Straßenumfrage zu Luthers Reformation
„Gegen den Strom“

Greven -

Eine Umfrage unter Passaten zum dienstäglichen Feiertag. Nun ja, vorsichtig ausgedrückt: Eine Fußball-WM wäre einfacher. Ein halbes Jahrtausend Reformation jedoch – hartes Reporterbrot.

Dienstag, 31.10.2017, 07:20 Uhr
 
  Foto: Klaus de Carné

Nein, ein Gruselclown ist der Mann nicht. Und mit blinkenden, blutverschmierten Kürbissen hat er auch nix zu tun. Echt nicht.

„Dienstag?“, schießt es aus der fröhlichen Passantin heraus. „Da ist doch wieder dieses Halloween, oder?“ Oder?

Auch Matthias Schlautmann – der mit Halloween nicht so viel am Hut hat – muss einen Moment überlegen. Allerheiligen? Allerseelen? „Sorry, mit den evangelischen Feiertagen kenn‘ ich mich nicht so gut aus“, ist er ehrlich.

Mit einem Stichwort allerdings fällt der Groschen: Luther! „Ach natürlich“, sagt er, fast entschuldigend, von sich selbst verwundert. Denn: „Wir waren sogar in Wittenberg und auf der Wartburg.“

An der Schlosskirche, wo der sagenumwobene Thesenanschlag des Reformators vor genau 500 Jahren den Stein ins Rollen brachte. Und in Deutschlands vielleicht berühmtester Schreibstube, in der nicht für möglich Gehaltenes passierte: „Die Bibel ins Deutsche zu übersetzen“, findet Schlautmann. „Das ist sicher Luthers ganz große Leistung. Davon profitieren wir heute noch alle.“

Das Wort Gottes so, dass es – endlich – alle verstehen konnten. Ein Meilenstein in der deutschen Geschichte. Der aber viele Leute kalt lässt an diesem kalten Samstagmorgen auf dem Marktplatz.

Hallo, haben Sie das von der Reformation gehört? Nun ja, vorsichtig ausgedrückt: Eine Fußball-WM wäre einfacher. Wie hauen wir die Brasilianer weg? Was halten Sie von Mario Götzes neuer Frisur?

Ein halbes Jahrtausend Reformation jedoch – hartes Reporterbrot. Zum ersten Mal ist der 31. Oktober ein bundesweiter Feiertag – da freuen sich die meisten zumindest aufs Freihaben. Die Erste, die dagegenhält – ist ausgerechnet eine Katholikin: „Ich finde es wichtig, dass uns klar ist, was wir da feiern“, meint Susanna Wunderlich. „Luther gegen die katholische Kirche – das war brutal, das war für ihn ein harter Kampf.“ Gertrud Fidanza-Glöckner pflichtet ihr bei: „Es wird Zeit, dass sich die Konfessionen noch stärker annähern.“ Für die gebürtige Rheinländerin – „aus einer evangelischen Gegend dort“ – steht fest: „Katholisch oder evangelisch? Ich bin einfach Christin!“

Neulich hat sie einen Luther-Bildband aus dem Schrank gekramt – und überhaupt: Eigentlich führe im Moment kein Weg vorbei an der Luther-Story. Der neueste ZDF-Spielfilm übers private und berufliche Wirken des Reformators ist – übrigens nicht nur für Gertrud Fidanza-Glöckner – Pflichtprogramm.

Doch auch vor Ort ist was los: Michael Bünger zum Beispiel geht heute zum großen Gottesdienst ins Ballenlager. Der Sozialpädagoge schätzt vor allem Luthers Querdenker-Qualitäten: „Öfter mal gegen den Strom schwimmen, seine Meinung sagen und für sie einstehen – das fehlt heutzutage leider oft.“

Vor allem deswegen können auch diejenigen etwas mit ihm anfangen, die den heutigen Dienstag nicht in erster Linie aus kirchlicher Perspektive betrachten: „Der Reformationstag ist auch ein Kulturfeiertag“, glaubt Jana Rottkord. Luthers Werk als Autor und Denker – eine frühmoderne Bildungsoffensive. Rottkords Fazit: „Das war nicht nur eine Reformation der Kirche, sondern auch eine kleine Revolution für Deutschland.“

Zum Thema

Der Festgottesdienst zum Reformationsfest ist am Dienstag, 31.10., 10 Uhr im GBS-Ballenlager.

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