Do., 23.08.2018

Grevener Kirmes vor 100 Jahren Dame ohne Unterleib trifft Boxbude

Dieses Bild zeigt die Grevener Kirmes in den 30er-Jahren. Ein Kettenkarussell gab es schon, Autoscooter oder Riesenrad bekamen die Kirmes-Fans aber nur in Münster auf dem Send zu sehen.

Dieses Bild zeigt die Grevener Kirmes in den 30er-Jahren. Ein Kettenkarussell gab es schon, Autoscooter oder Riesenrad bekamen die Kirmes-Fans aber nur in Münster auf dem Send zu sehen. Foto: Heimatverein

Greven - 

Die Grevener Kirmes spielt für viele Bürger eine herausragende Rolle. Das ist heute so, und das war in den 20er-Jahren nicht anders, wie der in Greven aufgewachsene, später in Nordwalde lebende und inzwischen verstorbene Josef Fischer vor 25 Jahren zu berichten wusste. In einem Beitrag schilderte Josef Fischer damals amüsante Begebenheiten aus der damaligen Zeit.

„Viele Grevener werden sich wohl kaum noch an den fröhlichen Schiffschaukel-Bremser August erinnern oder an die „Dame ohne Unterleib”, die früher zu den Kirmes-Attraktionen gehörte. Am Niederort trat der „Billige Jakob” auf. Tanzende junge Mädchen animierten auf dem Wilhelmplatz zum Besuch des Zirkus Weber.

Zu den großen Festen des Jahres gehörte für uns Kinder damals selbstverständlich auch die Kirmes. Sie war für mich im Jahresablauf sogar eines der vier Hauptfeste: Weihnachten, Ostern, Kirmes, Nikolaus, Pfingsten spielte für uns Kinder vielleicht noch wegen der Ferien eine Rolle.

Schon Anfang der Woche vor Kirmes liefen wir zum Bahnhof; denn damals kamen alle Kirmeswagen mit der Bahn, und Michels zog sie mit seinen Pferden zum Wilhelmplatz. Der Platz war tiefsandig und die Wagenräder schmal und klein. So kam es, dass die vorgespannten Pferde die Wagen manchmal kaum von der Stelle ziehen konnten. Die Tiere, die von sich aus schon das Letzte hergaben, wurden so lange angetrieben und angeschrien, bis alle Wagen an ihrem vorgesehenen Platz standen.

Nun begann der tagelange Aufbau der Karussells, der Buden, der Schiffschaukeln usw. Es war für uns eine herrliche Zeit! Wir schauten nicht nur zu, sondern waren durch Handreichungen und Botengänge mit daran beteiligt, wie aus Stangen, Brettern, Schrauben und Flantschen nach und nach richtige Karussells, Schaukeln und Buden entstanden. Rademachers große Schiffschaukel übte auf die heranwachsenden Jungen und Mädchen einen ganz besonderen Reiz aus. Das war ein juchzen und Kreischen, wenn ein junger Mann seine Angebetete zu einer Fahrt überredet hatte und ihr nun zeigen wollte, dass er mit ihr in dem „Schiff” stehend so hoch hinaus konnte, dass er oben die Leinwand berührte und August, der Bremser, schließlich gezwungen war, den Bremshebel zu betätigen.

Nur wenige älteren Grevener werden sich noch an den fröhlichen Schiffschaukel-Bremser August erinnern, Er hatte bunte Federn an seinem alten Hut, stets eine Zigarre im Mund und konnte die Musik, die aus der großen Barockorgel ertönte, auf Schraubenschlüsseln mitspielen. Wie er das machte? Er hatte eine Reihe verschieden großer Schraubenschlüssel vor sich ausgebreitet. Zwei weitere hielt er in den Händen und hämmerte mit ihnen auf seine vor ihm liegenden Schlüssel herum wie auf einem Xylophon. Dabei machte er die tollsten Verrenkungen, lachte die Umstehenden an und traf, ohne hinzuschauen, immer die richtigen Töne. Dabei summte und sang er die gespielten Melodien laut mit. Er war ein wirklicher Künstler, und nicht nur wir Kinder haben ihm stundenlang voller Staunen zugeschaut.

Der Hauptbetrieb spielte sich auf dem Wilhelmplatz ab. Die Buden mit Süßigkeiten und Spielwaren standen hier zwischen den Karussells und zogen sich weiter rechts und links der Straße hinunter bis in den Niederort. Weitere standen noch in der früheren Gartenstraße und entlang der Marktstraße bis zum Marktplatz, wo außer den Buden noch ein großes Karussell seinen Platz gefunden hatte.

Zu den Attraktionen auf dem Wilhelmplatz gehörte damals auch der Zirkus Weber. Hübsche, junge Mädchen tanzten auf einem Podest vor dem Zirkuszelt, während der Chef unter Hinweis auf seine schönen Töchter zum Besuch der Vorstellung aufforderte. Ein Kinderkarussell wurde von Shetland-Ponys gezogen. Ich erinnere mich aber auch an ein Karussell, das auf einem feststehenden Boden der oberen Etage von kräftigen Jungen geschoben wurde. Sie bekamen dafür eine geringe Entlohnung, meistens mussten sie sich aber mit einigen Freikarten begnügen. Die heranwachsenden Jungen meldeten sich freiwillig für diese Arbeit.

In den Tagen und Wochen vor der Kirmes waren wir darauf bedacht, uns durch Botengänge und Handreichungen zusätzlich etwas Kirmesgeld zu verdienen. Ich erinnere mich gut, dass wir uns darum gerissen haben, in der Lebkuchenfabrik Heemann an der Barkenstraße die „Wundertüten” zu füllen. Für uns war das keine Arbeit. Wir machten das gerne und waren froh, wenn sich am Abend ein paar Groschen oder gar eine runde Mark mehr in unserer Kirmes-Spardose befand. Bei sieben Geschwistern gab es von den Eltern nur wenig Kirmesgeld. Wenn man Glück hatte, traf man auf der Kirmes den Patenonkel oder die Patentante, die einem nach einer freundlichen Begrüßung vielleicht noch 50 Pfennig spendierten.

Auf der Kirmes gab es außer dem erwähnten Kinderkarussell mit großen weißen Pferden, Schwänen aus Holz und der berüchtigten „Kaffeemühle” noch ein Kettenkarussell, Schaubuden mit besonderen Attraktionen wie z. B. „Erna, die fette, und Paula, die nette” oder „die Dame ohne Unterleib”. Boxkampfbuden und ein Kleinzirkus vervollständigten das Programm der Darbietungen.

Autoscooter oder Riesenräder fand man zu der Zeit höchstens auf dem Send in Münster, nicht aber auf einer Dorfkirmes. Dafür gab es in Greven als weitere Sehenswürdigkeiten noch das Kasperletheater und den „Billigen Jakob” im Niederort. In den Kneipen traten sogenannte Komiker auf, die mehr oder weniger deftige Witze und Kurzgeschichten zum besten gaben.

Noch Tage und Wochen nach der Kirmes spielten wir, wenn die Luft rein war, bei uns zu Hause auf dem großen Schneidertisch „Zirkus Weber”. Einer von uns Jungen machte den Direktor, und Anne und Martha Focks tanzten und warfen ihre Beine wie die jungen Mädchen vom Zirkus Weber in die Luft. Zuschauer waren unsere Freundinnen und Freunde aus der engeren und weiteren Nachbarschaft.“



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