Michele Böger hat dank Ausbildung die Kurve bekommen
Endlich eine Perspektive

Greven -

Früher, in der Schule, bekam sie „den Poppes nicht hoch", wie sie selbst sagt. Ihren Abschluss schaffte sie erst im dritten Anlauf. Dann änderte sich alles: Heute macht Michele Böger eine Ausbildung im „Bierzwerg“ – und ist motiviert wie nie zuvor.

Sonntag, 08.07.2018, 07:41 Uhr aktualisiert: 08.07.2018, 07:50 Uhr
Michele Böger will Verkäuferin werden. Ihre Ausbildung im „Bierzwerg“ begreift sie als große Chance. Für ihren Schulabschluss brauchte sie mehrere Anläufe.
Michele Böger will Verkäuferin werden. Ihre Ausbildung im „Bierzwerg“ begreift sie als große Chance. Für ihren Schulabschluss brauchte sie mehrere Anläufe. Foto: Oliver Hengst

Keine Perspektive, keinen Bock – und dann auch noch keinen Abschluss. „Selbst schuld“, sagt Michele Böger heute. „Ich war ein sehr fauler Mensch, war nicht motiviert, habe oft die Schule geschwänzt.“ Kein Wunder, dass sie Probleme bekam, in der Schule mitzuhalten. Noch größere als ohnehin schon. Vor allem mit Englisch hat sie ihre liebe Müh, bis heute.

Als ihre Hauptschulzeit zu Ende ging, war absehbar: Sie verlässt die Schule wohl ohne Abschluss. Und genauso kam es. Auch am Berufskolleg schaffte sie keinen Schulabschluss. „Ich habe gedacht, wofür machst Du das eigentlich noch?“ Erst im dritten Anlauf gelang es, den Hauptschulabschluss nach Klasse 9 einzutüten. Eine erste Ausbildung als Kinderpflegerin brach sie ab. „Ich wusste nicht, was ich wirklich machen will“, sagt sie im Rückblick. Persönliche Probleme kamen hinzu, ein Teufelskreis.

Und dann? Dann änderte sich alles. „Lernen Fördern“ kümmerte sich um die junge Frau und stellte einen Kontakt zu Stephan Braun her. Der Inhaber des Bierzwerges am Grünen Weg hatte vor Michele schon einen anderen Azubi ausgebildet, der mit – sagen wir: nicht ganz idealen Voraussetzungen kam. Warum Braun das macht? „Lebenseinstellung“, sagt er knapp. Er sehe sich als eine Art Lebenspfadfinder. „Jeder Mensch ist anders.“ Und jeder brauche andere Unterstützung im Leben, manche eben mehr, manche weniger. „Ich will ihr zu einem guten Abschluss verhelfen, damit sie dann straight durchs Leben gehen kann“, sagt Braun, der klar sagt, eine soziale Ader zu haben. „Das schaffen wir“, sagt er in Micheles Richtung. Und sie strahlt. Denn sie weiß: Die Ausbildung ist der Anfang – und sie muss längst nicht das Ende sein. Denn ihr Chef stellt ihr eine anschließende Anstellung in Aussicht. Eine Perspektive. Und endlich lohnt es sich für sie, sich reinzuhängen.

„Ich bin froh, dass das mit der Ausbildung geklappt hat“, sagt die junge Grevenerin. Im September ist sie angefangen, die Zwischenprüfung steht schon fast vor der Haustür. Nach zwei, eventuelle nach drei Jahren will sie die Ausbildung abschließen, um sich dann Verkäuferin nennen zu können.

Erst, sagt sie fast etwas leise, habe sie gedacht, die Arbeit in einem auf Bier spezialisierten Laden sei eher Männersache. Denkste! „Ich habe Spaß an meinem Job.“ Der Kontakt mit den Kunden gefalle ihr, auch das Wissen über einzelne Sorten und Herstellungsverfahren sei interessant. Wenn sie im Gespräch mit jemandem aus der Verwandtschaft ihr Bier-Spezialwissen anbringen könne, sei das „irgendwie auch cool“.

Braun sieht bei seiner Auszubildenden mehr als die schulischen Defizite, konzentriert sich vielmehr auf ihre menschlichen Stärken: „Sie begegnet den Kunden auf Augenhöhe und sucht das Gespräch.“ In der Beratung gehe sie offen auf die Kundschaft zu. Andere Kandidaten hingegen senkten verschämt den Kopf und duckten sich weg. Nicht so Michele. „Und das ist im Handel so wichtig“, sagt Braun. Dafür hilft er ihr auch bereitwillig beim Pauken für Englisch. Zweimal die Woche besucht die 20-Jährige die Berufsschule, regelmäßig kommt Stützunterricht hinzu, um die Defizite gezielt aufzuarbeiten. „Die Grundvoraussetzungen hast Du mitgebracht. Das ist ein großer Pluspunkt“, lobt der Chef seine Mitarbeiterin. Grundvoraussetzungen, die sich nicht an Schulnoten ablesen lassen. „Du machst Deinen Weg.“ Er sieht Erfolge, weiß nach den ersten Monaten, dass sich das Engagement für alle auszahlt. „Man sieht: Es tut sich etwas bei dieser jungen Frau. Das ist unheimlich schön.“

Positive Bestärkung, die der Grevenerin gut tut. Die ihr hilft, selbstbewusst an sich zu glauben. Ist sie, die sie früher „den Poppes nicht hochbekommen hat“, wie sie selbst sagt, ist sie jetzt in der Ausbildung motivierter als vorher in der Schule? „Ja“, sagt sie voller Überzeugung. Man spürt: Sie sagt das nicht nur so, sie meint es auch. „Ich habe die Kurve gekriegt.“ Jeder habe im Leben seine ganz eigenen Probleme sagt sie, auch Michele Böger ist nicht plötzlich sorgenfrei. Aber sie hat nun eine andere Einstellung zu den Dingen als früher. „Aufgeben ist nicht die Lösung. Man muss aufstehen und seine Probleme anpacken.“

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