DP-Kindergräber auf dem Friedhof am Jägerweg
Die unschuldigsten Opfer

Reckenfeld -

56 Kindergräber auf dem Reckenfelder Friedhof erinnern daran, dass es auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch viele Opfer der nationalsozialistischen Diktatur gab.

Mittwoch, 24.01.2018, 15:00 Uhr
Nur ein einziges Grab wird noch geschmückt: Die Mutter von Stasia Janik blieb nach dem Krieg in Deutschland, zog nach Dortmund und hatte weitere Kinder. Offenbar kümmert sich die Familie noch immer um das Grab des Bruders.
Nur ein einziges Grab wird noch geschmückt: Die Mutter von Stasia Janik blieb nach dem Krieg in Deutschland, zog nach Dortmund und hatte weitere Kinder. Offenbar kümmert sich die Familie noch immer um das Grab des Bruders. Foto: Monika Gerharz

Auf den ersten Blick sieht das Gräberfeld auf dem Friedhof am Jägerweg aus wie ein Soldatenfriedhof. Graue Steine, flechtenüberzogen, in einem kurz gehaltenen Rasen, polnisch klingende Namen. Erst beim genauen Hinschauen merkt der Betrachter: Soldaten können das nicht sein. Die, die da begraben liegen, sind Kinder – wenige Monate alt, manche zwei, drei Jahre, die meisten 1948 gestorben.

Diese Kinder sind, wenn auch indirekt, Opfer der Nationalsozialisten. Ihre Mütter waren zum großen Teil als Zwangsarbeiterinnen aus Polen verschleppt worden. Noch nach Kriegsende mussten diese Frauen in Reckenfeld in Häusern leben, die auf Anordnung der Briten für die Heimatlosen, die nicht mehr zurück konnten, geräumt werden mussten. „Ihre Mutter wurde 1942 aus Polen verschleppt und totgeschlagen“, verweist die Grevenerin Kathrin Haves in einer Schülerarbeit im Jahr 2000 darauf, welche Gräuel die Displaced Persons zum Teil erlebt hatten. Das Mädchen hatte eine Zeitzeugin, die damals noch lebte, interviewt.

Doch trotz des Elends ging das Leben weiter – nach dem Krieg wurde auch im Lager geliebt und geheiratet. 1947, so heißt es in der Greven-Chronik von Dreßler, Galen und Spieker, waren ein Viertel der Lagerbewohner in Greven und Reckenfeld Kinder. Und deren Lage scheint alles andere als rosig gewesen zu sein. Denn die Briten, die Mühe hatten, nach dem Krieg ihre eigenen Landsleute zu versorgen, kürzten die ursprünglich auskömmlichen Lebensmittelrationen nach und nach. Das „Hamstern“ bei den Bauern war den Displaced Persons verboten, und Arbeit hatten die wenigsten. „Die Aktenlage ist zu dünn, als dass man einen direkten Zusammenhang dieser Maßnahme mit der Kindersterblichkeit beweisen könnte“, sagt dazu Stefan Schröder, der ehemalige Leiter des Grevener Stadtarchivs, der über die Displaced Persons seine Doktorarbeit geschrieben hat. „Aber es ist immer so, dass in solchen Zeiten Alte und Kinder am meisten leiden.“

Das zeigen die Sterbeakten im Stadtarchiv, wo die Todesursachen von Kindern aus dem DP-Lager Reckenfeld verzeichnet sind. Viele Kinder wurden nur wenige Tage alt – ein Hinweis auf den schlechten Ernährungszustand der Mütter – den es übrigens gerade unmittelbar nach dem Krieg auch bei deutschen Müttern gab. „Ernährungsstörung, Körperschwäche“, heißt es in den Akten, oder „Brechdurchfall“ oder „Lebensunfähigkeit“ oder „Lungenentzündung“.

Älteren Kindern scheinen Kinderkrankheiten wie Scharlach zugesetzt zu haben, es kam zu Epidemien. Denn auch die hygienischen Verhältnisse in Reckenfeld waren schwierig – in den beschlagnahmten Häusern, in denen ursprünglich gut 1000 Menschen gelebt hatten, waren nun 2000 Menschen zusammengepfercht.

In manchen Häusern, so zitiert Manfred Rech in seiner Reckenfeld-Chronik eine Zeugin, lebten sechs bis sieben Familien. Es fehlte an Heizmaterial – und das im Winter 1946 / 47, der als der strengste Winter des 20. Jahrhunderts in der Region gilt. Der Kölner Kardinal Frings hatte damals den Kohlenklau erlaubt, wenn er der Selbsterhaltung diente, so dramatisch war die Lage. „Die Erwachsenen konnten für die Kinder einfach nicht so gut sorgen wie es nötig gewesen wäre“, sagt Hans-Dieter Bez, der das Gräberfeld in Reckenfeld in sein Buch der Greven-Mahnmale aufgenommen hat. „Die Not der Leute war groß.“

Das sieht auch Hildegard Wieskötter so, die mit ihrem Mann Rudolf interessierte Besucher im Rahmen des „historischen Radwegs“ regelmäßig zu den Gräbern der toten Kinder auf dem Friedhof am Jägerweg führt. „Am meisten haben doch die Unschuldigen gelitten“, weiß die Stadtführerin.

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