Für jedes Lebensjahrzehnt ein Gefährt
Der Schnapszahlen-Schrauber

Greven -

Sechs Roller und Motorräder hat Wilfried Sellmann im Halbkreis um die Veranda aufgebaut. Nach Alter gestaffelt. Jedes Baujahr eine Schnapszahl. Jedes steht für ein Jahrzehnt seines eigenen Lebens, Zeitzeugen für Design und Technik.

Montag, 04.06.2018, 18:23 Uhr aktualisiert: 05.06.2018, 22:17 Uhr
Wilfried Sellmann auf seiner ältesten Vespa: „Die ist mir heute ein bisschen zu klein.“
Wilfried Sellmann auf seiner ältesten Vespa: „Die ist mir heute ein bisschen zu klein.“ Foto: Günter Benning

Die Sache mit dem Moped-Tick fing in Essen an. Mit einer 50er Vespa, die unter dem kräftigen Wilfried Sellmann auf dem Weg zur Arbeit den Verkehr aufhielt. „Einfach zu langsam“, sagt der Ingenieur und Unternehmensberater, der in seinem Garten in Greven sitzt.

Sechs Roller und Motorräder hat er im Halbkreis um die Veranda aufgebaut. Nach Alter gestaffelt. Jedes Baujahr eine Schnapszahl. Jedes steht für ein Jahrzehnt seines eigenen Lebens, Zeitzeugen für Design und Technik.

Die Mopeds des Wilfried Sellmann

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  • Vespa 150

    Foto: Günter Benning
  • Vespa 150

    Foto: Günter Benning
  • Vespa 150

    Foto: Günter Benning
  • Vespa 150

    Foto: Günter Benning
  • Vespa 180 SS Supersport

    Foto: Günter Benning
  • Vespa 180 SS Supersport

    Foto: Günter Benning
  • Vespa 180 SS Supersport

    Foto: Günter Benning
  • Vespa 180 SS Supersport

    Foto: Günter Benning
  • MZ TS 125 GST - hierzulande als Simson verkauft

    Foto: Günter Benning
  • MZ TS 125 GST - hierzulande als Simson verkauft

    Foto: Günter Benning
  • MZ TS 125 GST - hierzulande als Simson verkauft

    Foto: Günter Benning
  • Moto Guzzi

    Foto: Günter Benning
  • Moto Guzzi

    Foto: Günter Benning
  • Kawasaki

    Foto: Günter Benning
  • Kawasaki

    Foto: Günter Benning
  • Kawasaki

    Foto: Günter Benning
  • Kawasaki

    Foto: Günter Benning
  • Chinesischer Elektroroller

    Foto: Günter Benning
  • Chinesischer Elektroroller

    Foto: Günter Benning
  • Bilder aus der Reparaturwerkstatt.

    Foto: Wilfried Sellmann
  • Bilder aus der Reparaturwerkstatt.

    Foto: Wilfried Sellmann
  • Bilder aus der Reparaturwerkstatt.

    Foto: Wilfried Sellmann
  • Bilder aus der Reparaturwerkstatt.

    Foto: Wilfried Sellmann

„Mein Motorrad-Spleen“, lacht Sellmann, „fing an, als ich mir eine schnellere Vespa zulegte.“ Eine Vespa 180 SS (SuperSport), die es auf 100 Sachen brachte. Er kaufte den heruntergekommenen Roller, baute ihn auseinander, polierte ihn blendend weiß, besorgte Zierleisten in Wien. „Vielleicht hat das alles 1000 Euro gekostet.“ Heute ist sein Schätzchen das sieben- bis achtfache wert. Europaweit gibt es nur wenige davon. Das Baujahr: 1966.

Irgendwie muss es da Wilfried Sellmann gefunkt haben. Als er später bei einem Vespa-Treffen in Duisburg-Kaiserberg die richtigen Experten traf, stieß er in Holland auf einen Schrotthaufen von Roller. Eine Vespa 150. Auf dem Schwungmagnetzünder stand das Baujahr: 07.1955. Sogar sein Geburtsmonat.

Schrott animiert Sellmann zum Wiederbeleben. Hat er von seinem Vater: „Geht nicht, gab‘s für den nicht.“

Es gibt Bilder, die zeigen, wie er seine Maschinen in alle Einzelteile zerlegte, ordentlich zusammenbaute, eventuell versteckt noch mal einen elektronischen Zünder einbaute. Damit es besser anspringt.

Dann kam die Kawasaki W650, eine Tourenmaschine. Als er in Münster arbeitet, fuhr ein Mitarbeiter damit auf den Hof: „Seine Frau wollte sie verkaufen, eine wunderschöne Replika der Triumph Bonneville.“ Sellmann sah auf‘s Baujahr und schlug zu: 1999.

Mittlerweile hatte er auch das Internet entdeckt. Bei Ebay fand er eine MZ TS 125 GST (Gesellschaft für Sport und Technik), die bei der Nationalen Volksarmee der DDR gefahren wurde: „Ein Fahrschulfahrzeug“, sagt Sellmann, voll fahrfähig.“ Und von 1977.

Der Kreis schließt sich. „Jetzt wollte ich noch irgendeine Maschine mit Kardanwelle“, sagt er. Entweder Moto Guzzi oder BMW. Die Moto Guzzi V65 ersteigerte er in der Eifel. „Glücklicherweise mit einem riesengroßen Koffer mit Originalteilen. Leider war sie sehr verbastelt.“ Damals arbeitete er als Manager in den Niederlanden, er hatte ein schönes Apartment im vierten Geschoss. „Da habe ich die Maschine mit Mühe in den Aufzug gekriegt“, sagt er. Nachher hat er nach Feierabend vier Wochen lang im Wohnzimmer geschraubt. Ach ja, das Baujahr: 1988.

Sellmann liebt Maschinen, die handgemacht sind. Die man mit den Fingern verstehen kann. Wie seine MZ: „Technik zum Nachvollziehen.“

Vielleicht liegt es auch daran, dass er seine letzte Errungenschaft nicht mit so großer Begeisterung beschreibt: „Ein chinesischer Elektroroller von 2011.“ Nichts Besonders, aber man kann damit prima zum Einkaufen fahren.

Sellmann schraubt gerne. Das Fahren ist fast ein bisschen nachrangig. „Mein Sohn schwört auf Harley Davidson“, sagt er, „aber sowas brauche ich nicht.“ Einmal im Jahr fährt er mit einer Freundestruppe durch die Alpen. Eine Woche Kurvengondeln. Dafür braucht er seine kräftige Kawasaki-Maschine.

„Als Manager“, sagt er, „kommt man abends aus seinem Büro und fragt sich, was man eigentlich gemacht hat.“

Er liebe zwar seinen Beruf, aber für die Psyche brauche er das Schrauben und Knobeln. Und weil seine Schnapszahl-Bikes so herausgeputzt sind, dass man beim besten Willen nichts mehr daran schrauben muss, bastelt er auch mal gerne an anderen Dingen: Gerade hat er in sein Mountain-Bike einen Elektromotor eingebaut.

Und in einer Fahrradwerkstatt für Flüchtlinge macht er auch immer wieder Räder lauffertig.

55, 66, 77, 88, 99, 11. Fehlt da nicht was? Klar, die Nullerrunde. „Tja“, sagt Sellmann, „da meine Frau leider nicht Motorrad fährt, haben wir etwas Flottes mit vier Rädern angeschafft.“ Er schließt seine Garage auf, in der ein Porsche 986 Boxter steht. Gebraucht gekauft, von 2002. Außen eine Schnapszahl, innen eine Schnapszahl.

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