So., 11.03.2018

Welt-Frauentag Es gibt noch viel zu tun

Seit elf Jahren ist Petra Freese Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Greven.

Seit elf Jahren ist Petra Freese Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Greven. Foto: Peter Beckmann

Greven - 

Gleichberechtigung – da sind wir noch weit entfernt. Findet jedenfalls die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Greven, Petra Freese.

Von Peter Beckmann

Am Donnerstag wurde der Weltfrauentag gefeiert. Gestern Abend gab es dazu auch eine Veranstaltung in der Stadtbibliothek. Eine Gelegenheit zu einem Gespräch mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt, Petra Freese.

Am Donnerstag wurde der Welt-Frauentag begangen. Er entstand Anfang des 20. Jahrhunderts als Initiative im Kampf um die Gleichberechtigung, das Wahlrecht für Frauen und die Emanzipation von Arbeiterinnen. Aber ist so ein Tag heutzutage hier in Deutschland eigentlich noch notwendig?

Petra Freese: Unbedingt! Wir feiern aktuell das Thema „100 Jahre Frauenwahlrecht“. Und gerade, was das Thema politisches Engagement angeht, gibt es noch viel zu tun. Natürlich sind auch Frauen in der Politik tätig. Aber da mus man nur schauen, wie diese Frauen in den Medien dargestellt werden. Frauen werden da schnell nur auf das Äußere reduziert. Grundsätzlich: Wenn wir heute einen Blick auf die Gesellschaft werfen und schauen, welche Rollen Frauen und Männer einnehmen, dann kommen ganz schnell wieder aktuelle Themen im Bereich Gleichstellung hoch.

Schauen wir doch mal in die Stadtverwaltung: Dort sind Frauen in Führungspositionen doch deutlich unterrepräsentiert.

Freese: Ja, so sieht es leider aus. Und an diesem Thema arbeiten wir auch schon länger, um das zu ändern. Wir stellen uns die Frage, wie man es hinbekommt, dass auch Frauen es schaffen, Führungspositionen einzunehmen. Verwaltung ist eigentlich schon sehr weiblich. Aber im Bereich Führungskräfte muss noch deutlich nachgelegt werden.

Woran scheitert das denn? Sind Frauen nicht qualifiziert genug oder zeigen sie zu wenig Ellenbogen, um sich im Wettbewerb mit Männern durchzusetzen?

Freese: Das ist im Einzelfall sehr unterschiedlich. Frauen sind meistens sehr gut ausgebildet, die gehen ihren Weg, absolvieren ihr Studium, machen ihren Master – und dann kommt nach langer Ausbildungszeit und ersten beruflichen Erfahrungen das erste Kind. Da ist es häufig noch die Regel, dass dann doch eher die Frauen zu Hause bleiben, sich um das Kind kümmern und hinterher stundenreduziert wieder einsteigen. Die Hauptbelastung in Sachen Familie liegt klassischerweise immer noch bei den Frauen. Das Thema Führungsfunktion würde dann – wie auch bei Männern – nur funktionieren, wenn ein starker Partner im Hintergrund ist, der zum Beispiel auch in Teilzeit arbeitet, sich mit um die Kinder kümmert. Aber da findet derzeit durchaus ein positiver gesellschaftlicher Wandel statt.

Nach dem Blick zur Stadtverwaltung jetzt ein Blick in den Grevener Rat: Auch dort sind Frauen unterrepräsentiert.

Freese: Das ist richtig. Faktisch ist es jedoch so, dass Frauen sich in hohem Maße ehrenamtlich in den verschiedensten Bereichen sehr engagieren. Jede und jeder sucht sich den Bereich selber aus, in dem sie oder er sich einsetzen möchte. Über die Ursache, warum im Grevener Rat Frauen unterrepräsentiert sind, könnte ich hier nur Mutmaßungen anstellen.

Sind Sie eigentlich auch Ansprechpartnerin für Frauen außerhalb der Stadtverwaltung? Sozusagen als Gleichstellungsbeauftragte für ganz Greven?

Freese: Grundsätzlich bin ich Ansprechpartnerin für alle, aber in der Praxis bin ich vorrangig für die Verwaltung zuständig. Das hängt allein schon mit den begrenzten Ressourcen zusammen. Daher versuche ich mich im Veranstaltungsbereich als Ansprechpartnerin vorzustellen. So wie in der Stadtbibliothek mit der Veranstaltung zum Weltfrauentag. Natürlich bin ich auch für Beratung da, sehe mich aber eher als Vermittlerin.

In der Wirtschaft, in der Politik wird immer wieder über das Thema Frauenquote diskutiert. Was halten Sie von so einer Quote?

Freese: Für mich persönlich ist das ein schwieriges Thema. Eine Quote mag dienlich sein, um Prozesse voran zu bringen. Aber man muss sich die Bezüge gut anschauen: Wo macht so etwas Sinn und wo nicht. Mit Zwang kann man gewisse Strukturen erreichen. Aber die sind dann häufig nicht akzeptiert und nicht gewollt. Da halte ich wesentlich mehr davon, mit Aufklärung und Überzeugung zu arbeiten. Das ist der bessere Weg, Bewusstsein zu schaffen.

Kommen wir zu einem anderen Weg: Wenn wir Zeitungsleute Pressemitteilungen der Stadtverwaltung, der Schulen, der Parteien bekommen, gehört es für uns immer zu den mühseligsten Aufgaben, die weiblichen Formen – Bürgerinnen, Schülerinnen etc. – herauszustreichen, um die Texte lesbar zu machen. Ist dieser sprachliche Kampf gegen das so genannte generische Maskulinum nicht albern?

Freese: Da steht natürlich der Wille hinter, Aufmerksamkeit zu erregen. Ich kann verstehen, dass das in bestimmten Bezügen keinen Sinn macht. Aber ich finde es auch gut, wenn dann der Hinweis kommt, es sind alle gemeint, Männer und Frauen. Damit kann ich persönlich gut leben. Texte müssen einfach lesbar bleiben. Trotzdem ist auch die Sprache immer wieder ein Bewusstseinsprozess, dass es eben um beide Geschlechter geht. Wie weit das gehen soll, muss man im Einzelfall sehen  . . .

. . . womit wir direkt bei der Diskussion um die Nationalhymne angekommen sind.

Freese: Ein ganz schwieriges Thema. Auf der einen Seite steht das Thema Tradition, auf der anderen Seite spielen Gender-Standards eine Rolle. Das wird eine interessante gesellschaftliche Diskussion.

Diese Sprachakrobatik nimmt ja auch schon fast lächerliche Züge an. Da muss man nur den Politikern zuhören, wie sie ihr „Bürgerinnen und Bürger“ herunterleiern . . .

Freese: Wir reden hier über Veränderungsprozesse, die in den Köpfen stattfinden und gelebt werden müssen.

Wie wird ihre Arbeit denn hier im Rathaus gesehen? Verdrehen die Männer die Augen im Kopf, wenn sie Sie sehen?

Freese: Nein, ich bin da sehr konstruktiv und kommunikativ unterwegs. Ich mache das seit elf Jahren und es funktioniert gut. Ich fordere Dinge ein, die mir wichtig sind, oder weise auf Prozesse hin, die vielleicht nicht gut laufen. Da sind wir in der Verwaltung gut im Gespräch.

Vermutlich haben die Männer aber immer ein latent schlechtes Gewissen . .

Freese (lacht): Natürlich gibt es auch Diskussionen. Jetzt gerade das Thema sexuelle Gewalt, die MeToo-Bewegung. Diese Diskussionen möchte ich auch gerne nutzen, um auf bestimmte Punkte hinzuweisen, dass das Miteinander hier funktioniert, dass Grenzen gewahrt werden, dass wir eine gute Umgangs-Kultur miteinander haben. Da ist es schon gut, wenn die Männer zuhören.

Womit wir bei MeToo angekommen sind. Mal ganz ehrlich: Wird das Ganze da nicht arg übertrieben?

Freese: Erst einmal ist es natürlich ein mutiger Schritt von betroffenen Frauen. Allerdings besteht aufgrund der Medienpräsenz gleichzeitig die Gefahr, dass ein ganz wichtiges Thema von unterschiedlichen Beteiligten unter Umständen für irgendwelche zweifelhafte Interessen genutzt wird. Außenstehende wissen dann leider oft nicht mehr, was ist jetzt noch glaubwürdig und was nicht. Und wenn dieses Gefühl in der Öffentlichkeit entsteht, wird auch das Thema sexuelle Gewalt wieder nicht ernst genommen. Ich engagiere mich zum Thema „häusliche Gewalt“ beim Runden Tisch des Kreises, wir kennen die Zahlen, die Dunkelziffer, wir wissen was da passiert. Das ist schon erschreckend, daher klären wir auf, versuchen, Betroffene zu unterstützen. Gewalt gegen Frauen ist ein ganz wichtiges Thema und darf auf keinen Fall zerredet werden.

Eine letzte Frage: Was muss passieren, damit ihr Job überflüssig wird?

Freese: Um meinen Job muss ich mir wirklich keine Sorgen machen. Natürlich haben wir in Sachen Gleichberechtigung schon viel erreicht. Aber wir sind noch lange nicht da, wo alles gleichberechtigt und partnerschaftlich läuft in dieser Gesellschaft. Aber das kann ja nur das Ziel sein. Und gerade in dieser Zeit, in der rechtspopulistische Tendenzen wieder aufkommen, merkt man, dass es wichtig ist, weiter engagiert dabei zu sein und für Gleichberechtigung zu kämpfen und genau hinzuschauen.

A

Freese: Ja, natürlich. Einige der Flüchtlings-Frauen nehmen aktuell an einer Frauengruppe teil, werden dort von gestandenen Frauen begleitet, lernen von denen, wie in unserer Gesellschaft die Frauen aufgestellt sind. Das ist ein guter Weg, um den Frauen zu zeigen, wie unsere Gesellschaft funktioniert, wie vielfältig das Frauenbild in unserer Gesellschaft ist. Was ich da mitbekommen habe ist, dass die Frauen da ganz selbstbewusst unterwegs sind. Das ist für mich gelebte Integration. Aber das alles muss natürlich wachsen, das muss sich entwickeln. Und da sind wir in Greven auf einem guten Weg, da tut sich eine Menge.



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