Sonntag ist Tag der Brieftaube
„Das ist wie eine Sucht“

Greven -

Karl Focke ist seit 1952 Brieftaubenzüchter und betreibt sein Hobby mit großer Leidenschaft. Allerdings stirbt dieses zeit- und geldintensive Hobby so langsam aus.

Samstag, 14.04.2018, 20:00 Uhr
Karl Focke ist einer der erfolgreichsten Brieftaubenzüchter in Greven. Sein Hobby betreibt er seit 1951. Und noch immer hat er ganz viel Spaß daran.
Karl Focke ist einer der erfolgreichsten Brieftaubenzüchter in Greven. Sein Hobby betreibt er seit 1951. Und noch immer hat er ganz viel Spaß daran. Foto: Peter Beckmann

Keine Frage: Karl Focke ist mit Leidenschaft dabei, mit großer Leidenschaft. Sein Hobby begleitet ihn seit 1951 – ohne Pause. Und doch weiß er, dass das Hobby, was er betreibt, langsam aber sicher ausstirbt – zumindest in Deutschland. In China dagegen ist es gerade groß im Kommen. Karl Fockes Herz schlägt für den Brieftaubensport.

Dabei kam er rein zufällig zu seinem Hobby. „Meine Brüder haben Tauben angeschafft, hatten dann aber keine Lust mehr“, erzählt der 81-Jährige. Aber irgendjemand musste sich ja um die Vögel kümmern, Karl übernahm die Aufgabe, die ihn dann nicht mehr los ließ.

Zunächst waren es Ziertauben, die er hielt, aber schon nach zwei Jahren stellte er auf Brieftauben um. Ein Hobby, dass seine Hochburg natürlich im Kohlenpott hatte. Aber auch in Greven gab es zu den besten Zeiten sehr viele Züchter. „Das waren schon mal über 100“, erinnert sich Focke mit ein wenig Wehmut.

Fünf Vereine mit wohlklingenden Namen gab es in Greven (Emsbote, Kehre wieder, Unser Stolz, Westbote, Bahnhof ahoi). Davon sind nur noch zwei – die ersten beiden – übrig geblieben. Und damals war der Brieftaubensport noch deutlich aufwendiger als heute. Denn die Tiere mussten damals zum „Auflass“ nach Münster zum Aegidiihof gebracht werden. Und nachdem die Tiere wieder im Schlag angekommen waren und die Ringe der Tauben mit dem „Konstatiergerät“ registriert worden waren, ging es am Sonntag dann wieder nach Münster, um diese Geräte dort zur Auswertung abzugeben. „Dabei ging schon viel Zeit drauf“, erinnert sich Focke.

Inzwischen läuft das natürlich alles viel moderner. Die Auflassstelle ist momentan an der alten Gaststätte „Zum Aatal“, die Tauben werden bei der Rückkehr mit Hilfe eines Chips in dem Ring automatisch registriert. Und bei all dem ist Karl Focke höchst erfolgreich. Die besten beiden Tauben aus Greven kamen in der vergangenen Saison aus seinem Schlag, er selbst heimste mit seinem Sport diverse Preise und Medaillen ein.

Insgesamt 80 Tauben hat Karl Focke in seinem Schlag im Garten, inklusive der Jungvögel. Der Erfolg basiert auf ganz viel Erfahrung. Bei der Zucht muss er genau wissen, welche Taube mit welchem Täuberich zusammen gesteckt werden muss, um besonders schnell Nachwuchs zu bekommen.„Das ist eine Wissenschaft für sich“, erzählt er mit einem verschmitzten Lächeln.

Die Jungvögel, aber auch die älteren Tauben müssen nach dem Winter erst einmal trainiert werden. „Ich fahre zuerst einmal nach Sprakel und lass die Tiere dort los. Und dann wird die Strecke immer länger.“ Fünf mal ist er in dieser Vorsaison mit den Tauben zum Trainingsflug unterwegs gewesen. „Das muss reichen“, sagt der Experte.

Auch bei den Wettbewerbsflügen werden die Strecken von mal zu mal gesteigert. Los geht es mit 130 Kilometern, der Endflug, also der letzte Flug der Saison, geht über unfassbare 600 Kilometer.

Focke schickt dabei nur die Männchen auf die Reise. Der Grund, dass die Tauben dann wieder in den heimischen Schlag zurückkommen ist die so genannte Witwernschaft. Heißt: „Die Männchen wollen einfach zurück zu ihren Weibchen“, erklärt Focke. Dazu werden sie vor dem Flug „heiß gemacht“, damit sie besonders schnell fliegen. „Auch das ist eine Wissenschaft für sich.“

Andere Züchter arbeiten mit beiden Geschlechtern und nutzen die „totale Witwernschaft“. Dabei werden sowohl Männchen als auch Weibchen – unabhängig voneinander – auf die Reise geschickt. Und sowohl Männchen als auch Weibchen geben Gas, um möglichst schnell wieder beim Partner zu sein.

Die Tauben, die gerne die Rennpferde des kleinen Mannes genannt werden, haben alle einen Stammbaum. „Ohne Stammbaum geht es heute nicht mehr“, erklärt Focke. Die Kunst ist es, durch Tausch oder auch Kauf und Verkauf gute Tiere zu bekommen oder zu züchten.

Viele sind es in Greven nicht mehr, die von diesem Sport fasziniert sind. „Das kostet eben auch einiges an Geld“, erzählt Focke. Das hätten Jugendliche nicht, aber die meisten hätten sowieso kein Interesse mehr am Brieftaubensport. „Fünf unserer neun Mitglieder im verein sind über 80 Jahre alt“, erzählt Focke. Insgesamt gebe es nur noch „22 reisende Züchter“. Aber immerhin gibt es in der Reisevereinigung, zu der die beiden Grevener Vereine und zwei vereine aus Saerbeck zählen, noch sechs Jugendliche.

In Deutschland im Untergang begriffen, ist der Brieftaubensport in China momentan völlig hipp. „Die Chinesen kaufen die besten Tauben für Unsummen auf“, erzählt Focke. So hätte vor kurzem eine Jungtaube, die vier Rennen gewonnen hatte, für 400 000 Euro den Besitzer gewechselt. Unglaublich.

Fockes älteste Taube ist übrigens 13 Jahre alt. Aber: Nicht alle Tiere erreichen dieses Alter. „Hier gegenüber auf dem ehemaligen Fernsehturm sitzt häufig ein Falke, der sich die ein oder andere Taube schon geholt hat“, erzählt Focke und schaut dabei nicht wirklich glücklich.

Den Brieftaubensport bezeichnet Karl Focke als eine Art Sucht. „Der schönste Moment ist es, wenn man die Tauben sieht, wie sie von der Reise zurück kommen.“

Am 28. April geht die Saison wieder los, werden die Tauben in den Lkw der Reisevereinigung eingesetzt und anschließend auf die Reise geschickt. Und auch diesmal ist Karl Focke dabei. Und er wird sich sicherlich wieder freuen, wenn die ersten Tauben wieder im Schlag sind.

Vielleicht sind es ja auch diesmal wieder die schnellsten Tauben . . .

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