Die Gräben in Reckenfeld
Das löcherige Biotop

Reckenfeld -

Das Insektensterben ist in aller Munde. Das Grabensystem in Reckenfeld könnte ein guter Beitrag sein, um die Lebensbedingungen für Schmetterlinge, Bienen und Co. zu verbessern. Aber das System ist löcherig geworden.

Dienstag, 31.10.2017, 17:00 Uhr

I nsektensterben? Die ganze Republik redet davon, dass es immer weniger Libellen, Käfer und Mücken gibt – schlechten Umweltbedingungen ist es geschuldet. In Reckenfeld allerdings gibt es kleine Inseln der Seligen für die Krabbler: Die Gräben in Block A und B. Dort blühen sogar jetzt noch, im November, Wasserdost und Goldrute, bieten mit ihren Stängeln Winterquartiere für Insekten und für Raupen. Lothar Riedel , Nabu-Mitglied und einst leidenschaftlicher „Grabenkämpfer“, deutet auf das Blatt eines zottigen Weidenröschen, das ziemlich angeknabbert aussieht – Schmetterlingsraupen ha ben sich gütlich getan. „Ein gutes Zeichen.“

Allerdings sind die Gräben, die in die Blöcke A und B einen ganz eigenen Dorfcharme zaubern, ein löcheriges Biotop und bei vielen Reckenfeldern gar nicht beliebt. „Sie erinnern viele an das schlechte Reckenfeld, als das Abwasser in die Gräben floss und diese bestialisch stanken“, weiß Riedel und vermutet: „Die Scham über diese arme Vergangenheit spielt eine große Rolle bei der Ablehnung der Gräben.“ Die Folge: in den Blöcken A und B ist das Grabensystem nur teilweise vorhanden – die Anwohner konnten zwischen Verrohrung und offenem System wählen. In den Blöcken C und D gibt es diese Feuchtbiotope gar nicht mehr.

Aber auch in A und B ist vieles nicht optimal. Viel Regenwasser fließt in die Kanalisation statt in die Gräben, die oft trocken fallen. Die Pferdewiesen am Ende der Goethestraße hatten früher Kuhlen, in denen häufig Wasser stand – ebenfalls Lebensraum für viele Insekten. „Das ist alles eingeebnet worden“, sagt Riedel. „Dadurch fehlt jetzt der Anschluss der Gräben an Feuchtgebiete in der offenen Landschaft.“

Auch die Pflege der Gräben ist ökologisch nicht optimal. „Am besten wäre es, wenn immer nur die Hälfte des Grabens gemäht würde und die andere Hälfte erst später.“ So wäre dafür gesorgt, dass Kleingetiere und Insekten immer Unterschlupf und Nahrung fänden. Das bedeutet Handarbeit – teuer für die Stadt. Aber Riedel hält dies für ganz wichtig, will man etwas für die Insekten tun. „Es genügt nicht, dass in Vorgärten Phlox und Sommerflieder für die Bienen und Schmetterlinge wachsen. Man braucht auch Nahrungspflanzen für die Raupen.“ Denn Insekten sind in diesem Frühstadium ihrer Entwicklung wählerisch und hochspezialisiert. „Diese Vielfalt können nur Wildpflanzen bieten, und davon gibt es in unserer aufgeräumten Landschaft immer weniger.“

Dass es die Gräben in Reckenfeld, die für den Ort so typisch sind, überhaupt noch gibt, ist der starken Umweltbewegung der 80er Jahre geschuldet. Die Meldungen vom Waldsterben hatten damals die Bürger aufgeschreckt, hatten sie sensibel gemacht dafür, dass Ökosysteme nicht beliebig belastbar sind. 151 verschiedene Pflanzenarten gab es damals in den Gräben von Block A, zeigte ein Gutachten. „Was wir hier in Reckenfeld damals hatten, war einzigartig“, weiß Riedel.

Doch die Straßen standen zur Sanierung an. Aus der Bürgerinitiative für niedrige Anliegergebühren entstand eine Gruppe, die sich für den Erhalt der Gräben stark gemacht hat. Dr. Oda Willhöft und Hans-Jürgen Strack, Peter Borggreve, die Familie Buchholz, das Ehepaar Büsch-Beinhorn, Roland Böckmann und eben Lothar Riedel gehörten mit vielen anderen zum harten Kern. Es war ein erbitterter Kampf zwischen Befürwortern und Gegnern. „Das ging mitten durch die Familien“, erinnert sich Riedel. „Im Nachhinein war das ein Alptraum.“

Aber die Kämpfer von damals haben es doch geschafft, dass wenigstens einige der Gräben geblieben sind. Ist das nicht ein Erfolg? Der Umweltschützer schüttelt den Kopf. „Es ist, wie wenn Sie im Weitsprung die 8,90 Meter erreichen wollen. Sie strengen sich immens an – und bleiben doch weit darunter. Das ist immer eine Enttäuschung.“ Gerade die alarmierenden Nachrichten über das Insektensterben verstärken sein Gefühl des Scheitern, das Gefühl, dass in Reckenfeld eine riesengroße Chance vertan worden ist. „Wir können nicht nur sagen: Die Bauern sind schuld. Wir müssen unseren Beitrag leisten zur Artenvielfalt.“

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