Sa., 18.11.2017

Björn Dewitt ist Baumkletterer Über den Dächern von Greven

Björn Dewitt sägt einen verwundeten Ast ab. Solche reibenden Äste sind nicht selten, sie führen zu einer Art Dauerverletzung, die einen Baum gesundheitlich stark beeinträchtigen können.

Björn Dewitt sägt einen verwundeten Ast ab. Solche reibenden Äste sind nicht selten, sie führen zu einer Art Dauerverletzung, die einen Baum gesundheitlich stark beeinträchtigen können. Foto: Günter Benning

Greven - 

Björn Dewitt ist Baumkletterer. Er beschneidet die Bäume und führt Pflegearbeiten durch. Das alles oft in großer Höhe und natürlich gut abgesichert

Von Günter Benning

„Pass gut auf“, sagt Björn Dewitt. Und dabei macht er einen ernsten Eindruck. „Es geht um Dein Leben.“

Okay, Reporter leben gefährlich, das weiß man ja. Aber so gefährlich sieht die Buche auch wieder nicht aus, auf die ich gleich mit dem Grevener Baumkletterer steigen werde. Doch Dewitt ist nervös, hat schlecht geschlafen, macht sich Sorgen. Also pass ich besser auf.

Sein Kollege Marvin Horsthemke, hauptberuflich bei der Feuerwehr, aber im Nebenjob Kletterer bei Dewitts „Baumpflegezentrale“, hat mir einen Gurt angelegt. Rechts, links, vorne, hinten, überall sind Metallringe befestigt. Die halten die Sicherungsseile, die mit einem Klick befestigt werden können.

Fotostrecke: Baumpflege in Greven

Wir stehen im Garten von Bürgermeisterin Christa Waschkowitz-Biggeleben. In der Ecke wächst eine große Buche, überragt zwei Dächer, schwebt über drei Grundstücken. „Ein auffälliger Baum“, sagt Björn Dewitt, der muss erhalten werden. Das findet auch Waschkowitz-Biggeleben, die vom Frühstückstisch aus die vier Baumpfleger beobachtet: „Im Sommer haben wir hier immer angenehmen Schatten.“

William Wallace aus Neuseeland und GaLA-Bauer Sascha Ullrich haben eine Seilwinde um den grünen Baum gebunden. 1500 Kilo Gewicht bewegt sie. Praktisch, wenn man von oben Äste abseilen muss, die nicht einfach aufs nächste Dach fallen dürfen.

„So, ich gehe hoch“, sagt Dewitt. Er hat in etwa zehn Metern Höhe ein Kletterseil befestigt. Jetzt hängt er in seinem Gurt, den Fuß in einer Schlaufe, die rechte Hand an einem Metallbügel. „Fuß lang machen, Bügel hochziehen“, sagt er. So als würde er eine Leiter besteigen, klimmt er sich in den Baum hinein.

Er war mal bei den Gebirgsjägern. Da wurde der Spaß am Klettern geboren. Als er zurück nach Greven kam, hat er aus dem Spaß einen Job gemacht. Baumkletterer, das ist kein Ausbildungsberuf, aber es gibt Kurse, um es gut zu machen.

Oben sehe ich, wie er Seile am Stamm befestigt. „Sicherungspunkte“, sagt er. Dann ruft er seiner Bodencrew zu: „Jetzt soll er hochkommen.“

Er meint mich. Ich hänge an einem blauen Kletterseil. „Ganz locker bleiben“, ruft Dewitt, „und dann treten und ziehen.“

Ich trete, ziehe, aber schon fühle ich mich wie ein nasser Sack am Baum. Die Koordination von Arm und Bein ist sauschwer, wenn man schwebt. Der Turnschuh rutscht an der nassen Rinde ab. Nach fünf Klimmzügen, geht die Puste aus.

„Egal“, ruft jetzt Dewitt, „ganz langsam weitermachen.“ Ich schnaufe durch, trete und ziehe weiter. Ich steige auf in den Wipfel, weiche Ästen aus, suche Halt mit den Schuhen.

Jetzt verstehe ich auch, warum der Baumkletterer so auf Sicherheit achtet. Der Baum ist glatt wie eine Wasserrutsche. „Was kann hier alles passieren?“, frage ich ihn schnaufend.

„Alles Mögliche“, sagt er, „man kann fallen, sich an Ästen verletzten. Gepfählt werden.“ Keine schöne Vorstellung.

Dann erreiche ich eine Astgabel, die mein Beobachtungsposten wird. Ich schlinge ein zwei Meter langes Sicherungsseil aus Stahldraht um den Stamm, sichere es an meinem Gürtel. Bombenfest. Jetzt kann auch von unten die Kamera hochgehievt werden.

Björn Dewitt treibt sich derweil in den Außenbezirken der Krone herum. Ein Ast liegt über einem anderen, bei Wind reiben sie aneinander, es ist eine große Wunde entstanden. „So etwas beeinträchtigt die Stabilität“, sagt er und zückt seine Handsäge. Mit ein paar Bewegungen ist der Ast durch. Gefahr gebannt.

Baumkletterer kommen zum Einsatz, wenn man mit schwerem Gerät, Leitern und Hubwagen nicht auf ein Gelände kommt. Auch hier hätte es kaum einen guten Standort für Geräte gegeben, die außerdem die Baumwurzeln schädigen können.

Dewitt schneidet totes Holz aus der Krone, stellt das ins Wanken geratene Gleichgewicht der Äste wieder her. Er sagt: „Man muss auf die Baumgeometrie achten.“ Wenn es sein muss, kann er ganze Bäume fällen – von oben nach unten. „Demnächst sind in Münster fünf große Bäume dran“, sagt er. Das werde wohl eine Woche dauern. Für den Baumbesitzer kein billiges Vergnügen.

Wir sitzen ungefähr in zehn Metern Höhe, über den Dächern von Greven. Es ist kalt, im November ist das ein Job für dicke Klamotten und feste Handschuhe.

„Runter geht es von alleine“, sagt Dewitt. Ich lasse mich an meinem Kletterseil langsam herab. Man zieht dafür einen kleinen runden Knopf. Sobald man ihn loslässt, bremst das Seil. Unten angekommen, atmet Dewitt auf: „Ging doch – fürs erste Mal.“

Ich hatte ganz vergessen, ihm zu sagen, dass ich seit 25 Jahren keinen Baum mehr erklommen hatte.



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