Mo., 27.08.2018

Kaltefleiters feiern diesmal selbst Wirtsleute aus Leidenschaft

Rita und Heinz-Wilhelm Kalte­fleiter haben heute vor 50 Jahren kirchlich geheiratet. Anlässlich des Ehejubiläums gönnen sie sich ein paar freie Tage – mehr aber auch nicht.

Rita und Heinz-Wilhelm Kalte­fleiter haben heute vor 50 Jahren kirchlich geheiratet. Anlässlich des Ehejubiläums gönnen sie sich ein paar freie Tage – mehr aber auch nicht. Foto: Oliver Hengst

Gimbte - 

Bei ihnen wird viel gefeiert. Jetzt feiern sie selbst Goldene Hochzeit. Das Wirtsehepaar Kaltefleiter hat Gimbte mitgeprägt.

Von Oliver Hengst

Feiern? Ach was. „Wir feiern doch hier jeden Tag“, sagt Heinz-Wilhem Kaltefleiter. Was er damit meint: die Feiern, die er mit seiner Familie regelmäßig für andere ausrichtet. Wonach er aber gefragt wurde: Ob die Goldhochzeit, die er und seine Gattin Rita am heutigen Tage feiern, nicht ein Fest wert wäre. Doch am Ende, das wissen die Jubilare, ständen sie nur doch wieder am Zapfhahn, würden Tabletts herumtragen oder in der Küche schwitzen. So wie (fast) jeden Tag.

Also gönnen sie sich heute in einem anderen Lokal ein leckeres Frühstück und verabschieden sich direkt danach für ein paar Tage in den Urlaub. Die Gaststätte Kalte­fleiter bleibt ausnahmsweise geschlossen. Aber nur bis Freitag, dann muss wieder gebacken werden. Sie sind Wirtsleute aus Leidenschaft und fühlen sich Kunden und Gästen verpflichtet. Alte Schule eben.

Zum Thema Backen: Als Rita und Heinz-Wilhelm Kalte­fleiter Mitte der 60er Jahre in seinen elterlichen Betrieb einstiegen, „hatten wir noch eine Bäckerei und die Gaststätte“, berichtet die Jubilarin. Viel Schlaf bekommt man da nicht. Bis nachts in der Gaststätte arbeiten, um dann fast nahtlos in die Backstube zu wechseln – das schlaucht. 1973 wurde die Bäckerei daher geschlossen, 1979 haben die Kaltefleiters dafür Hotelzimmer eingerichtet. „1989 haben wir dann die alte Knabenschule umgebaut“, erzählt Heinz-Wilhelm Kaltefleiter.

Ganz ohne Backen ging und geht es aber doch nicht. „Auf Drängen vieler alter Gimbter Bürger haben wir 1983 wieder mit dem Backen angefangen, weil es keine Lebensmittel im Dorf zu kaufen gab.“ Seitdem werden in einem eigens dafür eingerichteten Raum der Gasstätte freitags und samstags Backwaren verkauft. Am Backofen steht inzwischen Sohn Dirk Kalte­fleiter, der auch in der Küche Regie führt. Der zweite Sohn Hendrik Kaltefleiter ist für den Service und das Kaufmännische zuständig. Auch die Eltern sind noch immer voll eingebunden. Rita Kalte­fleiter umsorgt die Hotelgäste und kümmert sich ums Kaffeegeschäft. „Und mein Mann ist der Zapfer vom Dienst“, sagt sie schmunzelnd.

Kennengelernt haben sie sich seinerzeit in – na klar – einer Gaststätte. Sie arbeitete im damaligen Jägerhäuschen am Schiffahrter Damm in Münster, er war dort mit einem Kartenspiel-Freund zu Gast. „So haben wir uns kennengelernt“, sagt sie. Hat er lange um ihre Gunst werben müssen? Kurzes Zögern – dann ein klares „Nein!“ Beide sehen sich an und lachen – das in 50 Jahren gewachsene Vertrauen ist fast mit Händen zu greifen.

Der ersten Begegnung, es muss 1963 oder 1964 gewesen sein, folgte die standesamtliche Trauung und schließlich am 27. August des Jahres 1968 die kirchliche – das entscheidende Datum. „Die kirchliche Trauung zählt, so war das damals“, sagt sie.

Apropos damals: In 50 Jahren hat sich im Gastgewerbe viel verändert. Auch die Gäste. „Die waren früher zufriedener. Der Wandel ist gravierend. Heute sind die Menschen oft hektisch, ungeduldig“, sagt sie. Dabei bleibt oft die Gemütlichkeit auf der Strecke. „Stammtische gibt es ja auch so gut wie gar nicht mehr“, sagt der erfahrene Gastwirt.

Und auch die Tradition des sonntäglichen Frühschoppens drohe auszusterben. „Früher haben wir hier sonntags nach der Kirche 50 Ochsenschwanzsuppen ausgegeben.“ Heute begrüße man nach dem Kirchgang allenfalls noch eine handvoll Gäste. „Alles ist anders geworden“, sagt er, durchaus bedauernd. Beispiel: Gutes Personal zu finden, inzwischen eine immer anspruchsvollere Aufgabe für Arbeitgeber.

Heute aber wollen die Kaltefleiters von derlei Sorgen nichts wissen. Der Tag gehört ganz der Familie, der Erinnerung an 50 arbeitsreiche, aber glückliche Jahre und dem hoffnungsvollen Blick in die Zukunft.



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