Interview mit der ersten Gleichstellungsbeauftragten in Greven
„Es ist noch ein langer Weg“

Greven -

Es ist genau 100 Jahre her, dass die Frauen in Deutschland zum ersten Mal wählen durften. Und Ende der 80er-Jahre bekam Greven mit Gudrun Meyer zum ersten Mal eine Gleichstellungsbeauftragte. Sie war in diesem Amt ehrenamtlich tätig und wurde nach zwei Jahren von einer hauptamtlichen Kraft abgelöst. Im Gespräch mit Gudrun Meyer geht es um die Zeit damals und die weitere Entwicklung der Gleichstellung von Mann und Frau.

Freitag, 19.10.2018, 18:56 Uhr aktualisiert: 21.10.2018, 15:37 Uhr
Ende der 80er-Jahre wurde Gudrun Meyer erste Gleichstellungsbeauftragte Grevens. Sie übte das Amt noch ehrenamtlich aus, ihre Nachfolgerinnen Mechtild Beike, Christiane Wieging und aktuell Petra Freese machten und machen das hauptamtlich.
Ende der 80er-Jahre wurde Gudrun Meyer erste Gleichstellungsbeauftragte Grevens. Sie übte das Amt noch ehrenamtlich aus, ihre Nachfolgerinnen Mechtild Beike, Christiane Wieging und aktuell Petra Freese machten und machen das hauptamtlich. Foto: Peter Beckmann

Wer ist damals eigentlich auf die Idee gekommen, die Stelle einer Gleichstellungsbeauftragten einzurichten?

Gudrun Meyer: Ich war damals Vorsitzende der Frauen-Union. Dort haben wir über dieses Thema diskutiert und auch beschlossen, so etwas zu initiieren.

Was war der Hintergrund, der Auslöser?

Meyer: Es waren damals gerade einmal zwei Frauen im Grevener Rat. Das war quasi der Auslöser. Zum anderen haben wir damals in der Frauenunion über das Thema Übermittagsbetreuung in Schulen und Kindergärten diskutiert, um eine bessere zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen. Da wurden wir damals ausgelacht. Aber: darum ist das damals so entstanden. Wir wollten eine Gleichstellungsbeauftragte, die sich um die Belange der Frauen kümmert. Themen wie Unterrepräsentation in der Wirtschaft und der Politik oder Gewalt gegen Frauen standen da auf der Agenda.

Wie haben Sie ganz konkret ihr Amt als Gleichstellungsbeauftragte ausgeübt?

Meyer: Ich hatte im Rathaus Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt bekommen und bot zwei Mal die Woche Sprechstunden an. Und es kamen viele Frauen, ich habe ihnen zugehört, habe versucht Probleme zu klären, Hilfe zu vermitteln. Es ging um das Thema Teilzeitbeschäftigung, die Öffentlichkeitsarbeit war sehr wichtig für mich. Ich denke, das war damals der richtige Weg, der richtige Einstieg über diese Ehrenamtlichkeit.

Nach ihrer Zeit wurden dann eine Hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte angestellt.

Meyer: Ja, ich habe das zwei Jahre ehrenamtlich gemacht und habe dann für den Rat kandidiert und wurde auch gewählt. Und Ratsarbeit und Gleichstellungsbeauftragte zusammen war dann zu viel, das ging allein schon zeitlich nicht.

Beike, Wieging und jetzt Freese: Ihnen sind drei Hauptamtliche gefolgt.

Meyer: Ja, und das ist natürlich anders angelegt. Meine Arbeit als Gleichstellungsbeauftragte war offener. Jetzt ist eine hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte Pflicht für Städte über 10 000 Einwohner. Und die ist sicher auch mehr für die Verwaltung selbst zuständig. Es war also damals gar nicht mal so schlecht eine Ehrenamtliche zu haben, die raus ging, bekannt war und sich für alle geöffnet hat.

Ist denn heute eine Gleichstellungsbeauftragte noch nötig?

Meyer: Ja, wir haben zwar viel erreicht. Aber es gibt auch noch reichlich zu tun.

Sie haben doch sicherlich nach den zwei Jahren als Gleichstellungsbeauftragte ein Resümee gezogen. Wie ist das damals ausgefallen?

Meyer: Der Einsatz hat sich gelohnt, alleine schon die Tatsache, das Amt der Gleichstellungsbeauftragten einzuführen und bekannt zu machen. Es war endlich jemand da, an den sich die Frauen wenden konnten. Es wurde zugehört, es wurde geholfen.

Sie sind ja anschließend Ratsfrau gewesen, eine der wenigen. Aber heute sieht es doch auch nicht viel besser aus . . .

Meyer: Das liegt sicherlich daran, dass die Frauen heute in den meisten Fällen berufstätig sind  . . .

. . . was aber auch auf Männer zutrifft.

Meyer: Aber leider ist es größtenteils noch so, dass die Frauen für den Haushalt und die Kinder zuständig sind. Zumindest in meiner Generation ist das noch so. In den folgenden Generationen ist das sicherlich auch eine Erziehungssache, ist es die Frage, welche Rollenbilder da vermittelt werden. Meinen Sohn habe ich so erzogen, dass er sich auch an den Kochtopf stellt oder auch bügelt. Das gab es in meiner Generation überhaupt nicht. Trotz allem: Die Hauptlast liegt auch heute noch in ganz vielen Fällen bei den Frauen. Da gibt es für Gleichstellungsbeauftragte noch jede Menge zu tun.

Was mich, aber auch viele Kollegen nervt, ist die Genderisierung der Sprache: Schülerinnen und Schüler, Wähler und Wählerinnen. Was halten Sie davon?

Meyer: Mir ist das nicht wichtig, das ist nicht der Punkt um den es geht. Ich halte nicht viel davon, dass man sich sprachlich verbiegt. Aber sowieso: Die jungen Frauen sind heutzutage selbstbewusster, Resultat einer guten Schulausbildung, die früher für Mädchen nicht wichtig war. Da wurde gesagt, du heiratest und bekommst Kinder, da brauchst du keine Ausbildung. Da hat sich ja sehr viel gewandelt. Frauen sind fleißiger und strebsamer und erarbeiten sich gute Schulabschlüsse.

Trotz allem scheint eine Quote nötig zu sein, damit Frauen in Führungspositionen gelangen. Woran liegt es?

Meyer: An den Männern natürlich. Frauen werden in der Männergesellschaft gedeckelt. Und gerade deshalb ist auch eine Gleichstellungsbeauftragte auch heute noch wichtig. Aber natürlich darf bei der Quotenregel die Qualifikation nicht vergessen werden. Das steht oben an. Aber es gibt auch viele hoch qualifizierte Frauen die es schwer haben, in Führungspositionen zu kommen. Gerade in den Führungspositionen wird sehr stark mit Ellenbogen gekämpft. Und die haben die Frauen häufig noch nicht.

Eine große Aufgabe für die Zukunft

Meyer: Wir sind auf dem Weg, haben eine Bundeskanzlerin und auch schon einige weibliche Führungskräfte in der Wirtschaft. Man muss die Gleichberechtigung nur vorleben, bei den Kindern und den Enkelkindern. Da hat sich viel gewandelt, aber es gibt auch noch reichlich Handlungsbedarf.

Di europäischen Staaten verzeichnen seit einigen Jahren einen vermehrten Zuzug von Menschen aus Afrika. Viele dieser Männer haben ein ganz anderes Frauenbild. Könnte das ein Problem in Sachen Gleichberechtigung werden?

Meyer: Ja, das ist häufig ein Problem. Für deutsche Frauen aber natürlich auch für die geflüchteten Frauen, die hier leben. Da muss noch ganz viel Arbeit geleistet werden, Das ist ein großes Problem, an dem gearbeitet werden muss. Da muss ein Umdenken her, das kann eine Gleichstellungsbeauftragte alleine nicht bewältigen.

Ab wann wäre eine Gleichstellungsbeauftragte überflüssig?

Meyer: Ziel muss es sein, ein ausgewogenes Verhältnis von Männern und Frauen in der Politik, in der Wirtschaft zu bekommen.

Ist diese Streben nach Gleichheit nicht falsch? Männer und Frauen sind nun mal unterschiedlich?

Meyer: So viel unterscheidet Frauen und Männer nicht. Ja gut, wir Frauen bekommen die Kinder, Männer sind vielleicht ein bisschen kräftiger, aber sonst? Ich bin sehr selbstständig. Wenn eine Frau viel kann und den Mann nicht als Hilfe anfordert – das können Männer häufig nicht gut haben. Aber so etwas liegt an der Erziehung, das Elternhaus spielt eine große Rolle. Ich bin zum Beispiel auf einem Bauernhof groß geworden . . .

. . . da herrschten sicherlich noch klare Verhältnisse . .

Meyer: Ja, das war so. Mein älterer Bruder war ganz klar der Hoferbe und er wurde zum Macho erzogen. Ich brauchte immer mehr Ellenbogen, ich musste mich immer mehr durchsetzen. Und für mich war klar, dass ich dort nicht bleiben konnte. Und dadurch habe ich einen großen Ehrgeiz entwickelt und habe über diesen Ehrgeiz zur Selbstständigkeit gefunden.

Sicherlich ein Grund dafür, dass sie sich für Gleichberechtigung engagieren . . .

Meyer: Ja, das ist so. Ich als Gleichstellungsbeauftragte und meine Mitstreiterinnen von der Frauenunion haben viel erreicht und einiges verändert. Und darauf bin ich auch stolz. Aber eine Gleichstellungsbeauftragte ist auch weiterhin wichtig, die Quote ist wichtig. Es ist noch ein langer Weg.

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