Serie: Adventskalender
Seekrank im Swingo

Greven -

6. Dezember: Unsere Zeitung hat um sechs Uhr früh Claus Studenicka in seiner Kehrmaschine besucht.

Mittwoch, 06.12.2017, 11:00 Uhr
Claus Studenicka kann seinen Kehrwagen in fast jede Richtung bewegen und kommt auch durch schmale Winkel hindurch.
Claus Studenicka kann seinen Kehrwagen in fast jede Richtung bewegen und kommt auch durch schmale Winkel hindurch. Foto: Günter Benning

Komisch. Nach zehn Minuten neben Claus Studenicka fängt die Seekrankheit an. Die Luft wird knapp, der Kreislauf schwach, man muss das Fenster aufreißen und am liebsten kurz mal vor den „Swingo 200 plus“ treten. Das ist die Kehrmaschine, mit der der Mitarbeiter der TBG über den Wilhelm-Parkplatz wirbelt.

„Ist was?“, fragt Studenicka. Für ihn ist nämlich alles okay. Er fährt vor, zurück, schwankt nach links, nach rechts, dreht seine Maschine per Joystick wie ein Boot auf hohem Wellengang. Acht Stunden am Tag kann er das, wahrscheinlich hat sich sein Gehirn darauf eingestellt, wie sich Seeleute auf das Schwappen im Sturm einrichten.

Wenn man morgens um 6.30 Uhr ungefrühstückt auf dem Betriebshof der Technischen Betriebe Greven landet, ist da schon reger Betrieb. Die Frühschicht hat an Zebrastreifen und Brücken Granulat gestreut. Studenicka fährt seinen Kehrwagen zu einer Wassertankstelle, legt einen Feuerwehrschlauch an und saugt erstmal zweimal 190 Liter Wasser an. Die braucht der Swingo, im Sommer mehr als jetzt, um beim Drecksaugen den Staub zu binden.

Dann geht es in Richtung Stadt. „Wir haben es durchgesetzt, dass ich schon um 6.30 Uhr anfange“, sagt Studenicka. Auf dem Sparkassenparkplatz sieht man, warum. Ein einzelnes Fahrzeug parkt dort. Der TBG-Mitarbeiter kurvt an den Rändern entlang, die Bürsten kehren Laub, Plastikdosen, Schnauztücher in die Mitte des Wagens, wo sie ein Saugrüssel aufsaugt. „Wie ein großer Staubsauger“, sagt er.

Das Grobe ist erledigt. Aber in den Beeten liegen noch Flaschen, Papier, Parkzettel. „Ich verstehe das nicht“, sagt Studenicka, „die Leute steigen in die Autos und schmeißen als erstes die Quittungen weg“. Er wird das wiederholen – auf jedem Parkplatz der Stadt. Überall das gleiche Elend.

Sein Kollege Jochen Kleimeier wird um 7.30 Uhr zu ihm stoßen. Er nennt ihn „unseren Innenstadtminister“. Denn der Mann mit dem Laubbläser ist fürs Feine zuständig. Er holt das versteckte Laub, den verborgenen Müll aus den Ecken und wirft ihn Studenickas Swingo vor die Bürsten.

Eigentlich ist Studenicka gelernter Bauschlosser, war dann zehn Jahre lang Maschinenführer in einer Rheinenser Textilfabrik. Seit deren Pleite fährt er bei den TBG: „Ich merke das schon, vorher habe ich wesentlich mehr verdient.“

Dafür allerdings dürfte sein Job krisensicher sein. Das Laub fällt immer. „In diesem Herbst zieht es sich aber lange hin“, sagt der Swingo-Fahrer, während er in dem geteilten Bildschirm vor der Fronscheibe beobachtet, wie sich ein Becher in der Öffnung verkantet. Ein kurzer Griff, der Saugrüssel weitet sich, der Becher verschwindet. Notfalls kann der Kehrwagen volle Flaschen Sangria einsaugen. Aufrecht. Und das kommt vor.

Was Studenicka ärgert, sind Bürger, die ihren Gartenmüll einfach auf die Straße kippen. „Einen Kunden habe ich dabei schon erwischt“, sagt er, „bei dem hole ich mit Sicherheit ein, zwei Wagen ab“.

Jetzt dreht er ab und fährt Richtung TBG. Die Saerbecker Straße ist ein langer Stau. „Gleich sind die Parkplätze voll“, sagt er. Da hätte er mit seinen Bürsten keine Chance mehr.

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