Erklären Sie mal schnell, worum es da geht.

Witthinrich: Der Ablass war die Vorstellung, dass man sich gegen Geld von Sündenstrafen freikaufen kann. Da hat Luther gesagt, das funktioniert nicht mit Geld. Gott sei Dank müssen wir gar nicht zahlen. Gott ist ein liebender Gott, der einen so annimmt, wie man ist. Mitsamt den Fehlern, mitsamt der Schuld. Der Mensch hat eine ganz eigene Würde, er muss sich nicht die Liebe Gottes erarbeiten. Er ist von Gott angenommen – immer mehr als die Summe seiner Leistungen.

Früher war der Ablass eine Art Finanzierungsmodell, um teure Projekte wie den Petersdom zu finanzieren. Da ist ja auch die katholische Kirche lange drüber weg.

Witthinrich: Natürlich, das ist nichts mehr, was uns trennt. Da ziehen wir an einem Strang.

Ablass ist also kein Thema mehr?

Witthinrich: Gegen Geld sowieso nicht. Manchmal gibt es solche Dinge wie die Tür im Petersdom, von der Johannes Paul II. im heiligen Jahr 2000 erklärt hat, wer durch diese Tür geht, erhält einen Ablass. Dabei wird uns etwas komisch zumute.

Ist für viele Bürger der Unterschied der Konfessionen noch spürbar?

Witthinrich: Nein, für die meisten nicht. Es gibt sogar Leute, die aus der evangelischen Kirche austreten, weil sie den Papst kritisch sehen. Oder sich ärgern, weil ein Bischof eine teure Badewanne gekauft hat. Da wird nicht unterschieden.

Das Finanzielle spielt ja anscheinend bei Kirchenaustritten immer noch eine Rolle. Wollen die Leute keine Kirchensteuer zahlen?

Witthinrich: Die Kirchensteuer ist nicht der Grund, sondern der Anlass für Austritte. Wenn mal wieder Kosten steigen, schaut der Mensch, wo er sparen kann. Dann macht er für sich eine Kosten-Nutzen-Rechnung auf und stellt fest: Kirche nutze ich höchsten noch Weihnachten, dafür zahle ich Kirchensteuer, das muss nicht sein. Der Grund für den Austritt ist oft, dass die Menschen ohne Kirche und Gott auskommen und glücklich sind.

Trotzdem ist die Welt, zum Beispiel der modernen Streaming-Serien, voll von religiösen Geschichten, vom Kampf des Guten gegen das Böse, Geistern, Dämonen, Übersinnlichem. Gibt es Bedarf?

Witthinrich: Da gab es neulich eine Umfrage der evangelischen Kirche. Bisher haben wir angenommen, dass die Menschen, auch wenn sie aus der Kirche austreten, Gottsucher bleiben. Nach der neuesten Umfrage ist dem nicht so. Viele Menschen suchen nichts über das Weltliche hinaus.

Die Grevener Kirchengemeinde gibt es seit 1893...

Witthinrich: Die Christuskirche wird nächstes Jahr 125 Jahre alt. Aber vorher gab es auch schon evangelische Christen, die sich in einer Wirtschaft getroffen haben – oder nach Emsdetten zur Kirche gegangen sind. Die Christuskirche ist damals für weniger als 40 Gemeindemitglieder gebaut worden. Da würde man heute eine Kirche schließen.

Haben sich evangelische Christen immer in der Diaspora gefühlt?

Witthinrich: : Das hängt von der Gegend ab. In katholischen Gegenden wurden früher Protestanten ausgegrenzt, in evangelischen Gebieten war es umgekehrt. Sie kennen die alten Geschichten, dass die Evangelischen an Fronleichnam die Wäsche rausgehängt haben....

...und die Katholiken am Karfreitag gedüngt.

Witthinrich: Diese Zeiten sind lange vorbei. Die Ökumene in Greven ist sehr weit fortgeschritten. In diesem Jubiläumsjahr steht Luther vor der katholischen Franziskuskirche in Reckenfeld. Das war kein Problem, wir haben angefragt und haben offene Türen eingerannt.

Das ist ja ein gutes Zeichen für den Willen, sich aufs Gespräch einzulassen und sich selbst in Frage zu stellen, oder?

Witthinrich: Ja, wir sind im Gespräch miteinander. Ich bin richtig dankbar für die gut gelebte Ökumene.

Beim großen Gottesdienst im Ballenlager am Reformationstag ist auch die islamische Ditib-Gemeinde eingeladen. Ist das Programm?

Witthinrich: Ja, wir sind nicht ein Clübchen, das unter sich bleibt, wir gehen hinaus in die Welt. Wir wollen Menschen kennenlernen. Und wir unterscheiden da auch nicht zwischen Konfessionen und Religionen. Begegnungen helfen gegen Vorurteile.

Sich in diesem Jahr mit Luther befassen, heißt ja auch, über die Negativseiten Luthers zu reden. Seinen Antisemitismus, seine Hasstiraden gegen aufständische Bauern. Wie lässt sich das unter einen Hut bringen?

Witthinrich: : Indem man das offen sagt und klar benennt, was an Luther kritisch zu sehen ist. Luther war leider sogar noch antisemitischer als seine Umwelt. Wir feiern auch kein Lutherjahr, sondern das Reformationsjahr.

Was macht Ihr Gemeindeleben aus? Wozu braucht man Kirche?

Witthinrich: Ich brauche sie, weil ich hier eine Gemeinschaft finde von Menschen, die meine Grundüberzeugungen teilen. Weil ich hier einen Ort finde, an dem ich über mich und unser Leben und die Zukunft nachdenken kann. Glaube, die Bibel, Gott – das ist Sand im Getriebe. Zum Innehalten, zum Nachdenken darüber, was richtig ist und was falsch. Glaube ist ein kritisches Korrektiv.

Ein Korrektiv gegenüber dem Mainstream?

Witthinrich: Nehmen wir das Beispiel Flüchtlinge: Da ist die Kirche eine wichtige Stimme. Die sagt: Wo Menschen Hilfe brauchen, sind wir für sie da. Nächstenliebe ist nicht national eingrenzbar. Sie gilt jedem Menschen.

Wie sieht es mir Ihrer Jugendarbeit aus?

Witthinrich: Ich arbeite gerne mit Jugendlichen. Wir haben die Konfiarbeit, immer ausgebuchte Freizeiten. Wir haben viele Teamer dabei – das macht richtig Spaß und Freude.

Wie sieht es mit der Zukunft der Kirchengebäude in Greven aus?

Witthinrich: Heikle Frage. Wir schreiben im Moment noch schwarze Zahlen. Die Kirchensteuerzahlen sind gut, aber die Ausgaben steigen. Was wir für schlechte Zeiten zurücklegen können, wird in den nächsten Jahren gegen null tendieren.

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