Trauerrednerin Lioba Villis
Eine Frau mit Gespür für die Toten

Tecklenburger Land -

Nur Atheisten engagieren eine freie Trauerrednerin? Weit gefehlt. Lioba Villis aus Münster wird – auch in Greven - von Christen oder deren Hinterbliebenen gebucht, die mit dem „Bodenpersonal“ nicht zufrieden sind oder Menschen, die keiner Kirche angehören, aber durchaus einen persönlichen Glauben haben.

Mittwoch, 01.11.2017, 14:21 Uhr aktualisiert: 06.11.2017, 17:36 Uhr

Eigentlich hatte sie gedacht, sie habe alles schon erlebt, was es in ihrem Beruf zu erleben gibt. Kein Wunder – einige hundert Beerdigungen hat Lioba Villis in den vergangenen 13 Jahren schon gestaltet. Jüngst aber gelang es einer über 80-Jährigen, sie zu überraschen. „Sie kam angeradelt, erzählte mir ihr Leben und sagte: Jetzt machen Sie was Schönes daraus.“ Der Auftrag wurde angenommen, die muntere alte Dame hat ihre Grabrede in der Schublade. „Sonst spreche ich frei“, hat Lioba Villis für sie eine Ausnahme gemacht.

Lioba Villis ist – Trauerrednerin? Sterbe- und Trauerbegleiterin? Andachtsgestalterin? Trösterin? All das gehört zu ihrem Beruf. Sie führt Trauergespräche mit den Angehörigen – „es kann vorkommen, dass diese Stunden dauern“. Sie entwirft die Grabrede. Sie kümmert sich um die Gestaltung der Abschiedsfeier, hält Wortgottesdienste.

Fertige Routinen? Plattitüden über Tod und Hoffnung? Ein Schema F? Das gibt es nicht. Lioba Villis hat ein Gespür für die Toten, für ihre Persönlichkeit. Sie hat Worte, Bilder, die die Verstorbenen bei einer Beerdigung auf eine neue Art lebendig werden lassen. Sie kann die Macht des Todes gelten lassen, ohne ihm die Herrschaft über das Leben einzuräumen. „Ich möchte, dass wir am Grab nicht die Trauer feiern, sondern die Verstorbenen und ihr Leben“, sagt sie. Oft hört sie nach einer Beerdigung: „Man merkt, dass Sie eine ganz enge Freundin der Familie sind“ – „ein schönes Kompliment.“

Manche Bestattung geht auch nach so vielen Jahren Erfahrung noch an die seelische Substanz. „Es ist ein Unterschied, ob man jemanden beerdigt, der mit 95 nach einem erfüllten Leben stirbt oder einen 20-Jährigen, der sich das Leben genommen hat.“ Lioba Villis hat schon Grabreden auf totgeborene Kinder gehalten und auf 104-jährige Greisinnen, auf Menschen mit großem Herzen und auf solche, um die kaum einer weint. Aber auch einen Griesgram möchte sie in ihrer Grabrede ehrlich skizzieren – eine Gratwanderung. „Ich möchte nicht das Bild bedienen, dass nirgends so viel gelogen wird wie am Grab. Ich möchte auch Ecken und Kanten des Verstorbenen zeichnen – liebevoll.“

Die Katholikin hat 2004 während ihrer Familienphase mit der Ausbildung zur ehrenamtliche Grabrednerin begonnen, seither ist sie im ganzen Münsterland unterwegs. Bei ihrer ersten Beerdigung war ihr hundeelend, nassgeschwitzt trat sie in die Kapelle. „Die Tür ging auf, die Orgel spielte – und Friede war mit mir“, erinnert sie sich. „Das ist kein Job für mich, es ist eine Berufung.“ Aus der Berufung hat sie vor fünf Jahren ihren Hauptberuf gemacht. Sie arbeitet mit mehr als 20 Bestattern zusammen, auch in Greven hat sie Partner, unter anderem das Bestattungsunternehmen Venschott.

Interessanterweise sind die Menschen, die sie buchen, nur selten echte Atheisten. Es sind Christen, die mit dem „Bodenpersonal“ nicht zufrieden sind oder Menschen, die keiner Kirche angehören, aber durchaus einen persönlichen Glauben haben. „Es ist ganz, ganz selten, dass überhaupt gar keine Form von Spiritualität gewünscht wird“, weiß Lioba Villis. „Wenn ich frage: Wünschen Sie ein Gebet? Einen Segen? dann sagen die meisten: Natürlich.“

Die Trauerfeiern der Münsteranerin dauern ähnlich lange wie kirchliche Begräbnisse – etwa eine halbe Stunde in der Kapelle mit Musik, die die Familie aussucht. Dabei ist sie für alles offen – Klassisches, Rock, Schlager. Beim Begräbnis seiner Frau etwa wünschte sich ein Ehemann das Lied „Ein Stern, der deinen Namen trägt“. „Das war in dem Moment ganz stimmig“, erinnert sich Lioba Villis. „Man dachte unwillkürlich an den kleinen Prinzen. Die Füße haben mitgewippt, ich fand‘s grandios.“

Besonders emotional ist der Augenblick, wenn sich der Sarg oder die Urne in die Erde senkt. Die Trauerrednerin sagt in diesem Moment nur wenige Worte – aber sie weiß, wie wichtig sie sind. „Ich spreche davon, dass wir Abschied nehmen von dem, was sterblich ist. Aber die Liebe, die Erinnerung stirbt nicht.“ Solche Bilder trösten – und verhindern, dass sich in den Köpfen Horrorfilme festsetzen. Worte sind mächtig.

Das zeigt sich auch im ganz anderen Leben der Lioba Villis. Seit zwei Jahren ist sie gelegentlich als Rednerin auf Hochzeiten unterwegs. „Eines Tages hat mich ein Vater angerufen und gesagt: Meine Tochter hat sich einen Kerl angelacht, der aus der Kirche ausgetreten ist. Aber etwas Feierliches muss sein. Machen Sie so etwas auch?“ Einen Moment hat Lioba Villis gezögert, dann hat sie zugesagt. Und berührt offenbar auch an Freudentagen mit ihrer bilderreichen Sprache. „Egal, was ich mache – es fließen oft Tränen.“

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