Mehr als eine Heimat: Benjamin Yu fiebert mit Deutschland – und mit Südkorea
Der koreanische Exil-Nordhesse

Greven -

Zwei Herzen schlagen in seiner Brust: Wenn heute Deutschland gegen Südkorea spielt, ist das für Benjamin Yu kein Spiel wie jedes andere. Wem er die Daumen drückt - uns hat er es verraten.

Mittwoch, 27.06.2018, 12:48 Uhr aktualisiert: 27.06.2018, 13:48 Uhr
Familie Yu ist bestens vorbereitet: Benjamin Yu würde sich im Prinzip über einen südkoreanischen Sieg freuen – will aber auch, dass Deutschland weiterkommt. Die Sympathien bei Sohn Yannik sind augenscheinlich klar verteilt, auch Tochter Yohanna fiebert ein bisschen mit.
Familie Yu ist bestens vorbereitet: Benjamin Yu würde sich im Prinzip über einen südkoreanischen Sieg freuen – will aber auch, dass Deutschland weiterkommt. Die Sympathien bei Sohn Yannik sind augenscheinlich klar verteilt, auch Tochter Yohanna fiebert ein bisschen mit. Foto: Stefan Bamberg

Zwei Uhr nachts, zu Fuß an der roten Ampel. „Ich würde immer stehen bleiben“, meint Benjamin Yu, der eigentlich auch kein Freund von „typisch deutsch“ und ähnlichem Zeug ist. Seine Frau und seine Kumpels sagen ihm aber öfter, dass er bei solchen Sachen ganz schön deutsch sei.

Was vielleicht auch nicht verwunderlich ist, weil er ja schließlich hier geboren wurde, vor knapp 45 Jahren in einem nordhessischen Dörfchen bei Kassel. Im Sommer 1989 aber machte Familie Yu Heimaturlaub – und das klang ein bisschen komisch, weil Yu bisher ja dachte, seine Heimat sei Bad Emstal, wo er aufwuchs.

„Diese sechs Wochen Südkorea haben mich aber unglaublich beeindruckt“, erinnert sich Yu. Dann ein Seoul-Aufenthalt nach dem Abi, er lernte Koreanisch, träumte am Ende gar in der Landessprache.

Und ging trotzdem zurück: Studium in Münster, die große Liebe, Redakteurs-Job in Steinfurt, die Kinder Yohanna und Yannik, Umzug in die Philipp-Manz-Straße.

„Als koreanischer Exil-Nordhesse aus Greven“ bezeichnet sich Yu nach alldem. 2008 war er zuletzt in Südkorea, zu seinen dort lebenden Cousins und Cousinen hat er praktisch keinen Kontakt mehr.

Und doch mehr als eine Heimat, weiß er. Bei der WM-Auslosung haben sie das möglicherweise geahnt – und Jogis Jungs die Südkoreaner beschert. Mit Blick auf Benjamin Yu mal wieder ein Beweis für den Phrasenschwein-Klassiker, dass der Fußball aber auch wirklich die verrücktesten Geschichten schreibt.

Doch um eines klarzustellen: Was Fußball betrifft, ist der Mann in allererster Linie Lokalpatriot.

Yu trägt ein Retter-Shirt des KSV Hessen Kassel – die Fans sollten mit dem Kauf der Dinger die Insolvenz abwenden. „Mein vieles Geld hat leider nicht geholfen“, witzelt Yu. Der Klub ist pleite und neulich in die fünfte Liga abgestiegen.

Trotzdem: Die Besuchstouren zu seinen Eltern – Benjamin Yu legt sie so, dass er möglichst oft zu den Heimspielen gehen kann. Sohn Yannik kommt dann gerne mit ins Stadion – obwohl er noch lieber selber kickt: im Tor bei der DJK, Vorbild Manuel Neuer, und auch Yannik hat gerade was am Fuß.

In Deutschland-Trikot betritt Yu junior den Garten – und hält es während der WM augenscheinlich so ähnlich wie sein Vater: „Bei der WM sein Land zu unterstützen – für mich gehört sich das so“, findet Benjamin Yu.

Sein Land – damit meint er jetzt Deutschland. Nur heute ist die Lage irgendwie verzwickt: Yus Wunsch wäre ein Sieg für Südkorea – eigentlich. Dann aber blamierten sich die Jogis gegen Mexiko – und Südkorea? Trat bislang als großzügiger Punktelieferant auf. Obwohl das Achtelfinale mit einem Sieg gegen den und auf Kosten des Weltmeisters theoretisch noch möglich ist – Yu hofft, dass Deutschland weiter (und weit) kommt. Zumal ihm das auch realistisch erscheint: „3:1 für Deutschland“, würde er tippen, wenn keine Gefühle im Spiel wären. Und will jetzt seinerseits noch drei Euro ins Phrasenschwein werfen für den Hinweis, dass „die Deutschen ja auch einfach eine Turniermannschaft sind“.

Südkorea eher nicht so. Zwar waren sie seit 1986 bei jeder WM dabei, richtig weit gekommen sind sie aber nur 2002 im eigenen Land: Halbfinale, Ballack macht das Tor, 0:1, Deutschland im Endspiel.

„Aber diese Heim-WM war der Wahnsinn“, erzählt Yu. „Die Stimmung im Land war womöglich noch extremer als beim Sommermärchen 2006.“

Auch 2018 fiebern die Südkoreaner, die sonst auch sehr gerne Baseball schauen, wieder mit ihren „Red Devils“ – so der Spitzname des Nationalteams. Unangefochtener Star der Truppe ist der kleine Dribbler und Ex-Leverkusener Heung-Min Son. Und die Vorrundengruppe machbar, dachte Yu – anfangs jedenfalls.

Egal aber, wie es nun weiter geht – der Fußballfachmann sieht es mit einer gewissen Tiefenentspannung: „Das Schöne ist ja, dass ich für zwei Länder sein kann, ohne mich schämen zu müssen.“ Und wenn eines der beiden – Deutschland oder Südkorea – den Pokal holt?

Wer weiß, ob Familie Yu dann einen Autokorso startet. Sicher wäre allerdings: Benjamin Yu würde Schritttempo fahren. Ist ja schließlich eine Spielstraße hier.

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