Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd
Das Pferd als Therapeut

Greven -

Andrea Termathe bietet auf ihrem Hof an der Ostbeverner Straße eine Reittherapie an. „Die Verbindung von Mensch und Tier macht für mich den besonderen Reiz meiner Arbeit aus“, erklärt die ausgebildete Reit- und Voltigierpädagogin.

Mittwoch, 24.01.2018, 08:45 Uhr aktualisiert: 24.01.2018, 08:50 Uhr
Das Heruntergleiten vom Pferderücken über den Schweif auf den Boden unter der Anleitung von Reit- und Voltierpädagogin Andrea Termathe stellt auch für Sammy eine wertvolle Ganzkörper-Erfahrung dar
Das Heruntergleiten vom Pferderücken über den Schweif auf den Boden unter der Anleitung von Reit- und Voltierpädagogin Andrea Termathe stellt auch für Sammy eine wertvolle Ganzkörper-Erfahrung dar. Foto: wkt

Auf dem Rücken der Pferde liegt das Glück dieser Erde. Und dieses Glück sieht man Sammy direkt an. Die Fünfjährige strahlt über das ganze Gesicht, wenn sie auf Jonas, einem geduldigen Dülmener, sitzt und durch die Reithalle trabt.

Das kleine Mädchen hält sich gut am Voltigiergurt fest und hört genau zu, wozu Andrea Termathe sie auffordert: „Sammy, kannst du beide Arme hochheben?“ Schon versucht Sammy, beide Hände über den Kopf zu heben, während Jonas an der Longe von Reit- und Voltigierpädagogin Andrea Termathe geduldig seine Kreise zieht. „Toll hast du das gemacht!“ Dieses Lob tut Sammy gut.

Sie ist eine von vier Mädchen aus der DRK-Kindertageseinrichtung „Mit Herz und Hand“, die an diesem Nachmittag gemeinsam mit Heilpädagogin Britta Marx zur Reittherapie in die Reithalle auf dem Hof Rosendahl an der Ostbeverner Straße gekommen sind. Bereits seit einem Jahr kommt Sammy wöchentlich zur Reitstunde.

Lena und Lea sind seit Dezember dabei und Antonia ist heute als Gastkind mitgekommen. Gemeinsam haben sie Jonas vor der Reitstunde gestriegelt, seine Hufe eingefettet und auch mit Möhre und Leckerli gefüttert. Dann geht es in die Reithalle und abwechselnd dürfen die vier Mädchen über die kleine grüne Treppe auf Jonas klettern, immer unterstützt von Andrea Termathe. Spielerisch erleben sie in dieser integrativen Gruppe den Kontakt zum Pferd: Laufspiele wechseln mit kleinen Übungen ab.

Das Highlight ist das Heruntergleiten über den Schweif des Pferdes: „Dazu müssen die Kinder Vertrauen haben und Loslassen können“, erklärt Termathe, „dann können sie am ganzen Körper das Feedback des Tieres spüren.“

Auch für Andrea Termathe selber liegt das Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde – aber nicht nur. Die gebürtige Gelsenkirchenerin entdeckte als zehnjährige Gymnasiastin ihre Liebe zu den Pferden auf der Trabrennbahn. „Mir hatten es besonders die Vollblüter, die schnellen Pferde angetan“, erklärt sie mit einem Lachen. Springen, Dressur und Vielseitigkeit, Reiterfahrungen im Training auf der Galopprennbahn, ebenso wie das Fahren von Trabrennen wurden ihre Leidenschaften.

Einer Hospitanz folgte die Ausbildung zur Pferdewirtin, die sie 1979 als Deutschlands beste Pferdwirtin abschloss. Danach wollte die Pferdebegeisterte zuerst Traber-Trainerin werden. Noch heute bildet sie Therapie-Pferde für sich und auch für Kollegen aus. Doch die Arbeit nur mit den Tieren allein reichte ihr nicht. Die Verbindung von Menschen und Tieren erfüllte sie mehr. Daher schloss sich eine pädagogische Grundausbildung als Erzieherin an, und sie bildete sich beim Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten zur Reit- und Voltigierpädagogin (DKThR) weiter.

„Gerade diese Verbindung von Mensch und Tier macht für mich den besonderen Reiz meiner Arbeit aus“, erklärt Andrea Termathe, „dabei sehe ich das Pferd als Medium oder besser gesagt als Nährboden für meine Klienten, um deren Ressourcen zu fördern.“ Seit 2001 bietet die zweifache Mutter in ihrer eigenen Praxis, in der sie auch Praktikanten ausbildet, die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd (HFP). Auch ihre eigene mehrfach schwerstbehinderte Tochter spricht auf diese Therapie gut an.

Wie viele andere Klienten genießt auch sie den Kontakt mit den Therapiepferden und dem Therapiehund Bella, der die Reittherapie oftmals unterstützt. Neben Therapiereiten für Privatpersonen wie auch als Kooperationsvertrag mit Institutionen bietet Termathe auch Voltigier-Angebote und reguläre Reitstunden an.

Die Motivation für die 57-Jährige liegt in der Freude, die sich nach einer Reittherapie auf den Gesichtern ihrer zwei- bis 69-jährigen Klienten zeigt. Viel zu schnell geht auch für Sammy die Reitstunde zu Ende. Sie darf jetzt Jonas zu ihrer Rutsche machen: Langsam legt sie sich bäuchlings komplett auf den Pferderücken, lässt die Griffe am Voltigiergurt los, rutscht über den Schweif hinunter auf den Boden sicher in Andrea Termathes Hände und – strahlt vor Glück.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5452149?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686824%2F
Nachrichten-Ticker