Es gibt noch wenige Anträge für das Persönliche Budget
„Ich fühle mich als Chefin“

Greven -

KSL ist das Kompetenzzentrum Selbstbestimmtes Leben. Gemeinsam mit der Lebenshilfe startet es eine Kampagne für das „Persönliche Budget.“ Was das ist? Eigenes Geld für Behinderte – mehr Chefgefühl. Dieses Persönliche Budget ist nicht neu, sagt Anke Schwarze vom KSL: „Aber es wird viel zu selten in Anspruch genommen.“

Sonntag, 28.10.2018, 13:53 Uhr aktualisiert: 28.10.2018, 14:00 Uhr
Annika Hille und ihre Mutter Inge (v.l.) werben gemeinsam für das Persönliche Budget, das Menschen mit einer Behinderung größere Möglichkeiten bietet, ihr Leben selbst zu bestimmen.
Annika Hille und ihre Mutter Inge (v.l.) werben gemeinsam für das Persönliche Budget, das Menschen mit einer Behinderung größere Möglichkeiten bietet, ihr Leben selbst zu bestimmen. Foto: Günter Benning

Wenn Behinderte selbst sprechen, wird Tacheles geredet. „Ich fühle mich nicht mehr als Krüppel“, sagt die junge Frau, die unter spastisches Lähmungen leidet, „sondern als die Chefin.“ Sie ist eine der Hauptfiguren in einem Film, über den das KSL.NRW am Donnerstagabend in der Kulturschmiede diskutieren lässt. KSL ist das Kompetenzzentrum Selbstbestimmtes Leben. Gemeinsam mit der Lebenshilfe startet es eine Kampagne für das „Persönliche Budget.“ Was das ist? Eigenes Geld für Behinderte – mehr Chefgefühl.

Dieses Persönliche Budget ist nicht neu, sagt Anke Schwarze vom KSL: „Aber es wird viel zu selten in Anspruch genommen.“ Anders sei das im Bereich der Altenpflege. Dort gibt es Vergleichbares. Wer nicht stationär ins Heim gehen will, kann sich mit Pflegegeld Leistungen selber einkaufen.

Annika Hille ist davon betroffen. Die Grevenerin ist geistig beeinträchtigt, aber sie bezieht seit einiger Zeit ihr Persönliches Budget. Seither wohnt sie allein in ihrer Wohnung und kann sich ihre Freizeit gestalten, wie sie das möchte. Hille, die bei der Veranstaltung in der Kulturschmiede bei etwas schweigsam ist, prangt auf einer Stellwand, die mit anderen auf die Reise durch NRW gehen soll. Dort werben auch andere Behinderte für das Persönliche Budget. Annika Hille steht dort mit einer Sprechblase: „Sei mutig und macht das.“

Den Mut bringen derzeit offenbar nicht viele Betroffene auf, erklärte Hubert Flüchter, beim Kreis Steinfurt Sachgebietsleitung für Ausbildungsförderung und Eingliederungshilfe: „Die Zahl der Anträge ist sehr überschaubar.“ Dabei sei das Persönliche Budget nicht etwa ein Anspruch, bei dem die Behörde einen Ermessensspielraum hätte. Es gebe ein Recht darauf.

„Vor allem bei geistig Behinderten“, sagt Marita Dirks-Kortemeyer aus dem Vorstand der Lebenshilfe, „wird immer unterstellt, dass sie ihr Budget nicht selbst verwalten könnten – sie können das sehr wohl.“ Allerdings sei dafür eine gute Beratung notwendig: „Wir haben ein schönes Land, aber es ist total verwirrend, was die sozialrechtlichen Fragen angeht.“

Eröffnet wurde die Veranstaltung von Bürgermeister Peter Vennemeyer, der das aus eigener Anschauung unterstützen konnte: „Meine Schwester ist behindert – versuchen sie mal, Ersatzreifen für einen Rollstuhl zu bekommen.“ Da sei auch der beste Bürokrat überfordert.

Die Veranstaltung in der Kulturschmiede war übrigens behindertengerecht: Mit Gebärden- und Schreibdolmetschern.

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