Siebtklässlerin findet leblose Frau
Zwölfjährige schreit um Hilfe – doch viele fahren vorbei

Greven -

Den Anblick des leblosen Körpers in der Ems – den wird die Schülerin so schnell nicht vergessen. Und auch nicht das Gefühl der Hilflosigkeit, das sich einstellte, als niemand anhielt, um zu helfen.

Montag, 08.10.2018, 19:35 Uhr aktualisiert: 09.10.2018, 07:25 Uhr
Am Emsufer riefen Vater und Tochter laut um Hilfe, doch oben auf der Brücke hielt niemand an. Erst als die Schülerin auf der Brücke einen Passanten regelrecht anbrüllte, eilte dieser zu Hilfe.
Am Emsufer riefen Vater und Tochter laut um Hilfe, doch oben auf der Brücke hielt niemand an. Erst als die Schülerin auf der Brücke einen Passanten regelrecht anbrüllte, eilte dieser zu Hilfe. Foto: Oliver Hengst

„Da sind bestimmt 15 an mir vorbeifahren und keiner ist auf die Idee gekommen, anzuhalten oder zu helfen“, sagt die Gymnasiastin.

Mit dem Hund am Deich

Gegen 7 Uhr morgens hatte sie am vergangenen Donnerstag mit ihrem Hund den Deich angesteuert, um eine Runde zu drehen. Unten am Ufer das Unfassbare: „Ich habe eine Person gesehen, die sich nicht bewegt hat.“ Unter Schock eilte sie zurück auf die Brücke der Nordwalder Straße und rief ihren Vater an, der blitzschnell da war. Er versuchte, der leblosen Person zu helfen. „Ich habe laut um Hilfe geschrien und mein Vater auch“, erinnert sich die Schülerin.

Vater eilt zu Hilfe

Der Versuch, den Körper, der halb im Wasser lag, ans Ufer zu ziehen, misslang zunächst. Der Vater benötigte dringend Hilfe – bekam sie aber nicht. Fußgänger und Radfahrer, die die Situation sehen und die Rufe hätten hören müssen, eilten vorbei – einer nach dem anderen. Erst als die Zwölfjährige einen Mann anbrüllte („Ich habe ihn richtig angemotzt“), packte dieser mit an. Gemeinsam hievten die Männer die Frau aus dem Wasser. „Ich habe ihr dann erstmal meinen Schal gegeben – das ist so eine halbe Decke. Wir hatten an dem Morgen sechs Grad, das Wasser war richtig kalt. Sie war ganz blass und hat gezittert.“

Die meisten auf dem Weg zur Arbeit

Weitere Passanten, die zu Hilfe eilten: Fehlanzeige. Und es hätte im morgendlichen Berufsverkehr genügend potenzielle Helfer gegeben. „Die meisten hatten Taschen dabei, die waren wohl auf dem Weg zur Arbeit.“

Die zwischenzeitlich alarmierten Rettungskräfte, die nebst Feuerwehr und Polizei und mit Sirene und Blaulicht anrückten, brachten die unterkühlte Person – offensichtlich eine Seniorin – schließlich ins Krankenhaus. Sie habe, erfuhren Vater und Tochter, eine Körpertemperatur von nur noch 26 Grad gehabt. Zehn Minuten länger im kalten Wasser – und die ältere Dame (die den Rettungskräften bekannt war) wäre wohl tot gewesen, sagte man ihnen.

Bilder im Kopf

„Seitdem habe ich die ganzen Bilder in Dauerschleife im Kopf“, sagte die Gymnasiastin. Sie war durcheinander, an Lernen und Alltag war erst einmal nicht zu denken, sie nahm und nimmt psychologische Hilfe in Anspruch. Als sie in ihrer Klasse davon erzählte, warum sie in den vergangenen Tagen so durcheinander war, habe sie viel Zuspruch erfahren.

Siebtklässlerin noch immer fassungslos

Dass niemand zu helfen bereit war – das versteht auch die Familie nicht, wie die Mutter, die beim Gespräch dabei ist, bestätigt. „Ich bin noch voll geschockt über die Erwachsenen, die vorbei gefahren sind. Ich fühlte mich so allein gelassen“, sagt die Siebtklässlerin. „Ich meine: Mein Vater und ich haben um Hilfe geschrien, wir haben echt gebrüllt. Wenn zwei Menschen das tun, dann muss doch schon was sein. Einfach vorbeifahren – das macht man doch nicht“, ist die Zwölfjährige noch immer fassungslos.

Und sie hat noch viele weitere Fragen. Wie geht es der älteren Dame? Wohnt sie allein oder in einer Pflegeeinrichtung? Warum lag sie an jenem Morgen im Wasser? Fragen, die wohl nur die Angehörigen klären können. Wer dem Mädchen helfen kann, die Fragen zu beantworten, meldet sich am besten in der Redaktion ( ✆ 02571-936871), die dann den Kontakt herstellt.

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