Sa., 08.09.2018

Reiner Zwilling von der Agentur für Arbeit über neue Förderungen Mit mehr Hilfe in den neuen Job

Reiner Zwilling ist Vorsitzender des Vorstands der Arbeitsagentur im Kreis Steinfurt.

Reiner Zwilling ist Vorsitzender des Vorstands der Arbeitsagentur im Kreis Steinfurt. Foto: Günter Benning

Greven - 

Der Arbeitsmarkt boomt. Für Reiner Zwilling, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Rheine, ist das auch eine Chance, mehr Langzeitarbeitslose in Betriebe zu integrieren – mit mehr Hilfen von seiner Agentur. Über die Lage auf dem Arbeitsmarkt sprach Zwilling mit unserem Redakteur Günter Benning.

Man sieht in der Arbeitslosenstatistik in Greven eine positive Wende. Aber die Menge der Menschen, die Hartz IV erhalten, verändert sich nicht wesentlich. Warum?

Zwilling: Arbeitgeber suchen Arbeitskräfte. Je näher die Erfahrungen der Leute am Arbeitsmarkt sind, je qualifizierter sie sind, umso attraktiver sind sie. Das liegt auf der Hand und ist nicht verwerflich. Der andere Punkt ist: Wenn jemand lange ohne Job war, braucht er besondere Hilfen. Da sind die Kollegen vom Jobcenter des Kreises gut aufgestellt. Wir bieten aber an, diese Hilfen noch zu ergänzen.

Die Trennung von Arbeitsagentur und Jobcenter versteht ja nicht jeder. Sie beschäftigen sich mit akut von Arbeitslosigkeit Betroffenen. Die Jobcenter mit den Langzeitarbeitslosen. Warum hat man das gemacht – und ist das noch immer sinnvoll?

Zwilling: Das war eine politische Entscheidung in Zeiten von deutlich höherer Arbeitslosigkeit als heute. Man hat Menschen, denen Langzeitarbeitslosigkeit drohte, vor Ort aus ihrem Wohnumfeld gezielt helfen wollen. Das auch mit sozialarbeiterischer Hilfe oder mit Hilfen aus dem Jugendamt oder der Schuldnerberatung. Dafür ist die Ortsnähe gut, das wollen wir auch nicht in Frage stellen. Aber wir wollen es im Sinne der Kommunen und der Arbeitgeber noch verbessern.

Ein Problem ist ja: Arbeitsplätze sind nicht immer da, wo die Leute wohnen. Die Arbeitsagentur kann Jobs vermitteln, die aus Sicht der Kommunen nicht direkt vor der Tür liegen. Was können Sie da anbieten?

Zwilling: Wir können erst mal Transparenz schaffen. Wenn jemand im nordöstlichen Teil des Kreises lebt, ist ihm vielleicht gar nicht bewusst, welche guten Arbeitsmöglichkeiten es in verschiedenen Bereichen Grevens gibt. Da bieten wir eine Brücke. Und wir helfen den Arbeitgebern im Sinne einer Vorauswahl. Es hilft ja gar nichts, eine Stelle irgendwo anzubieten und ungefiltert bewirbt sich dann Gott und die Welt. Wir können hier eine Brücke bieten im Rahmen von weiteren finanziellen Förderhilfen. Wenn jemand eingestellt wird, auch probehalber, und wenn er noch qualifiziert angelernt werden muss, dann können wir den Betrieb unterstützen. Es handelt sich ja um einen besonderen Aufwand. Wir helfen gleichzeitig dem Betrieb und den Menschen, die sonst von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen sind.

Erfunden wurde die Aufgabentrennung in einer Zeit, in der große Arbeitslosigkeit herrschte und man im Geheimen gar nicht mehr geglaubt hat, dass die Langzeitarbeitslosen überhaupt in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden können. Da befinden wir uns heute in einer anderen Situation?

Zwilling: Aus meiner Sicht in einer deutlich anderen Situation. Was nicht heißt, dass es doch einzelne Menschen gibt, die auch Hilfen im Sinne eines sozialen Arbeitsmarktes brauchen, die besondere Förderhilfen in einem eher geschützteren Bereich benötigen. Das will ich nicht in Frage stellen. Aber eine Situation wie Anfang des Jahrtausends haben wir hier im Kreisgebiet nicht – und absehbar auch nicht.

Das heißt, man muss auch als Arbeitgeber lernen, mit Mitarbeitern, die vielleicht Probleme mitbringen, anders umzugehen als das früher der Fall war?

Zwilling: Ich kann das nur unterstreichen – und muss das Thema noch erweitern. Die Betriebe haben absehbar nur dann Chancen, Mitarbeiter zu gewinnen, wenn sie ihrerseits deutlich machen, wir sind rundum attraktiv. Das ist nicht nur eine Frage der Arbeitszeit und des Entgeltes, es ist eine Frage der Arbeitskondition. Welche Flächen habe ich, gibt es eine Kantine, welche Möglichkeiten gibt es, zur Arbeit zu kommen, unterstützt mich der Arbeitgeber dabei, wie steht es mit dem Öffentlichen Nahverkehr, welche Wohnmöglichkeiten gibt es in der Gegend? Gibt es andere Formen der Unterstützung bei der Freizeitgestaltung? Das sind einige Fragen. Dabei geht es um ein ganzes Netzwerk. Je mehr sich Arbeitgeber da einbringen, umso attraktiver sind sie, finden Leute und halten Leute. Das ist momentan die Situation. Wir haben uns klar gewandelt von einem Arbeitgebermarkt zu einem Arbeitnehmer-seitig ausgerichteten Arbeitsmarkt.

Das heißt, wer Mitarbeiter sucht, kann keine Rosinenpickerei machen?

Zwilling: Arbeitgeber suchen Mitarbeiter. Aber je höher Arbeitnehmer qualifiziert sind, je leichter sind sie in der Lage, zwischen einer Vielzahl von angebotenen Stellen auszuwählen.

Heute kommt es in vielen Betrieben auf die Qualifizierung im Betrieb an. Beispiel: Egeplast, die sagen, sie suchen 40 Leute – vom KfZ-Mechaniker bis zum Industrietechnologen. Die stellen sich darauf ein, die Leute auf ihre innerbetrieblichen Bedürfnisse zu schulen. Ist das normal?

Zwilling: Ja, insbesondere in Unternehmen, wo handwerkliche oder technische Qualitäten erforderlich sind. Das hat unterschiedliche Gründe. Erstens wollen mehr Leute in kaufmännische Bereich rein, auch deshalb gibt es einen Mangel in anderen Bereichen. Der zweite Punkt: Es gibt gerade in der Industrie und im Handwerk immer technische Neuerungen, auf die geschult werden muss. Daher gibt es in solchen Betrieben auch eher eine Qualifizierungskultur.

Manchmal geht es auch ums Geld. Ein Beispiel: Eine Arbeitgeberin sucht auf ihrem Freizeithof einen Gärtner. Der Kandidat, der Hartz IV erhält, rechnete ihr vor, dass er mit drei Kindern, und Wohngeld mehr Geld hat, als er verdienen konnte. Ist das Alimentationssystem manchmal kontraproduktiv?

Zwilling: Ich würde das nicht am Versorgungssystem aufhängen. Es handelt sich bei Hartz IV um Bedarfssätze, eine Grundlage, die begründet ist. Die Frage muss eher sein, sind wir mit unserem Wirtschaftssystem so aufgestellt, dass wir in der Lage sind, jemanden so zu bezahlen, dass er nicht auf die öffentliche Alimentation angewiesen ist? Wir müssen nicht Gehälter wie in Norwegen haben, aber die Frage ist, ob es nicht an der Zeit ist, im Rahmen der wirtschaftlichen Gesamtschau die Leute auch angemessen zu bezahlen?

Sind die Betriebe in unserer Region da schlechter aufgestellt als anderswo in Deutschland?

Zwilling: Den unmittelbaren Vergleich mit Betrieben in Süddeutschland will ich nicht ziehen. Aber was die Gehaltsstruktur angeht, da ist doch noch Luft nach oben.



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