Begräbniskultur in Greven
Reihengrab, Friedwald oder Urne?

Greven -

Jörg Müller-Anlauf kennt sich mit Begräbnissen aus. Das heißt heute etwas, denn die Sitten haben sich geändert.

Sonntag, 26.11.2017, 08:00 Uhr
 
  Foto: oh

Erdgrab oder Urne? Seebestattung oder Garten der Erinnerung? Grabredner, Schamane oder Priester? Flapsig könnte man sagen: Feste Rituale gibt es immer weniger, wer heute stirbt, hat die Qual der Wahl. „Friedhofskultur ist immer ein Spiegel der Gesellschaft“, weiß Jörg Müller-Anlauf, leitender Mitarbeiter beim Unternehmen „Bestattungshilfe“, zu dem auch die Grevener Institute Meibeck und Kölker gehören. „So vielfältig und individuell, wie die Menschen ihr Leben gestalten können, so breit gefächert sind mittlerweile die Möglichkeiten der Bestattung.“

Doch so schön solche Vielfalt ist – im Todesfall kann sie für die Angehörigen zum Stress werden, wenn sie nicht wissen, was sich der Verstorbene gewünscht hätte. Im schlimmsten Fall kommt es sogar zum Streit unter Verwandten. „Ich würde deshalb jeder Familie raten, dieses Thema zumindest einmal anzuschneiden“, empfiehlt der Bestatter.

Wer wirklich sichergehen will, dass seine Wünsche im Tod respektiert werden, der muss sich selbst zu Lebzeiten darum kümmern. „Ich schätze, fünf bis zehn Prozent der Menschen über 60 machen das schon“, weiß Müller-Anlauf. Fast alle Bestatter bieten mittlerweile so genannte Bestattungsvorsorge-Verträge an. Der Kunde kann nicht nur entscheiden, ob er Erd- oder Feuerbestattung bevorzugt. Er kann, wenn er mag, noch das letzte Detail seiner Beerdigung regeln – bis hin zur Frage, welcher Kuchen beim Beerdigungskaffee serviert werden soll. „Solche Verträge sind rechtlich verbindlich“, betont Müller-Anlauf. Verwandte können sich also über solche Vereinbarungen nicht ohne weiteres hinwegsetzen.

Dies gilt ganz besonders dann, wenn ein Kunde seine Beerdigung schon bezahlt hat – und das ist vielen Menschen offenbar wichtig in Zeiten, da es von den Krankenkassen kein Sterbegeld mehr gibt. Zwei Möglichkeiten der Finanzierung zu Lebzeiten sind denkbar: Entweder bekommt der gewählte Bestatter das Bezugsrecht für eine Sterbegeldversicherung. Oder die Beerdigung wird vorab über einen Treuhand-Vertrag, zum Beispiel bei der „Deutschen Bestattungsvorsorge Treuhand AG“, bezahlt. Diese Finanzierung über ein unabhängiges Unternehmen hat für die Kunden den Vorteil, dass die Bezahlung ihrer Beerdigung gesichert ist, auch wenn ein einzelnes Institut schließen sollte. Denn wenn jemand mit 70 einen Vorsorge-Vertrag macht, aber noch 30 Jahre lebt, kann natürlich viel passieren. „Sollte der Kunde umziehen, nimmt er die Leistungen mit“, erläutert Müller-Anlauf, dass auch dieser Fall geregelt ist.

Ein großer Vorteil eines Treuhand-Vertrages oder einer Sterbegeldversicherung ist im Übrigen, dass beide Formen der Vorsorge vom Sozialamt, anders als das klassische Sparbuch, nicht angetastet werden dürfen. Das kann gerade für alte Leute, die wegen eines Heimaufenthalts auf Sozialunterstützung angewiesen sind, sehr beruhigend sein. „Es gibt mittlerweile Urteile, die die Bestattungsvorsorgeverträge absichern“, sagt Müller-Anlauf. Die Kriterien seien, dass die gewünschte Bestattung ortsüblich sei, angemessen und den Lebensumständen des Verstorbenen entsprechend. Im Klartext: Wer sich ein Marmor-Mausoleum bauen lassen will, wird vom Sozialamt nicht verschont. Wer ein Grab im „Garten der Erinnerung“ an der Saerbecker Straße haben will, aber wahrscheinlich schon. Im Zweifel streitet die „Deutschen Bestattungsvorsorge Treuhand AG“ für ihre Klienten. „Die haben eigene Anwälte.“

Um eines allerdings müssen sich die Kunden selbst kümmern: Sie müssen ihrem Umfeld mitteilen, dass ein Vorsorgevertrag existiert. Zu diesem Zweck bekommen sie von ihrem Vertrags-Bestatter vier Vorsorge-Ausweise, zwei davon in Bankkartenformat. „Wir empfehlen, sie zu den Ausweispapieren zu nehmen und auch im Verwandtenkreis weiterzugeben“, sagt Müller-Anlauf. Auf keinen Fall sollten die Wünsche für die Beerdigung im Testament niedergelegt werden. „Wenn das eröffnet wird, ist die Beerdigung lang vorbei“, warnt der Bestatter.

Eines haben Testament und Bestattungsvorsorgevertrag allerdings gemein: Beide lassen sich ändern. „Da ist nichts in Stein gemeißelt“, versichert Müller-Anlauf. Die Verträge sind im Zweifel auch kündbar. Und wenn in Greven ein Friedwald eingerichtet wird, kann, so Interesse besteht, ohne Aufwand „umgebucht“ werden – vom Reihengrab auf Urne zwischen Baumwurzeln.

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