Bildungsforscher im Ballenlager
Forschung statt Ford-Werke

Greven -

Die beiden renommierten Professoren Dr. Aladin El-Mafaalani und Dr. Ahmet Toprak beschäftigten sich am Donnerstagabend mit dem Thema Bildungschancen. El-Mafaalani übernahm die wissenschaftliche Einordnung, Toprak steuerte anschließend seine genauso aufschlussreiche, sehr unterhaltsam präsentierte persönliche Sicht bei.

Samstag, 17.02.2018, 07:51 Uhr aktualisiert: 18.02.2018, 12:54 Uhr
Bildungsforscher im Ballenlager: Forschung statt Ford-Werke

„So, und jetzt gehen wir etwas essen.“ Nach fast drei Stunden auf der Bühne des Ballenlagers sah jeder Besucher Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani diesen Satz nach. Zumal er mit Prof. Dr. Ahmet Toprak einige Stunden zuvor etwas hatte hetzten müssen: Die beiden Wahl-Dortmunder standen im Stau und kamen zu spät an. Und dann spielte an diesem Abend auch noch „ihr“ BVB international.

Dennoch nahmen sich die beiden profilierten Bildungsforscher, als sie zur Erleichterung der Organisatoren Lore Hauschild und Ernst Reiling endlich da waren, viel Zeit, um vorzutragen und anschließend zu diskutieren.

Ihr gemeinsames Thema: Bildungschancen. El-Mafaalani übernahm die wissenschaftliche

Einordnung, Toprak steuerte anschließend seine genauso aufschlussreiche, sehr unterhaltsam präsentierte persönliche Sicht bei. Er las Passagen aus seinem autobiografischen Buch „Auch Alis werden Professor. Vom Gastarbeiterkind zum Hochschullehrer“ vor.

Er konnte kein Wort Deutsch, als er 1980 nach Deutschland kam, landete in einer Hauptschulklasse, deren einziger Zweck es war, das Gastarbeiterkind auf die Rückkehr in die Türkei vorzubereiten. „Dabei war unser größter Wunsch, in eine Regelklasse und auf den Schulhof der Deutschen zu wechseln.“

Gegen viele Widerstände gelang ihm schließlich das Abitur. Eine wissenschaftliche

Karriere folgte, obwohl er die gar nicht anstrebte, wie Toprak schilderte. Aber er sei von anderen „Profs“, die ihm das zutrauten, ermuntert worden. Seine Familie hatte für ihn eigentlich eine Schlosserlehre bei Ford in Köln (wo die Topraks zu dieser Zeit wohnten) vorgesehen. Auch anderswo stieß er auf Vorbehalte: Als er sich an der Uni in Düsseldorf vorstellte, traute der dortige Hausmeister seinen Augen nicht. „Meine Güte, jetzt werdet ihr kleinen Alis schon Professor. Was wollt ihr noch werden?“

Dass Toprak dieser Bildungsaufstieg gelang, ist laut El-Mafaalani eine seltene Ausnahme von der Regel, denn noch immer hätten Menschen aus unterschiedlichen Schichten (man merkt: der Mann ist Soziologe) nicht die gleichen Chancen. Selbst wenn ihnen das Abitur gelinge, hätten Kinder aus Arbeiterfamilien geringere Chancen auf ein Studium als ihre reichen Altersgenossen. „Das zieht sich durchs ganze Leben vom Eintritt in die Kita bis kurz vor der Rente.“ Der Effekt der sozialen Herkunft sei „über die ganze Biografie messbar“. Die Unterschiede seien zum Teil „dramatisch“.

Der Grund: weniger das Geld, sondern eher der Habitus, also erlernte Denk- und

Verhaltensweisen des jeweiligen Milieus, die nicht leicht abzustreifen seien – weil sie sehr tief verankert sein. Das Ändern dieses Habitus gleiche dem Abriss und Neubau eines Hauses mit den alten Steinen, während man darin wohne. „Das ist harte Arbeit und sehr schmerzhaft.“ Denn Aufstieg durch Bildung entfremde die Aufsteiger oft von den eigenen Familien – besonders ausgeprägt bei Migrantenfamilien.

Einziger Ausweg (neben viel Geld für Bildung): Motivation durch „intensive, solidarische Beziehungen über Milieugrenzen hinweg“, wie El Mafaalani forderte. Toprak habe genau davon profitiert.

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