Musikschule: Mehr Grundschüler, mehr Ältere
Verlust der Kulturhoheit

Greven -

60 mal Musikschule. In der aktuellen Klangweltenwoche musizieren Instrumentalisten und Ensembles der Musikschule an vielen Orten der Stadt.

Mittwoch, 21.03.2018, 15:59 Uhr aktualisiert: 22.03.2018, 15:56 Uhr
Schlagzeug-Schüler bei einer Aufführung in der Kulturschmiede.
Schlagzeug-Schüler bei einer Aufführung in der Kulturschmiede. Foto: Günter Benning

60 mal Musikschule. In der aktuellen Klangweltenwoche musizieren Instrumentalisten und Ensembles der Musikschule an vielen Orten der Stadt. Trommeln in der Kulturschmiede, Orgel und Querflöte im Krankenhaus. Auch das Rathaus wird bespielt. Für Musikschulleiter Wolfgang Bernhardt geht es auch darum, die Bedeutung der Musik zu demonstrieren. Für jeden Einzelnen, für die Gesellschaft im Ganzen: „Denn wir sind dabei, unsere Kulturhoheit zu verlieren.“

Das sieht auf den ersten Blick nicht so aus: Die Musikschule Greven, Saerbeck, Emsdetten hat seit 2009 ihre Schülerzahlen deutlich erhöht. Von 1015 Belegungen 2009 auf 1539 im Jahr 2016.

Aber gut die Hälfte der Schüler sind wegen der Landesprogramme für Grundschüler Jekiss und JeKits im Boot, „Jedem Kind seine Stimme“, beziehungsweise neuerdings „Jedem Kind Instrumente, Tanzen, Singen.“ Während die Zahl der Musikschulschüler rasant stieg, sank gleichzeitig die Zahl der Jahreswochenstunden von 450 im Jahr 2009 auf 425 im vergangenen Jahr. Kurz gesagt, ohne die Grundschulprogramme, wäre es abwärts gegangen.

Das hängt auch mit G8 zusammen. Als die Schulzeit verkürzt wurde und gleichzeitig Nachmittagsunterricht der Standard war, verloren die Musikschulen. Ebenso wie viele Vereine. Schüler hatten weniger Zeit als vorher.

Dass es mit der Wiedereinführung von G9 besser wird, glaubt Wolfgang Bernhardt nicht: „Der Nachmittagsunterricht wird sicher bleiben, das war für uns der große Einschnitt. Ich glaube nicht, dass sich das Freizeitverhalten ändern wird.“

Der Musikmarkt ist in Bewegung. Da gibt es private Schulen, viele Ich-AGs, und zunehmend auch Instrumentalunterricht per Internet.

„Online sind wir auch“, sagt Bernhardt. Musikschullehrer haben ihre Noten auf dem iPad, schicken den Schülern Aufgaben per Mail. Und die Musikschule gehörte zu den ersten Einrichtungen in der Stadt, die ein offenes WLAN besaß. „Aber 80 Prozent der Kommunikation im Unterricht“, sagt der Oboist, „ist doch nonverbal.“ Das heißt, der Lehrer drückt durch Gesten aus, was er von den Leistungen hält. Diese Resonanz gibt es im Internet nicht.

Was sich in den letzten Jahren geändert hat: Die Zahl älterer Musikschüler nimmt zu. Mittlerweile gibt es 30 Musikschüler über 60 Jahre und die Gruppe der 26 bis 60 Jährigen ist ebenfalls auf rund 100 gestiegen. Erholsam für den Musikschulleiter: „Bei denen wird über das Honorar eigentlich nie diskutiert.“ Mancher Senior erfüllt sich einen Traum, wenn er endlich das Instrument lernt, das ihn immer schon fasziniert hat.

Der Tropfen Wermut: Die Schülerzahl der 14- bis 18-Jährigen ist in den vergangenen Jahren um 50 Prozent geschrumpft. Was auch schade ist, weil gerade ältere Schüler die Qualität der rund 20 Ensembles der Musikschule steigern. Wer länger übt, spielt besser.

Was die kulturelle Vielfalt angeht, sieht Wolfgang Bernhard die Musikschule als Spiegel der Gesellschaft. Durchaus mit Vorteilen. „Jugendliche aus den Ostblockländern können singen“, sagt er. In den Familien wird die musikalische Tradition gepflegt.

Und wer aus dem Kosovo kommt, „macht oft prima Percussionarbeit.“

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